SÜDKOREA Hilfe verdient
Vor nur rund 18 Monaten noch ängstigen sich internationale Banker in London. New York und Tokios Südkorea steuere in den wirtschaftlichen Bankrott.
Mit riesigem Defizit in der Leistungsbilanz in Höhe von fast zwei Milliarden Dollar und fast dreimal so hohen Auslandsschulden schien das Land den Finanziers in aller Welt so gut wie zahlungsunfähig zu sein. Die Seoul gepumpten Gelder drohten für immer abzuschwimmen.
Doch unversehens gilt bei etlichen Wirtschaftsexperten Südkorea nun als »das neue Japan« ("Far Eastern Economic Review"), tritt das 36-Millionen-Volk »in die Fußstapfen Japans« ("The Financial Times") -- zumindest des Japan der frühen sechziger Jahre. Damals hatte das fernöstliche Inselreich zu seinem beispiellosen Aufstieg in den Top-Klub der Industrienationen angesetzt.
So problematisch der Vergleich mit Japan angesichts der weit weniger entwickelten Wirtschaftsstrukturen Südkoreas sein mag -- das Tempo, mit dem das »Land der Morgenstille« (so die Übersetzung des Namens Korea) sich zu einem Industriestaat aufschwingt, ist atemberaubend. Und häufig verfällt es dabei auf ähnliche Strategien, wie sie der japanische Nachbar vorführte.
Als koreanisches Wirtschaftswunder gilt allein schon, daß es den Planern des diktatorischen Regimes unter Park Chung Hee gelungen ist, das Land von nur einem Jahr aufs andere aus der Rezession mit drohendem Zusammenbruch in den Boom zu zwingen.
»Wer sich an 1975 erinnert, als die Banker aus Sorge um ihre Kredite an den Fingernägeln bissen«, frohlockt ein Finanzfachmann in London, »der kann den immensen Fortschritt nachrechnen -- auf einem der fünf Millionen elektronischen Taschenrechner, die von den Koreanern letztes Jahr exportiert wurden.«
Während 1976 in fast keinem Land der Welt die Konjunktur wieder so richtig an Fahrt gewann, steigerten Südkoreas Firmenchefs den Ausstoß in ihren Fabriken -- vor allem Textilien, Elektronik, Maschinen, Chemikalien, Schiffe -- um über 25 Prozent. Die Inflationsrate drückten die Wirtschaftslenker in Seoul von 25,3 Prozent auf unter die Hälfte -- weniger als etwa in Großbritannien und Italien. Das Loch in der Leistungsbilanz schrumpfte auf 283 Millionen Dollar -- lediglich ein Siebentel des Defizits vom Vorjahr. Das Bruttosozialprodukt, noch immer wichtigster Fortschrittsindikator, wuchs nach Abzug der Teuerungsrate um satte 15 Prozent (Bundesrepublik 5,6 Prozent, Japan 6,3 Prozent) auf 25 Milliarden Dollar. Das sind 698 Dollar pro Kopf, 166 Dollar mehr als 1975.
Den rasanten Boom verdanken die Südkoreaner vor allem ihren Außenhändlern, die nach japanischem Vorbild mit Kampfpreisen zu einer Offensive wie nie zuvor auf die Märkte in USA, Japan, Europa und Nahost vordrangen: Die Ausfuhren schnellten um 52 Prozent nach oben, 7,8 Milliarden Dollar an Devisen flossen so in südkoreanische Kassen. Gleichzeitig verdoppelten sich Seouls Devisenreserven auf fast drei Milliarden Dollar.
Südkoreas Baufirmen verdienen im Ausland kräftig mit. Innerhalb von nur elf Monaten holten sie sich vor allem in den Ölstaaten am Golf Aufträge im Wert von 2,3 Milliarden Dollar.
Mit der Geldschwemme aus den Auslandsgeschäften schwand alsbald auch die Furcht vor dem von vielen Bankern erwarteten finanziellen Ruin. Jahr für Jahr hatte sich Seoul immer größere Summen im Ausland gepumpt, um die Wirtschaft auf Touren zu bringen. Ende 1975 hatten sich Auslandsschulden in Höhe von 5,8 Milliarden Dollar aufgetürmt, ein Jahr später waren sie sogar auf 7,2 Milliarden Dollar gestiegen.
