KONZERNE Hoher Preis
Stolz führte Günter Winkelmann, Vorstandsvorsitzender der Stinnes AG, seinen Aufsichtsrat durch die gerade erst bezogenen Verwaltungsräume im Mülheimer Rhein-Ruhr-Zentrum. Gut gelaunt, am Donnerstag vor Pfingsten, nahmen die Herren dann zur ersten Sitzung im neuen Hause Platz.
Die Feiertagslaune war rasch dahin. Denn Winkelmann hatte dem Ratsvorsitzenden, Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder, »Rückschläge« und »erhebliche Einbußen« im Auslandsgeschäft zu beichten. Die Stinnes AG, größte Gesellschaft im bundesbeherrschten Veba-Konzern, hatte bei dem Versuch, neue Märkte in Nahost zu erobern, zweistellige Millionenbeträge draufzahlen müssen.
Gerade vom Handel mit den Scheichs in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten aber hatten sich die Mülheimer Baustoffhändler besonders viel versprochen. Mindestens zehn Jahre lang, schwärmte Winkelmann vor drei Jahren, könnte sein Unternehmen die »größte Baustelle der Welt« mit Zement und Maschinen versorgen und am Reichtum der Ölstaaten partizipieren.
Jetzt spricht Winkelmann von »unerwarteten Schwierigkeiten des Marktes«. In drei Jahren Nahost ist für die Stinnes AG, die mit Dünger, Zement, Benzin und Stahl, mit Transporten und Selbstbedienungsketten jährlich zehn Milliarden Mark Umsatz macht, ein Verlust von 36 Millionen Mark aufgelaufen.
Dabei glaubten die deutschen Händler, für ihre Expedition in die Wüste besonders gut gerüstet zu sein. »Zur Minderung des Risikos« (Winkelmann) hatten sie sich nach tatkräftigen Partnern umgesehen.
Die Mülheimer beteiligten den pakistanischen Industriellen-Clan Saigol zur Hälfte an der Stinnes Intertrade. die sie im Juni 1975 in den Arabischen Emiraten gründeten. Wegen des strikten Beteiligungsverbots ausländischer Investoren im benachbarten Saudi-Arabien gewannen die beiden Partner ein Jahr später den größten saudischen Privatunternehmer Gaith Raschad Pharaon als Teilhaber einer weiteren gemeinsamen Firma, die Baustellen in Saudi-Arabien beliefern sollte.
Einträchtig steckten die Geschäftsfreunde sodann ihre Kompetenzen ab. De Saigol-Sippe. die daheim in Pakistan in Regierung, Banken und Airlines Ton-Positionen hält, besetzte auch in Dubai und Dschidda die Manager-Posten und heuerte Arbeiter an. Stinnes sorgte für den Warennachschub -- und stand für die Kredite gut.
Im schlichten Vertrauen auf die von den Intertrade-Geschäftsführern Aftab und Dschavaid Saigol abgegebenen Gewinn-Prognosen für das Jahr 1977 von mehr als 20 Millionen Mark bedienten die Händler von der Ruhr prompt auch alle Kreditwünsche ihrer Kompagnons. Selbst als Anfang vorigen Jahres die orientalische Tochter bei der Mülheimer Mutter bereits mit über 120 Millionen Mark verschuldet war, verbreitete der Stinnes-Vorstand in seinem Geschäftsbericht noch eitel Zuversicht: Die Nahost-Geschäfte liefen »hinsichtlich Umsatz und Ertrag planmäßig und erfreulich«.
Nicht einmal die ersten Katastrophen-Meldungen aus dem Orient im Frühjahr vorigen Jahres machten die Arabien-Anfänger stutzig. Denn die Saigols meldeten auf Anfrage unverdrossen großzügig aufgerundete Gewinnschätzungen und orderten neue Zementladungen.
Dabei war der saudische Markt längst zusammengebrochen. Um den Bau-Boom, den sie mit immer kühneren Projekten selbst angeheizt hatten. weiter zu dämpfen, zogen die Scheichs plötzlich Baupläne zurück und verschleppten längst fällige Zahlungen.
Als die Saudis obendrein die Fracht der Zementschiffe, die im Hafen von Dubai üblicherweise bis zu 180 Tagen auf Entladung warten, in einer Blitzaktion mit Hunderten von Hubschraubern löschen ließen, wurde es für die Baustoffhändler fatal. Sie blieben auf ihrem Nachschub sitzen.
Denn als die Wartezeit der Schiffe von 180 Tagen auf eine Woche zurückging, drosselten andere Lieferanten ihren Zementstrom, nicht aber die Saigols. Unverdrossen ließen sie den Stinnes-Stoff weiter nach Dubai schippern: die Preise purzelten.
Viel zu spät, erst Mitte August vorigen Jahres, schickte Stinnes-General Winkelmann seinen Vorstandskollegen Hans-Jürgen Knauer nach Nahost. Doch der Kontrolleur konnte vor Ort nichts mehr retten.
Am Ankunftstage fand Knauer den 40jährigen Stinnes-Statthalter Paul Reinhard Wetter tot in seinem Hotelbett liegen. Die Außenstände waren mittlerweile auf über 180 Millionen Mark geklettert, die aufgehäuften Zementberge konnten kurz vor dem einsetzenden Herbstregen nur noch zum halben Einkaufspreis verschleudert werden.
Schlimmer noch: Beim Blick in die Bücher der Gebrüder Saigol entdeckte Kontrolleur Knauer schließlich -- einem Bericht an den Aufsichtsrat zufolge -- »falsche Buchungen«, »Bilanzmanipulationen« und »unrechtmäßig entnommene Beträge«.
So wird es womöglich bei 36 Millionen Mark Verlust nicht bleiben. Weitere 20 Millionen müssen abgeschrieben werden, wenn die Pakistani nicht zahlen.
Doch »trotz des hohen Einstiegspreises« ist Winkelmann immer noch »überzeugt von der Zukunft des Marktes« im Nahen Osten. Und die Chance, sein Glück noch einmal zu versuchen, bekam er bereits auf der Pfingstsitzung seines Aufsichtsrates: Während der Stinnes-Chef vor der Tür wartete, verlängerte der Aufsichtsrat nach kurzer Diskussion anstandslos Winkelmanns Vertrag um weitere fünf Jahre.