Hilfe oder Härte? - DER SPIEGEL
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WELTFINANZEN Hilfe oder Härte?

Auf den neuen IWF-Chef Horst Köhler wartet eine Mission Impossible: Er soll die Schlagkraft der Weltfinanzpolizei erhöhen - mit weniger Geld. Er möge Entwicklungsländer sensibler behandeln als sein Vorgänger, verlangen die IWF-Kritiker. Er müsse brutaler durchgreifen, fordern die USA.
Von Winfried Didzoleit, Mathias Müller von Blumencron und Christian Reiermann
• aus DER SPIEGEL 12/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Ende hatte Horst Köhler in Washington nur noch Freunde, jedenfalls für einen Tag. Seine eigene Kandidatur für den Chefposten beim Internationalen Währungsfonds werde er selbstverständlich zurückziehen, ließ IWF-Vize Stanley Fischer den Deutschen bei einem gemeinsamen Frühstück am vergangenen Donnerstag wissen. Köhler könne sich darauf verlassen, dass er auch als zweiter Mann loyal zu ihm stehe.

Auch der amerikanische Finanzminister Lawrence Summers, der in den vergangenen Wochen die deutsche Kandidatur nach Kräften hintertrieben hatte, entließ den designierten IWF-Chef nach einem ersten Vier-Augen-Gespräch mit den besten Wünschen. »Wir waren uns in allen Punkten weitgehend einig«, berichtete Köhler.

Selbst wenn noch unklar ist, wann genau der promovierte Volkswirt sein Amtszimmer im 13-stöckigen Betonquader beziehen wird - die Arbeit, die vor ihm liegt, ist in der internationalen Finanzwelt eine der anspruchsvollsten.

Denn der IWF ist nicht nur mächtig, sondern auch höchst umstritten. An seine Kredithilfen für Länder, die in eine akute Zahlungskrise geraten sind, knüpft der Währungsfonds in der Regel rigide Sanierungsforderungen, die in den betroffenen Regionen häufig als moderne Form des Imperialismus empfunden werden. Seine Manager behandelten Staatschefs wie Bittsteller, gängelten ganze Regierungen und Parlamente, so die IWF-Kritiker.

Nicht nur die Empfänger der Finanzhilfen haben zunehmend weniger Vertrauen in die Politik des IWF, auch die Geldgeber, allen voran die Amerikaner, verlangen eine Neuausrichtung. Ihr Motto: mehr Härte, weniger Geld.

Immer häufiger muss die Weltfinanzpolizei irgendwo auf dem Globus eingreifen, um den Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften zu verhindern, immer größer sind die Summen, die dabei von den Anteilseignern des IWF aufgebracht werden müssen. Auf über 100 Milliarden Dollar haben sich die Notkredite aller Helfer allein bei der so genannten Asienkrise summiert.

Längst ist ein Richtungsstreit über die Zukunft des IWF entbrannt: Soll er weiterhin Milliarden in Krisenländer leiten und dabei mehr als bislang entwicklungspolitische Akzente setzen, wie es viele Europäer fordern? Oder soll der Währungsfonds seine Mittel nur noch kurzfristig einsetzen, auf die Gefahr hin, dass Empfängerstaaten verarmen - eine Vorstellung, die vor allem im US-Kongress populär ist?

Kein Wunder, dass ein ausgewiesener Entwicklungspolitiker wie der erste deutsche Kandidat, der langjährige Weltbankmanager Caio Koch-Weser, den Amerikanern nicht passte. Doch auch gegen Köhler, Chef der Osteuropa-Bank, machten die Amerikaner zunächst Front.

Kaum hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder den neuen Namen ins Spiel gebracht, starteten Präsident Bill Clinton und sein Finanzminister Summers eine ihrer gefürchteten Telefonkampagnen. Als die Telefonate mit den europäischen Partnern diesmal keinen Erfolg versprachen, versuchten sie auf Köhler selbst Druck auszuüben. So schickte Summers eigens einen Spitzenbeamten nach London, um dem Banker die Kandidatur auszureden, doch Köhler blieb standhaft.

Am Ende präsentierte die US-Regierung noch eine Art Notvariante: Köhler solle keine volle Amtszeit IWF-Chef bleiben, sondern nur die verbleibende Amtsdauer seines Vorgängers ausfüllen. Auch das lehnte die Bundesregierung kühl ab, schließlich konnte sie sich diesmal der Zustimmung der Nachbarn sicher sein.

Zweifel an der Qualität des Kandidaten waren ebenfalls kein Thema. Vor allem in Europa genießt der 57-Jährige einen exzellenten Ruf, schließlich war er einer der Autoren des Maastricht-Vertrages zur Einführung des Euro.

