Hochseeschifffahrt Somalia wird zum Piratenparadies
Hamburg - Die Zahl der Piratenüberfälle ist im ersten Halbjahr 2005 auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren gefallen, erklärte die zuständige Abteilung des International Maritime Bureau (IMB). Weltweit wurden demnach von Januar bis Juni 127 Schiffe von Piraten angegriffen, 30 Prozent weniger als Vergleichzeitraum des Vorjahres.
Sechs Schiffe seien im ersten Halbjahr auf See entführt worden, 176 Seeleute wurden als Geiseln genommen, hieß es weiter. 13 Seeleute wurden nach IMB-Angaben verletzt, nach 44 ein Jahr zuvor. Todesopfer gab es 2005 auf hoher See noch keine. Im vergangenen Jahr hatten Piraten im ersten Halbjahr bereits 30 Menschen ermordet.
Beobachter geben dennoch keine Entwarnung. "Gewalt und das Einschüchtern der Mannschaft sind nach wie vor Markenzeichen der Angriffe, und viele der Piraten tragen Waffen", sagte Pottengal Mukundan, Direktor des zur internationalen Schifffahrtsorganisation IMO gehörenden Büros.
Auch Jayant Abhyankar, stellvertretender Direktor des International Maritime Bureau (IMB), sieht kein Ende der Piratenplage. "Man muss erst einmal abwarten bis zum Ende des Jahres", sagte Abhyankar im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der relative Friede auf See habe sehr unterschiedliche Gründe. So zeige sicherlich der im Juli letzten Jahres in Kraft getretene internationale Sicherheitscode ISPS erste Wirkung. Das Regelwerk, nach dem Häfen und Reedereien Risikoanalysen und Sicherheitspläne erstellen sowie Sicherheitsbeauftragte ernennen müssen, wurde nach den Terroranschlägen vom 11. September ausgehandelt.
Doch auch die Flutkatastrophe in Südostasien Ende 2004 sei für die gesunkenen Überfallszahlen verantwortlich, sagt Abhyankar. Der Tsunami habe offensichtlich Boote und Waffen der Piraten vernichtet. In einer Hochburg der Piraterie, der Straße von Malakka zwischen Malaysia und Sumatra, habe es in den ersten zwei Monaten beispielsweise gar keine Überfälle gegeben. Doch die Flutwelle hat den Piraten nur kurzzeitig das Handwerk legen können: Im März schlugen Seeräuber auf der hochfrequentierten Wasserstraße gleich vier Mal zu. Insgesamt gab es dort bis Juli acht Überfälle, bei denen auch Seeleute gegen Lösegeld freigekauft werden mussten.
"Die Piraten vor Somalia werden immer unverfrorener"
Die indonesischen Gewässer bleiben insgesamt das unsicherste Gebiet für den Schiffsverkehr. Rund ein Drittel der Überfälle wurden von dort gemeldet. Neue Piratenhochburgen sind der Irak und Nigeria. Vor allem aber die Küste Somalias ist mittlerweile berüchtigt für Seeräuberüberfälle. "Die Piraten dort werden immer unverfrorener", sagte IMO-Direktor Mukundan. "Ihre Forderungen nach Lösegeld sind höher als jemals zuvor und die Verhandlungen für die Freigabe entführter Schiffe und Crewmitglieder können lang und anhaltend sein."
Die rasante Zunahme von Überfällen in dieser Gegend habe vor allem mit der politisch unruhigen Lage im Land zu tun, sagte der stellvertretende Direktor Abhyankar. "Die Überfälle konzentrieren sich auf den nordöstlichen und den östlichen Teil der Küste, die von Milizen kontrolliert sind." Schiffe sollten sich deshalb mindestens 80 Kilometer von der Küste entfernt halten.
Hochseeschifffahrt erlebt seit einigen Jahren einen wahren Boom. Vor allem der wirtschaftliche Aufschwung Chinas hat zu einem Anstieg der Charterraten geführt. Das Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik rechnet damit, dass der weltweite Containerumschlag von 263 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf 543 Millionen Tonnen im Jahr 2010 ansteigen wird.
Anne Seith