Hinter Gittern - DER SPIEGEL
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Arbeitsplätze Hinter Gittern

Bei der Chip-Produktion in Malaysia profitiert Siemens vom Knowhow der Einheimischen und von den Billiglöhnen der Gastarbeiter.
• aus DER SPIEGEL 39/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die tristen fünfgeschossigen Wohnhäuser sind mit Stahlgittern gesichert. Punkt 22 Uhr wird das Gatter mit dem übermannshohen Stacheldrahtzaun geschlossen.

Ein ehemaliger Offizier der malaysischen Royal Artillery, Walkie-talkie und Pistole griffbereit, bewacht den Eingang. »Männer dürfen hier nicht rein«, bellt er Besucher an. Selbst Verwandten wird der Zutritt verwehrt.

Hier wohnen 600 Indonesierinnen, die in der Siemens-Fabrik in Malakka arbeiten. Ihr Arbeitgeber, sagt Ariff, der Wächter, könne es sich nicht erlauben, daß sie weglaufen.

Siemens montiert in Malakka, an der Westküste Malaysias, dieses Jahr 3,5 Milliarden Speicherchips, den fingernagelgroßen Rohstoff des Elektronikzeitalters. Die Nachfrage boomt: Weder CD-Player noch Computer kommen ohne die Halbleiter aus. Kaum ein europäisches Auto fährt ohne die Chips aus Malaysia. Ob Zündung, Airbag oder ABS - die intelligenten Miniaturteile bewegen fast alles.

Nahezu alle großen Halbleiterproduzenten der Welt, von Intel über Texas Instruments bis Hitachi, haben Fabriken in Malaysia eröffnet. Per Luftfracht werden die Silizium-Plättchen aus Japan, den USA und Europa eingeflogen und hier zu einbaufähigen, handlichen Chips weiterverarbeitet.

Der Boom hat das südostasiatische Land zum weltweit größten Exporteur von Halbleiterprodukten gemacht. Gleichzeitig ist der Arbeitsmarkt leergefegt. Bei einer Arbeitslosenrate von unter drei Prozent können viele der gut 19 Millionen Malaysier zwischen verschiedenen Jobs wählen.

Eine Million Gastarbeiter hat das malaysische Wirtschaftswunder schon angezogen. Die billigen Arbeitskräfte aus den ärmeren Ländern übernehmen die dreckigsten Jobs. Nach drei Jahren müssen sie wieder nach Hause - die Regierung in Kuala Lumpur fürchtet eine Überfremdung.

Lita Hariami, 23, warben die Siemens-Leute in einer Kleinstadt auf der größten indonesischen Insel Sumatra an. Ein einheimischer Arbeitsvermittler hatte der zierlichen Frau einen Paß besorgt und etwas Geld vorgestreckt. Lita konnte neun Jahre Schule vorweisen - so kam sie zu Siemens hinter den hohen Zaun in Malakka.

»Im vergangenen Jahr ist die Nachfrage nach unseren Chips förmlich explodiert«, rechtfertigt Peter Bailey, Geschäftsführer von Siemens Malakka, die Anwerbung von Billigkräften. Er habe möglichst schnell die Belegschaft von 2500 auf 3400 Leute aufstocken müssen.

Einheimische Arbeitskräfte zu deutlich höheren Löhnen von der Konkurrenz wegzulocken wäre für den Konzern wesentlich teurer. »Da kommt eine ungesunde Lohnspirale in Gang«, sagt der Österreicher Bailey. Selbst ohne große Abwerbekampagnen mußte Siemens Malakka der Gewerkschaft Lohnerhöhungen von 24 Prozent innerhalb von drei Jahren zugestehen.

Die Indonesier sind günstiger zu haben. Nach drei Wochen Einarbeitung sitzt Lita mindestens acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, vor dem Mikroskop. In endloser Kette schweben die 16-Megabit-Chips, die das Wissen von 1000 Schreibmaschinenseiten auf wenigen Quadratmillimetern speichern können, vor ihren Augen vorbei.

Einen Mundschutz vor den Lippen und eine weiße Haube über dem Schleier, der sie als gläubige Muslimin ausweist, muß Lita die Chips auf Schäden untersuchen. In den Stunden davor waren die kleinen Wunderteile in riesigen, viele Millionen Mark teuren Maschinen extremer Hitze und dann wieder minus 40 Grad Kälte ausgesetzt. Solch aufwendige Tests sind notwendig, um die interne Vorgabe zu unterbieten, daß nur zehn von einer Million Teilen beim Einsatz in Airbags oder Computern versagen.

Eigentlich müßte Lita nur sechs Tage die Woche arbeiten. »Aber dann kann ich gar kein Geld sparen«, sagt sie. Während der ersten zehn Monate muß sie an ihren Agenten als Vermittlungsgebühr monatlich 240 Ringgit, fast den halben Monatslohn, weiterreichen. Die staatliche Lizenz, Arbeitskräfte ins Ausland zu vermitteln, gilt in Indonesien als besonders rascher Weg zum Wohlstand. Da winken Margen, wie sie sonst nur bei der Vermittlung von Prostituierten zu erzielen sind.

