Mineralöl Hinterhof vergrößert
Seinen Namen wird er selbst gebildeten Mitteleuropäern buchstabieren müssen. Aber LoIk Le Floch-Prigent, 49, kann sicher sein, daß niemand ihn so schnell vergessen wird.
Der Franzose thront im 44. Stockwerk der Konzernzentrale von Elf Aquitaine, turmhoch über den Dächern von Paris. Als Präsident der größten französischen Ölgesellschaft, die zu 51,5 Prozent dem Staat gehört, weiß Le Floch-Prigent nur einen Mächtigeren über sich: den Präsidenten der Republik.
Das stärkt das Selbstbewußtsein und beflügelt zu großen Taten. Konkurrenten wie Frankreichs Branchen-Zweiten Total, die belgische Petrofina oder die deutsche Veba sieht der Elf-Chef nicht als ebenbürtig an. »Das sind nicht unsere Gegenspieler, sondern Exxon oder Shell«, sagt Le Floch-Prigent.
Er hat Großes vor: Der Elf-Präsident will den einst betulichen Staatskonzern über die Grenzen Frankreichs hinaus zu einem weltweit operierenden Ölmulti ausbauen.
Den Expansionsdrang des Franzosen wird vor allem die deutsche Ölindustrie zu spüren bekommen. Elf Aquitaine will das Tankstellennetz der Minol, des einstigen Sprit-Monopolisten der DDR, übernehmen und in Leuna (Sachsen-Anhalt) die heruntergewirtschaftete Alt-Raffinerie durch eine moderne Großanlage ersetzen.
Der Vertrag mit der Treuhandanstalt, die derzeit noch die Minol und die Alt-Raffinerie in Leuna besitzt, soll in wenigen Wochen unterzeichnet werden. Schlagartig wäre dann der rechts des Rheins bislang kaum bekannte französische Staatskonzern eine der wichtigsten Ölgesellschaften in der Bundesrepublik.
Schockiert sind die in Deutschland etablierten Ölgesellschaften über eine Entscheidung, die zugunsten von Elf in dieser Woche in Bonn fallen soll. Auf Drängen der Franzosen will das Bundeskabinett beschließen, daß Elf mit dem Erwerb von Minol alle 32 Autobahntankstellen dieser Gesellschaft in den neuen Bundesländern erhält - darunter auch jene 16 Stationen, die Minol zusammen mit westlichen Partnern betreibt.
Damit würde die Vormachtstellung zementiert, die Minol als früherer Monopolist immer noch hat. Das besonders interessante Autobahngeschäft im Osten fiele überwiegend an die Elf. Shell-Chef Hans-Georg Pohl, der vergangene Woche in Pension ging, sieht das als einen »verheerenden ordnungspolitischen Eingriff des Staates« an.
Die Autobahntankstellen im westlichen Teil Deutschlands gehören der staatseigenen Gesellschaft für Autobahnnebenbetriebe. Die verschiedenen Ölgesellschaften erhalten nur das Recht, entsprechend ihrem jeweiligen Marktanteil am gesamten Sprit-Verkauf, eine bestimmte Anzahl von Autobahnstationen zu beliefern. Der westdeutschen Mineralölwirtschaft war von Bonn zugesagt worden, daß dieses System auch auf den Ostteil der Republik übertragen wird.
Über die Franzosen besonders verärgert sind die Tankstellenbetreiber Aral und Dea. Schon vor der politischen Vereinigung von Ost und West hatten die Firmen Gemeinschaftsunternehmen mit Minol gegründet, die nun aufgelöst werden müssen.
Mit der Treuhand hatte sich Aral schon auf die Scheidungsmodalitäten geeinigt. Doch Elf, obwohl noch nicht an Minol beteiligt, torpedierte die Vereinbarung. Ein von Aral angerufenes Schiedsgericht soll den Streit nun schlichten.
