BAU-INDUSTRIE Hohe Spannen
An seinem krisengerüttelten Gewerbe findet Günther Herion gelegentlich auch mal Gefallen.
»Beachtlich« sei immerhin der Beitrag, lobt der Präsident im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, den die Branche »zum Recycling der Ölmilliarden leiste«.
So scheint es jedenfalls. Während hierzulande der Bau lotrecht in die Grube rutscht, während übers Jahr einige tausend Baufirmen dichtmachen und wohl bald über 100 000 Bauarbeiter das Heer der Arbeitslosen mehren, boomt der Bau im Ausland - vor allem in den Opec-Staaten.
Wo auch immer derzeit Großes in den Förderländern des Opec-Kartells gebaut wird, die Deutschen sind meistens dabei. Ein Teil der Milliarden-Ausgaben fürs Öl, das in heimischen Öfen und Autos verpufft, müßte damit eigentlich wieder zurück in die Bundesrepublik fließen.
Schon 1980 kletterten die Auslandsleistungen der Branche auf den Rekordstand von über zehn Milliarden Mark. In diesem Jahr werden es noch mehr.
Eifrig wie nie zuvor schaffen deutsche Baufirmen draußen in der Welt. Sie teeren Straßen, buddeln Kanäle und mauern Häuser; sie errichten Airports und Autobahnen, Betonbrücken und Bahnstrecken, Wohnungen und Fabriken, Sportstadien, Staudämme und Spitäler.
Der Konzern Philipp Holzmann beispielsweise, in Deutschland wie in Europa die Nummer eins unter den Bauriesen, häuft heute Auslandsbestellungen über knapp acht Milliarden Mark. Die Frankfurter bauen die Zentralbank in Bagdad und den Flughafen von Riad, den Zobe-Damm in Nigeria und eine 685 Kilometer lange Eisenbahn quer durch Gabun. In Saudi-Arabien setzt das Unternehmen gerade eine ganze Stadt in den Sand, einschließlich eines prächtigen Palastes für den Emir von Tabuk.
Konkurrent Hochtief tummelt sich ähnlich tüchtig auf saudischem Wüstenboden. Nach dem inzwischen vollendeten hypermodernen Pilger-Landeplatz in Dschidda für acht Milliarden Mark baut die Essener Firma nun einen Militärflughafen. Im Irak staut Hochtief - federführend in einem Konsortium - den Tigris bei Mosul durch einen drei Kilometer langen und 100 Meter hohen Damm. Fast zwei Milliarden Mark kostet die mächtige Mauer im Fluß.
Bilfinger + Berger stapelt vor allem beim Tiefbau hohe Orders. In Libyen bauen die Mannheimer etliche Straßen und Brücken in und um Tripolis herum. In Nigeria sind die Deutschen beim Aufbau der neuen Hauptstadt Abuja dabei. Im Irak arbeitet das Unternehmen gerade am »Express Way Number One«. Insgesamt ruht Bilfinger + Berger auf einem Bestell-Bestand von fast sechs Milliarden Mark.
Geschäfte in Milliardenhöhe melden noch andere Firmen: Strabag wie Züblin, Dyckerhoff & Widmann wie Wayss & Freytag. Selbst kleinere Unternehmen erhalten bisweilen schöne Offerten aus dem Orient. So wurde die Firma Trapp aus Wesel mit Aufträgen aus dem Irak beglückt. »Man nennt die Iraker die Preußen des Orients«, wagt Trapp-Chef Ernst Joachim Trapp einen Erklärungsversuch für den wundersamen Boom, »vielleicht rührt daher eine gewisse Sympathie.«
Insgesamt füllen derzeit Auslandsaufträge im Wert von rund 25 Milliarden Mark die Bestellbücher deutscher Baufirmen - und neun Zehntel davon stammen aus den Opec-Staaten. Eine großartige Entlastung für Bundesdeutschlands defizitäre Leistungsbilanz also?
Mitnichten: Die vielen Milliarden, mit denen die Firmen so protzen, fließen zum größten Teil an der Bundesrepublik vorbei. Die deutsche Volkswirtschaft hat fast nichts davon.
Zu diesem Ergebnis kommt jetzt das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in einem Gutachten, das die Forscher für das Wirtschaftsministerium angefertigt haben und das im nächsten Jahr veröffentlicht werden soll.