Zusätzlich verlangt die malaysische Regierung eine Monatsgebühr von 45 Ringgit. Bei einer mindestens 60stündigen Arbeitswoche verdient Lita nach eigenen Angaben maximal 600 Ringgit, etwa 350 Mark im Monat.

Der Frust ist groß, doch es gibt kein Zurück. Mit dem Arbeitsvermittler und dem Münchner Elektrokonzern hat Lita einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Erst nach dessen Erfüllung darf sie zum Urlaub nach Hause und kann dort überlegen, ob sie noch ein Jahr weiterarbeiten will.

Siemens hat Lita wie den anderen 600 Arbeiterinnen den Paß abgenommen. Diese von der Regierung ausdrücklich untersagte Methode rechtfertigt Arbeitsdirektor Jeffery Ong damit, daß »der Ersatz eines Passes viele 1000 Dollar kostet«. Der wahre Grund ist natürlich, daß die Siemens-Leute ihre indonesischen Arbeitsbienen nicht vorzeitig verlieren wollen.

Vor 22 Jahren wurde das malaysische Siemens-Werk gegründet, um von den Billiglöhnen des Entwicklungslandes zu profitieren. Zwar liegen die Durchschnittslöhne dank des Einsatzes asiatischer Gastarbeiter noch immer bei einem Zwölftel des deutschen Niveaus. Mittlerweile aber ist die Technologie der Asiaten für den deutschen Konzern mindestens genauso wichtig.

Das Know-how für die Verarbeitung der Chips hat Siemens nur in seinen drei südostasiatischen Werken verfügbar. »Das Niveau der Ingenieure ist hier schon beeindruckend«, sagt Andreas Hippe. Der frisch diplomierte Ingenieur der Elektrotechnik ist einer der Deutschen, die hier für die künftige Chip-Fabrik in Dresden geschult werden.

In Dresden sollen künftig 16- und 64-Megabit-Speicherchips gebaut werden. Auch ein Teil der Endfertigung für den europäischen Markt wird in Ostdeutschland erfolgen. Wenn es losgeht, wird ein Teil der malaysischen Ingenieure nach Dresden fahren, um die Produktion anzufahren - eine Art Entwicklungshilfe mit umgekehrten Vorzeichen.

Die 200 Ingenieure, meist Malaysier chinesischer Abstammung, stellen das eigentliche Kapital der Siemens-Fabrik in Malakka dar. Sie haben oft im Ausland _(* In der Kantine beim Überreichen ) _(eines Preises. )

studiert und sind über Computer- und Telefonleitungen nahezu täglich mit den deutschen Entwicklungsingenieuren und Marketingfachleuten verbunden. Nur durch diese enge Zusammenarbeit ist es möglich, jedes Jahr die Produktion der begehrten Halbleiter zu erhöhen und gleichzeitig die Kosten zu senken.

An Selbstbewußtsein mangelt es den asiatischen Siemens-Mitarbeitern nicht. Abteilungsleiter Tan Un Ghee, ein Malaysier chinesischer Herkunft, arbeitet schon 15 Jahre bei dem deutschen Konzern, er kennt dessen Schwächen und spricht sie auch aus. »Die Entscheidungen dauern immer noch zu lange«, meint er.

»Sie sind auf der Gewinnerstraße - und sie wissen das«, sagt Harry Volande über die Asiaten. Er kam vor einem halben Jahr als Finanzdirektor in das Werk - mit der Zielvorgabe, auch die letzten 5 Deutschen in der Fabrik, die zur Zeit 3400 Leute beschäftigt, überflüssig zu machen.

Volande fasziniert die Lernbereitschaft und der Arbeitseifer der Asiaten: »In den Buchhandlungen werden vor allem Managementbücher verkauft.« Von Montag bis Freitag bildet Siemens 60 Malaysier auf Firmenkosten zu Technikern aus. Am Wochenende arbeiten dieselben Leute in der Fabrik.

Da die Nachfrage nach den Halbleitern immer noch sprunghaft ansteigt, investiert Siemens in die Ausweitung der Kapazitäten weitere 500 Millionen Mark. Während im neuesten Chipwerk in Dresden maximal 1500 Arbeitsplätze entstehen, sollen nächstes Jahr in Malakka 4400 Beschäftigte 4,5 Milliarden Halbleiter im Jahr produzieren. 400 zusätzliche Indonesierinnen will der Konzern dann anwerben.

Um das riesige Arbeitskräftereservoir dieses asiatischen Landes noch besser auszuschöpfen, will Siemens auf der indonesischen Insel Batam eine weitere Halbleiterfabrik bauen. Auf dieser Insel, vor 20 Jahren noch ein kleines tropisches Eiland mit wenigen Fischerhütten, entstehen, wenige Seemeilen von Singapur entfernt, riesige Industrieparks. Dort wurden bereits über 100 000 Arbeitsplätze geschaffen.

Ähnlich wie das Siemens-Werk in Malakka beschäftigen die meisten multinationalen Konzerne auf Batam ihre Arbeiter nur zwei oder drei Jahre lang, um die Löhne niedrig zu halten. Dann holen sie sich neue billige Kräfte aus den Dörfern Sumatras und Javas. Y

* In der Kantine beim Überreichen eines Preises.

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