Köhler ist ein Pragmatiker mit Instinkt und Durchsetzungsvermögen, also genau den Eigenschaften eines Sanierers, auf die es jetzt ankommt. So brachte er die Osteuropa-Bank, die unter seinem Vorgänger vor allem durch Prunksucht und Ineffizienz aufgefallen war, aus den Schlagzeilen und in die schwarzen Zahlen. Ausgestattet mit einer robusten Brutalität in Arbeitsstil und Umgangsformen, die er zuweilen hinter jungenhaftem Grinsen zu verbergen weiß, gilt Köhler bei Freunden wie Gegnern als harter Verhandlungspartner.

»Die Amerikaner werden noch einmal bereuen, dass sie ihn und nicht Koch-Weser akzeptiert haben«, glaubt ein Hedge- Fonds-Manager, der lange mit Köhler zusammengearbeitet hat.

Seine Steherqualitäten kann Köhler bald unter Beweis stellen, denn in der Debatte über die Zukunft des IWF haben die Amerikaner einen Vorstoß unternommen, der auf eine direkte Konfrontation mit dem künftigen IWF-Chef angelegt ist. In einem Report für den US-Kongress empfiehlt eine Expertenkommission, die Kompetenzen des IWF kräftig zurückzustutzen. Der Fonds solle sich nur noch um »makroökonomische Stabilisierung«, also die Rückführung von Staatsdefiziten und Inflation, kümmern und so für stärkeres Wachstum in den Krisenländern sorgen.

Dass Köhler dieser Idee wenig abgewinnen kann, darf als sicher gelten. Mehrfach schon hat er klargemacht, dass eine Institution wie der IWF nicht nur auf volkswirtschaftliche Daten achten darf, sondern auch Rücksicht nehmen muss auf Land und Leute.

»Wir können Marktwirtschaft und Demokratie nur dann auf Dauer verwirklichen, wenn wir sie mit der Kultur, der Geschichte und den Traditionen des Landes verankern«, kritisierte Köhler beispielsweise das Vorgehen des IWF in Russland.

Heikel wird sich daher vor allem der Umgang mit amerikanischen Politikern gestalten. Die USA, mit knapp 18 Prozent Fonds-Anteil der größte Beitragszahler, nutzten den Währungsfonds bislang gern als Instrument ihrer Wirtschaftspolitik.

Um die Wall Street vor Verlusten zu schützen, drängte die US-Regierung den damaligen Fonds-Chef Michel Camdessus während der so genannten Tequila-Krise 1994 zu Milliardenkrediten für Mexiko. Sie presste die Direktoren während der Asienkrise zu einem zweifelhaften Milliarden-Kredit an Korea. Und sie trieb die Fonds-Manager zu immer riskanteren Finanzoperationen in der Ukraine, ohne sich zuvor über das Ausmaß der Misere verlässliche Zahlen besorgt zu haben.

Solche Engagements haben die Glaubwürdigkeit des IWF erschüttert. Immer häufiger, so scheint es, ist er mit dem Krisenmanagement überfordert.

Von den 137 Ländern, die zwischen 1965 und 1995 IWF-Kredite bekamen, haben 81 ihre Kreditwünsche nach 1981 um 50 Prozent erhöht, ermittelte die konservative Heritage Foundation aus Washington. Bolivien etwa bekam nahezu jährlich Stütze mit der Auflage, deutlich zu sparen. Tatsächlich erhöhte die Regierung ihr Budgetdefizit in den Jahren um 8000 Prozent.

Dass die Kreditvergabe neu geordnet werden muss, ist im IWF unumstritten. Das Management denkt darüber nach, wie man vor allem Privatbanken an Rettungsaktionen beteiligen könnte. Ein Vorbild könnte die Rettung für den vor anderthalb Jahren in Not geratenen Hedge-Fonds Long Term Capital Management sein.

Damals hatte der Chef der New Yorker Notenbank die Manager von einem Dutzend Investmentbanken zu einer Rettungsrunde zusammengerufen und stellte sie vor die Alternative: entweder ein paar hundert Millionen an Notkrediten aus eigener Tasche sofort oder Milliardenverluste nach einem Börsencrash. Die Bankiers zahlten insgesamt 3,6 Milliarden Dollar.

Die Reform des Währungsfonds rangiert auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung von IWF und Weltbank ganz oben - und damit steht Köhler die erste Bewährungsprobe bevor. Zur Tagung Mitte April haben sich Globalisierungsgegner aus aller Welt angekündigt. Geplant sind Paraden mit einer Puppe, die den IWF-Chef als Knecht kaltherziger Börsenspekulanten darstellt. Nun ist zumindest klar, welches Gesicht die Puppe zeigen wird.

WINFRIED DIDZOLEIT,

MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON, CHRISTIAN REIERMANN

* Finanzminister Hans Eichel, US-Notenbankchef Alan Greenspan,Europäischer Zentralbankchef Wim Duisenberg und US-FinanzministerLawrence Summers.

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