( Behring, Gluch, Rußig: ) ( »Entwicklungstendenzen im deutschen ) ( Auslandsbau«, Schriftenreihe des ) ( Ifo-Instituts. )
Mit Befragungen und Berechnungen haben die Münchner Wissenschaftler die großen Zahlen überzeugend kleingeklopft. Für die Beschäftigung und für die Einkommen der Bundesbürger ist der Auslandsbau, so das Ifo-Ergebnis, »nur S.62 von geringer Bedeutung«. Gemessen an der Produktion aller Branchen, seien die Milliarden-Geschäfte gar »völlig unbedeutend«.
Überraschend klein ist schon der Anteil der Deutschen, die auf fremdländischen Baustellen werkeln. Nur 8000 Mitarbeiter hat die Branche außer Landes geschickt, gerade ein halbes Prozent der Baubeschäftigten.
Die Entsandten, eine kleine, dirigierende Manager-Minderheit, nehmen sich winzig aus im Vergleich zu den 75 000 »Locals«, wie die für hartes Tagwerk angeheuerten Arbeiter im Branchenjargon heißen: Inder und Pakistaner, Ägypter, Algerier, Filipinos, Somalier.
Experten vom Hochtief-Konzern haben einmal zusammengerechnet, daß allein beim Bau des vielgerühmten Flughafens »König Abd el-Asis« in Dschidda 13 000 Arbeitskräfte aus 35 Ländern mitgewirkt haben. Beim Bau des Mosul-Damms im Irak beschäftigen die Essener nun sogar emsige Chinesen.
Auf anderen Baustellen sieht das kaum anders aus. Die Düsseldorfer Firma Boswau + Knauer beispielsweise errichtet in Algerien für 220 Millionen Mark zehn Großwerkstätten. Kaum 100 Deutsche leisten die Vorarbeit, aber 1000 Einheimische die Schwerarbeit.
Daß »der weit überwiegende Teil der Löhne und Gehälter Ausländern zufließt«, folgern die Ifo-Forscher aus der Beschäftigungspolitik der Konzerne. Daß obendrein nicht alle Einkommen der Inländer im Ausland »auch nach Deutschland transferiert werden«, scheint ebenfalls einleuchtend.
Die deutsche Volkswirtschaft profitiert noch nicht einmal sonderlich von den Materialeinkäufen der Auslandsbauer. Sand, Kies und Steine haben die Auftraggeber zur Genüge. Bitumen, Zement und Stahl liefert der Weltmarkt.
»Wir kaufen dort ein, wo es am billigsten ist«, sagt Helmut Kaeber, bei der Frankfurter Allgemeinen Bau-Union (abu) zuständig für die Kalkulation. Etliche Millionen-Projekte in afrikanischen Ländern wickelt die abu derzeit ab. Vom gesamten Auftragswert, so Kaeber, fließen nur Bruchteile in die Bundesrepublik: »zwischen 10 und 20 Prozent«.
Selbst die Gewinne bleiben häufig draußen. Zwar kalkulieren die meisten Firmen beim Auslandsbau »überdurchschnittlich hohe Gewinnspannen« (Ifo) ein. Doch in ihrem unaufhaltsamen Drang nach Größe stecken die Konzerne dicke Summen in die Gründung von Niederlassungen im Ausland. Hin und wieder kaufen sie gleich ganze Firmen auf. Bilfinger + Berger hat die Firma Fru-Con in St. Louis geschluckt, Holzmann die Jones-Gruppe in Charlotte (USA) und Hochtief die Thiies-Holding im fernen Australien.
Was dann noch übrigbleibt, wird zunächst zinsbringend auf den internationalen Kapitalmärkten angelegt. Hochtief verbuchte im letzten Geschäftsjahr allein Zinsgewinne von 97 Millionen Mark - jeweils das Drei- bis Vierfache dessen, was die Aktionäre erhielten.
Und wenn die Konzerne doch einmal größere Beträge im Inland anlegen, dann bringt das auch nicht unbedingt Gewinn für die deutsche Volkswirtschaft.
Da kaufen die Bauriesen sich gegenseitig auf: Branchen-Primus Holzmann stieg kürzlich mit einem 18-Prozent-Anteil beim Branchen-Vierten Dyckerhoff & Widmann ein. Hochtief, zweiter in der Rangfolge der Großen, konterte sofort - und beteiligte sich mit 20 Prozent bei Holzmann.
S.60Behring, Gluch, Rußig: »Entwicklungstendenzen im deutschenAuslandsbau«, Schriftenreihe des Ifo-Instituts.*