Hatten jedoch 1975 die Schulden den alarmierenden Anteil von 98,51 Prozent der laufenden Einnahmen erreicht, so sank dieser Anteil im letzten Jahr auf 76,5 Prozent der Exporterlöse und anderer Deviseneinnahmen wie etwa Frachtgebühren.
Für Südkoreas Wirtschaftslenker zahlte sich aus, daß sie auf Wachstum um fast jeden Preis gesetzt hatten. Als nach dem Ölschock von 1973 die Volkswirtschaften fast aller Länder auf Null- oder gar Minuswachstum zurückfielen, investierten die Südkoreaner hemmungslos entgegen allen Konjunkturläufen Milliardenbeträge in neue Maschinen und Anlagen.
Und der Exportindustrie wurden Branche für Branche Planziele gesetzt, die mit Regierungshilfe und systematischer Unterstützung durch koreanische Diplomaten im Ausland erreicht werden sollten -- vergleichbar der Erkundungs- und Eroberungsstrategie der Japaner.
Von den Japanern guckten sich die Südkoreaner auch ein anderes Erfolgsinstrument für die Durchdringung ausländischer Märkte ab: die riesigen Handelshäuser, ohne die im Warenaustausch mit Japan fast nichts läuft. Über die zehn größten, wegen ihrer Finanzkraft fast schon berüchtigten Sogo Shosha werden fast 90 Prozent aller Exporte und über 55 Prozent aller Importe abgewickelt.
Zu einer ähnlich schlagkräftigen Marktmacht will Seoul sieben sogenannte General Trading Companies* formieren. Gestützt auf massive Regierungshilfe, wie beispielsweise Steuererleichterungen und Kreditfinanzierung, sollen die GTCs die Vorhut beim Sturm auf die Auslandsmärkte bilden.
Die meisten der GTCs gehören zu großen Mischkonzernen, die ähnlich wie vor dem Krieg in Japan die Zaibat-
* Samsung, Daewoo Industrial, Ssangyong Trading, International Chemical. Hanil Synthetic Fibre, Hyosung Moolsan, Koryo Trading (staatlich).
su - mächtige Trusts - von wenigen Finanz- und Familienclans beherrscht werden.
Im Samsung-Konzern etwa wird so gut wie alles produziert, was Südkoreas Industrie zu bieten hat, von Textilien über Papier zu Elektronik, Maschinen und petrochemischen Produkten. Dem Konzern gehören eine Hotelgesellschaft, eine Universität und ein Krankenhaus.
Sogar über Massenmedien verfügen Südkoreas Zaibatsu. Samsung gehört die große Tageszeitung »Joong-ang Ilbo«, die Nachrichtenagentur Orient-Press wird von Ssangyong kontrolliert.
Einigen der Großkonzerne hat das Park-Regime eine Monopolstellung für bestimmte Produkte zugeschanzt: Samsung zum Beispiel für Zucker, Ssangyong für Zement.
Nur mit Großmächten dieses Kalibers, so sind Seouls Wirtschaftsplaner überzeugt, läßt sich Südkorea weiter auf Wachstum trimmen. Sie ermuntern daher -- ganz nach dem frühen Beispiel fusionsberauschter Regierungsfunktionäre in Tokio die ohnehin miteinander verfilzten Firmen, noch enger zusammenzurücken.
»Wir haben von den Japanern viel gelernt«, bekennt ein Regierungsvertreter in Seoul.
Der Wirtschaftsaufschwung scheint den Südkoreanern mit ihrem Nachahmungstrieb recht zu geben. Lobte unlängst selbst die eher vorsichtige Weltbank: »Die fortdauernd hohe Expansionsrate bei den Einkommen seit 15 Jahren hat Korea aus einem der ärmsten Entwicklungsländer zu einer halbindustrialisierten. Nation der mittleren Einkommensklasse gemacht.«
Und Anfang April urteilte die Weltbank-Beratungsgruppe für Korea, das Land habe angesichts »außergewöhnlich günstiger Ergebnisse« auch künftig »die weitere Hilfe der Kapitalexportländer verdient«.