ZAHNÄRZTE Hohe Spanne
Der Herr kam unangemeldet in die Praxis. Er habe überhaupt kein Zahnweh, sagte er am Empfang, sondern wolle den Doktor nur mal zum Essen einladen.
Schon bei der Suppe kam der Besucher zur Sache. Sein Labor könne sämtliche prothetischen Arbeiten machen, sagte er, und dabei auch hohe Rabatte gewähren. Das Geschäft war gemacht. Insgesamt kassierte der Zahnarzt, stets bar im Briefumschlag, »Sondervergütungen« über mehrere hunderttausend Mark.
Frankfurter Staatsanwälte haben den Fall aufgedeckt. Rund drei Dutzend Zahnärzte und Dentallabore wurden wegen Abrechnungsbetrugs und Steuerhinterziehung angeklagt. Manche geben zu, ihre Patienten »geschädigt und betrogen« zu haben.
Vor allem bei Abrechnungen von Zahngold wird kräftig gemogelt. Das Zauberwort der Zunft heißt Rabatte.
Die Goldanbieter gewähren ihren Abnehmern großzügige Preisnachlässe, oftmals mehr als 25 Prozent - ein glänzendes Geschäft. Denn abgerechnet wird grundsätzlich nach Bruttopreislisten. Der Rabatt landet bei Dentallaboren wie Laborpraxen in der eigenen Kasse.
Der Griff nach dem Geld ist gut getarnt. Zwar sollen, so bestimmt es die Gebührenordnung für Zahnärzte, in der Arztrechnung die genaue Bezeichnung, das Gewicht und der Tagespreis der verwendeten Goldlegierungen aufgeführt oder ein Beleg des Dentallabors beigefügt werden.
Doch in manchen Praxen wird die Vorschrift schlichtweg vergessen oder gezielt umgangen. Die Patienten können den Goldeinsatz in ihrem Mund ohnedies kaum kontrollieren. »Sie wissen nicht, was drin ist«, sagt der Mannheimer Zahnarzt Rolf Will, der die eigene Zunft schon lange kritisch beobachtet.
Auch Zahnärzte, die Kronen oder Brücken aus einem fremden Labor beziehen, können oft weder die Menge noch die Qualität des Goldes überprüfen, zumal es meist mit Kunststoffen oder Keramik verblendet ist. Rund tausend Marken werden derzeit als Zahngold gehandelt. Es sind durchweg Legierungen, viele enthalten unedle Metalle wie Kupfer, Zink, Titan oder Eisen.
Sogar von den Krankenkassen werden die Rechnungen selten kontrolliert. Sie zahlen einen winzigen Zuschuß von zumeist zehn oder zwölf Mark für Metallkosten, etwa für ein Inlay oder eine Krone. Den großen Rest muß der Patient dazugeben. »Die Kassen prüfen das nicht«, bestätigt Günter Gabe vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen.
Sie würden auch kaum etwas Ungewöhnliches finden. Auf den ersten Blick erscheinen die Abrechnungen durchaus korrekt. Ein Zahnarzt aus Bonn etwa berechnetete für eine 2,2 Gramm schwere Krone mit dem Degussa-Zahngold Degulor M exakt 60,50 Mark. Die Ersatzkasse gewährte einen Zuschuß von 12 Mark.
Von einer Gemeinschaftspraxis in Frankfurt wurden für zwei Kronen mit 6,2 Gramm der Marke V-Gnathos PF von der Firma Metalor 224,44 Mark abgerechnet. Eine Berliner Zahnärztin verlangte für eine viergliedrige Brücke von zwölf Gramm der Heraeus-Marke Bio Maingold SG 330 Mark, 48 Mark davon übernahm die Kasse.
In allen Abrechnungen stecken überhöhte Listenpreise, bestätigt die Deutsche Krankenversicherung in Köln, Rabatte der Hersteller würden niemals an die Patienten weitergereicht. Zu welchen Preisen das Zahngold wirklich eingekauft wurde, vertuschen die Rabatt-Mauschler.