Der Bretone Le Floch-Prigent, vor drei Jahren von Staatspräsident Francois Mitterrand zum Elf-Chef auserwählt, scheut solche Konflikte nicht. Er hat immer zugegriffen, wenn er eine Chance sah, seine Konzernpläne zu verwirklichen - Ölquellen zu erwerben, Raffinerien oder Tankstellennetze.
So kaufte Elf in den vergangenen beiden Jahren eine Raffinerie und 400 Tankstellen in Großbritannien auf, stieg in Spaniens zweitgrößte Raffineriegesellschaft ein und beteiligte sich mit 8,33 Prozent an der größten ostdeutschen Raffinerie, der PCK in Schwedt. Als Ostdeutschlands Ferngas-Monopolist, die Verbundnetz Gas in Leipzig, privatisiert wurde, sicherte sich der Franzose einen Anteil von fünf Prozent.
Le Floch erwarb Ölfelder in der Nordsee und in Westafrika. Elf Aquitaine wurde im vergangenen Jahr viertgrößter Ölproduzent im Nordsee-Revier.
Als erster westlicher Konzernchef schaffte es Le Floch, die Regierungen von Rußland und Kasachstan zu sogenannten Production-sharing-Verträgen zu überreden. Bei diesen Abkommen übernimmt es allein die ausländische Ölgesellschaft, nach Quellen zu suchen und die Felder zu erschließen. Wird gefördert, erhält der Staat den größeren Teil des Öls.
Schon in drei Jahren will Elf Aquitaine das erste Öl aus Feldern in der Nähe von Wolgograd beziehen. Nach dem Jahr 2000 soll bereits ein Fünftel der Elf-Ölreserven in Rußland oder Kasachstan aufgespürt sein. Die Felder dort, sagt der Bretone, »liegen in unserem Hinterhof«.
Das Tempo, mit dem Le Floch zielstrebig seinen Hinterhof vergrößert und planiert, hatte die Kollegen in den Chefetagen anderer Ölkonzerne schon seit geraumer Zeit verwundert. Der Coup in Deutschland hat sie alarmiert.
Mit massiver Schützenhilfe der französischen Regierung war es dem Elf-Chef bereits vor einem halben Jahr gelungen, andere finanzstarke Interessenten, vor allem die BP, aus dem Rennen um Minol und Leuna zu werfen. Nach Abschluß eines Vorvertrages im Januar, in dem die Franzosen Milliarden-Investitionen versprachen, verhandelte die Treuhand nur noch mit dem von Elf angeführten Konsortium, dem als kleinere Partner die Thyssen Handelsunion und die Deutsche SB-Kauf angehören.
Kommt der Vertrag mit Elf zustande, sind wichtige Zeichen für die Versorgung mit Ölprodukten in den neuen Ländern gesetzt. Wenn Le Floch tatsächlich eine so große Raffinerie in Sachsen-Anhalt bauen läßt, wie er im Vorvertrag zugesagt hat, dann reichen die Leuna-Kapazitäten und die schon bestehenden Anlagen in Schwedt aus, um den gesamten ostdeutschen Bedarf an Sprit und anderen Ölprodukten zu decken.
Die Landespolitiker in Sachsen-Anhalt sehen das genauso. Zum Ärger der westdeutschen Ölindustrie, die mit Pipelines von Hamburg oder Wilhelmshaven in das Gebiet um Leuna ihren Absatz von Ölprodukten nach Osten ausweiten möchte, droht Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Horst Rehberger, daß er den Bau einer solchen Röhre in sein Land nicht zulassen werde.
Nach Ansicht der westdeutschen Manager wird so die Planwirtschaft dort wieder eingeführt, wo sie erst vor kurzem abgeschafft worden war. Aber die Angst der Politiker vor dem Verlust von Arbeitsplätzen im deutschen Osten ist so groß, daß dem Elf-Konzern nun fast jeder Wunsch erfüllt wird.
»Die Franzosen brauchen doch nur lange genug darauf hinzuweisen, daß sie die Retter von Leuna sein werden«, so der Chef einer westdeutschen Tankstellenkette, »dann wird ihnen Minol schließlich noch geschenkt.«