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STAHLINDUSTRIE Hilfe von Chomeini

Die Stahlwirtschaft hat sich endgültig in die Krisenbranchen eingereiht: Weit über 10 000 Arbeitsplätze sollen an Ruhr und Saar gestrichen werden.
• aus DER SPIEGEL 24/1981
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Für das Management schien die Abstimmung im Aufsichtsrat der Krupp Stahl AG nur noch eine Formsache. Es ging Mitte Mai darum, die Stahlproduktion einzuschränken und drastisch Personal abzubauen: Über 5000 Arbeitsplätze sollen in den nächsten Jahren verschwinden.

Absehbar schien, daß die Arbeitnehmervertreter, die Hälfte der Aufsichtsräte, gegen und der neutrale Mann, der Bonner Volkswirtschaftsprofessor Wilhelm Krelle, für den Plan stimmen würden. Mit den Stimmen der Kapitaleigner wäre der Personalschnitt dann beschlossen gewesen.

Doch einer unter den Kapitalvertretern spielte das Spiel nicht mit. Chomeinis Industrieminister Mahmud Ahmed Sadeh-Herawi, der 25 Prozent des Grundkapitals vertritt, blockierte die Abstimmung. Der Iraner zu den erstaunten Aufsichtsrats-Kollegen: Die Vorstandsvorlage sei ihm zu spät zugegangen, so schnell könne er einem so gewichtigen Plan nicht zustimmen.

Die Betriebsräte des Hüttenkonzerns konnten es kaum fassen. »Ohne Chomeinis Hilfe«, so freute sich Betriebsrat Erwin Ebeling, hätte die »Nacht-und-Nebel-Aktion« des Hütten-Vorstandschefs Alfons Gödde geklappt.

Wenige Tage nach der geplatzten Abstimmung in Bochum ging es 15 Kilometer weiter östlich, in Dortmund, noch um einige Stahl-Arbeitsplätze mehr: Bei Hoesch standen 8000 Jobs zur Disposition.

Ein Perser kam hier den Arbeitnehmern nicht zu Hilfe, war auch nicht gefragt. Die Gewerkschafter im Hoesch-Aufsichtsrat wissen zu genau, daß ihre Firma ohne einen radikalen Schnitt nicht zu retten ist. Sie stimmten den Plänen des Hoesch-Vorstands zu.

In den Hüttenwerken zwischen Salzgitter und Saarbrücken bangen Zehntausende um ihre Jobs. Deutschlands Stahlindustrie, die leistungsfähigste Europas, muß drastisch abmagern.

Die siebenjährige Dauerflaute beim Stahl, der durch Dauersubventionen in den Nachbarländern geförderte Preisverfall und die weltweiten Überkapazitäten haben die Traditionsbranche so geschlaucht, daß es, so Krupp-Hüttenwerker S.25 Gödde, »bei uns allen längst ans Eingemachte geht«.

Seit 1974, dem letzten Boom-Jahr beim Stahl, haben die Hütten an Ruhr, Saar und Zonenrand fast die Hälfte ihrer Vermögen und Rückstellungen aufgezehrt. Selbst der Branchen-Primus Thyssen sah sich gezwungen, Grundstücke zu verkaufen. Thyssen-Chef Dieter Spethmann: »Mit unternehmerischen Mitteln allein kann man nicht mehr gegensteuern.«

Alle, auch Thyssen, bauen in diesem Jahr Rekordverluste. Die bundeseigene Salzgitter AG rechnet mit einem Minus beim Stahl von rund 200 Millionen Mark. Schlußlicht Hoesch befürchtet sogar einen Verlust von 600 Millionen Mark.

Der saarländische Röchling-Konzern war Anfang des Jahres praktisch zahlungsunfähig. Bonn mußte mit einer Bürgschaft einspringen, damit das Management Löhne überweisen konnte.

Für Röchling war vor drei Jahren ein langfristiges Sanierungskonzept erstellt worden, das bislang noch nichts brachte. Die Bonner und die saarländische Regierung sagten damals 1,1 Milliarden Mark an Beihilfen und Bürgschaften zu, die Gewerkschaft gab im Gegenzug ihre Einwilligung zum Abbau von 5000 Arbeitsplätzen bis 1985.

IG-Metall-Vorstand Rudolf Judith schloß seinerzeit mit Bund, Land und Management einen Vertrag, in dem peinlichst genau die Finanzierung des Konzern-Umbaus und die Sozialpläne niedergeschrieben sind. Dieser Saar-Vertrag hat für Judith nun »Modell-Charakter«.

Die Stahlindustriellen von der Ruhr geißelten damals den Sanierungspakt von der Saar als Subventionssünde. Da nun aber immer mehr Ruhr-Manager ihre Fabriken ebenfalls abrüsten müssen, gewinnt das Saarmodell auch in Unternehmerkreisen an Zugkraft.

Als erste ließen sich die Hoesch-Manager auf einen Handel nach Röchling-Vorbild ein. Bislang fehlt in Dortmund nur noch die endgültige Zusage der öffentlichen Finanziers. Doch Metaller und Unternehmer sind sicher, daß der Staat bald seine Unterschrift unter einen Hoesch-Vertrag setzen wird -- mit einem Einstandspreis von mindestens einer Milliarde Mark.

Bei Krupp, wo es gegenwärtig noch nicht so schlimm aussieht, glaubten sich Gödde und sein Vorstand stark genug, ihre Abbaupläne ohne Rücksicht auf die Gewerkschaften durchziehen zu können. Sie brachten ihr Sanierungsprogramm in den Aufsichtsrat, ohne es vorher mit Betriebsräten und dem Düsseldorfer Büro des Stahlgewerkschafters Judith durchzusprechen. Und wenn im Iran nicht inzwischen der Ajatollah regierte, wären Göddes Schrumpfpläne längst beschlossen.

Die Krupp-Manager hoffen, bei der nächsten Aufsichtsratssitzung am Mittwoch kommender Woche mit ihrem Stillegungs-Konzept mehr Glück zu haben. Besser vorbereitet ist die Sitzung auf jeden Fall: Gödde flog voriges Wochenende nach Teheran, um den persischen Aktionär einzustimmen.

Die Mission ist offenbar gescheitert. Chomeinis Botschafter in Bonn, Mohamad-Mehdi Navab-Motlagh, ließ Krupp-Betriebsräte wissen, der Iran stehe weiterhin »auf Seite der Werktätigen«.

»Mit den Zielen der iranischen Revolution«, verkündigte Navab-Motlagh, sei es nicht vereinbar, »daß Arbeiter aus kapitalistischen Interessen auf die Straße gesetzt werden«.

S.24Berthold Beitz (l.) und Wilhelm Scheider.*

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