Die deftigen Bruttopreise werden zunächst von sechs Herstellern festgezurrt, dazu gehören auch die großen Konzerne. Die Edelmetallschmelzen Degussa in Frankfurt und Heraeus in Hanau beherrschen allein rund drei Viertel des Marktes.
Die Firmen publizieren ihre Preislisten stets am selben Tag. Für gleiche Legierungen gilt der gleiche Preis. Derzeit liegt der Listenpreis um rund hundert Prozent über dem tatsächlichen Metallwert (siehe Grafik Seite 101). Diese hohe Spanne hat ausländische Konkurrenten wie inländische Nachahmer angelockt. Sie überbieten sich mit immer höheren Rabatten.
Der Degussa-Manager Hans-Georg Bauer beklagt ein »Dilemma«. Die vielen kleinen Anbieter würden keine Forschung betreiben und kaum Service leisten. Deshalb hätten sie »einen größeren Spielraum für höhere Rabatte«. Für das übliche Ein-Gramm-Plättchen Zahngold würde sein Konzern gerade mal Rabatte von zwei bis fünf Mark offerieren.
Kleinere Wettbewerber wissen das besser. »Die überhöhten Preise wurden doch von der Degussa gemacht«, behauptet Jürgen Freisleben von der Firma Wegold. Außerdem böten die großen Konzerne, kostenlos für die Kundschaft, Keramikkurse und Wochenendseminare oder teure Gerätschaft für Labore und Praxen.
Sein Preissystem, meint der ehemalige Degussa-Mitarbeiter, sei dagegen transparent. Wegold biete einen Grundrabatt von 5 bis 6 Mark, zusätzlich noch einen Bonus am Jahresende, der bis zu 1,50 Mark je Gramm Zahngold ausmacht.
Insider argwöhnen eine üble Abzockerei. Das Branchenblatt ZAHNÄRZTLICHE MITTEILUNGEN etwa berichtete über »unfaßbar hohe Rabatte«, die nicht an die Patienten weitergegeben würden.
Rabatte von neun Mark pro Gramm, meldet die Zeitschrift ZAHN TECHNIK, seien schwarz auf weiß zu belegen. Bereits ein mittleres Labor mit einem Jahresverbrauch von 20 Kilogramm Legierung könne so ganz nebenbei 180 000 Mark wegstecken.
Dabei kommt einiges zusammen. Drei von vier Deutschen, das haben Umfragen ergeben, möchten ihre alten Amalgamfüllungen gegen Gold eintauschen. Das quecksilberhaltige Zeug gilt als Giftmüll im Mund. In diesem Jahr, so schätzen Experten, werden wohl mehr als 40 000 Kilogramm Zahngold abgesetzt.
Das kostet die Patienten über 1,2 Milliarden Mark, bei üblichen Rabatten von rund 9 Mark pro Gramm sind das rund 360 Millionen zuviel. Im Vergleich dazu erscheinen die Schwindeleien im Herzklappenskandal geradezu harmlos.
Einige hundert Millionen Mark könnten die Kunden zusätzlich einsparen, wenn sie sich nicht hochgoldhaltiges Material aufschwatzen ließen. Unbedenklicher sind Goldlegierungen mit Palladium und Silber, erheblich billiger sind sie auch.
Die Rabatt-Gaunereien der Branche sind keineswegs nur anrüchig, sondern oft genug auch kriminell. Zahnärzte müssen Preisabschläge, die ihnen von den Laboren gewährt werden, an die Patienten weiterreichen.
Manche betreiben jedoch eigene Labore unter dem Namen eines Strohmanns. Andere lassen sich, als treue Kunden eines Labors, Prämien auf ein diskretes Konto in der Schweiz überweisen.
Solche Betrügereien werden den Behörden meist nur zufällig bekannt. So fanden die Frankfurter Staatsanwälte aus Abrechnungsfehlern zwei Labore in Griechenland, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.
Das Motiv für die Tat war nicht schwer zu finden. Die Zahnärzte hätten eine »erhebliche Gewinnsucht an den Tag gelegt«, so das Landgericht, »um sich ein besonders luxuriöses Leben leisten zu können«.
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Preisgestaltung bei Zahngold
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