Hooters hebt ab Airline mit Oberweite
hoot, noun, The cry of an owl or a similar sound
hooters, noun, A woman's breasts
Sonntag, 22 Uhr, Hooters-Air-Flug, Newark - Myrtle Beach:
In 10.000 Fuß Flughöhe fangen Desiree und Heather an, das Essen zu servieren. "Gemüsesticks oder Brezel?", "Gemüse oder Brezel", zirpen die beiden immer wieder, als sie die Gangreihen entlang gehen.
Fast könnte man Heather und Desiree für Stewardessen halten. Aber nur, wenn man die Augen nicht aufmacht.
Heather und Desiree sind heute die "Hooters Girls" im Flugzeug, und diesen Titel sollte man besser nicht übersetzen. Beide haben die Haare blond gefärbt, beide tragen knallig-orange Turnhöschen, sehr eng, und weiße Tops, noch enger. Draufgedruckt ist eine Eule mit Riesen-Augen. Die sehen einem viel bestaunten Teil der weiblichen Anatomie verdächtig ähnlich. So ist er, der Humor an Bord des Fluges 9464. "Hooters ist derb, aber nicht zu derb", hat einer der Firmenväter mal gesagt. "Ein ausgefeilter Witz, eben noch jugendfrei."
"Okay, Jungs, wie alt sind wir zwei?"
Die Boeing 737 ist fast ausverkauft gen Süden unterwegs. Der "ausgefeilte Gag" kommt offenkundig an. Seit ihrem Start im März hat Amerikas jüngste Airline Hunderte solcher Flüge hinter sich gebracht. Bei jedem reisen zwei Hooters Girls mit, zusätzlich zu drei normalen Flugbegleiterinnen. Die zeigen Notausgänge, die Atemmasken. Dann beginnt das Bespaßungsprogramm.
Nach dem Essen moderieren Heather und Desiree ein Ratespiel. Jeden dritten Satz fangen sie mit "Hey, Jungs" oder "Also, Jungs" an. "Okay, Jungs, wie alt sind wir zwei zusammengerechnet?", lautet eine der Fragen. Für die richtige Antwort - 41 - gibt's eine Anstecknadel. Sie zeigt eine langbeinige Dame, die sich an den Körper einer Boeing schmiegt. Wer kein Souvenir gewinnt, kann sich eins kaufen. Für zehn Dollar bieten Desiree und Heather T-Shirts und Mützen an mit Hootie, der Eule. Rund zehn Gäste greifen zu. "Ein Schnäppchen", sagt einer.
Hooters Shooter für Bush
Hooters Air ist neu, der Markenname und die Buseneule aber sind Amerikas Männerwelt vertraut. Hooters, die Restaurant-Kette, gibt es seit 20 Jahren. "Erfreulich doof, aber ohne Stil", heißt der Slogan, und das trifft die Sache ganz gut. Das Essen ist fettige Standard-Ware, dafür gibt es gewaltige Portionen - serviert natürlich von Hooters Girls. In den Anfangsjahren liefen sie bauchnabelfrei herum, das ist vorbei - sonst blieb die Garderobe fast gleich. Cheerleader-Erotik mit weißen Socken.
Hooters war immer ein bisschen anrüchig, doch nie wirklich tabu. 200.000 Amerikanerinnen haben mal als Hooters Girl gejobbt. Das aktuelle "Hooters"-Magazin zeigt Fotos der Girls mit Promi-Gästen wie Bill Murray, Magic Johnson - und George Bush senior, grinsend. Auf der Speisekarte stehen Gerichte wie der "Hooters 'More than a mouthful' Burger" oder der "Hooters Shooter", ein Cocktail. Wer den "Playboy" wegen der klugen Reportagen liest, der geht zu Hooters wegen des Essens.
Teil zwei: "Unsere Frauen haben nichts dagegen. Aber die hat auch niemand gefragt."
Hooters wurde 1983 von sechs Kerlen aus Florida gegründet, die eine Menge Spaß hatten, aber keine Ahnung von Finanzen. Schon bald hatte Hooters kein Geld mehr für Expansion. Seit 1985 gehört Hooters Inc. einem methodistischen Multi-Millionär. Bob Brooks, 66 und seit vier Jahren Vater, trägt meist ein Schelmen-Lächeln spazieren und sagt Sätze wie "Gutes Essen, kaltes Bier und schöne Mädchen sind immer in Mode." Unter seiner Ägide hat sich das Eulen-Reich auf US-weit 310 Orte ausgedehnt, 30 im Ausland. Weihnachten 2002 kaufte sich Brooks die Charter-Linie Pace - und ließ Flugzeuge orangefarben umspritzen.
Pünktlich ist Hooters Air an diesem Abend nicht, aber das ist wohl auch nicht der Punkt. Erst kurz vor 23 Uhr setzt die Maschine auf dem Rollfeld in Myrtle Beach auf, 90 Minuten zu spät. Alle Hooters-Flüge beginnen oder enden hier - kein Zufall. Die Strandstadt in South Carolina ist eine Art Mallorca der golfenden Männer. Nicht nur 130 Golfplätze gibt es hier, ein US-Rekord, sondern auch Bars und Nachtclubs wie "Mad Boar" und "Sea Screamer". Nicht zu vergessen die vier Hooters-Restaurants.
Montag, 10 Uhr, Oak Street, Myrtle Beach - Hooters-Air-Zentrale: Mark Peterson lädt Gäste sonst nicht in sein Büro, und das hat einen Grund. Der Konferenzraum in der kleinen, einstöckigen Geschäftszentrale sieht edler aus: dunkles Holz, viel Licht. Vor dem Fenster weht eine US-Flagge im Atlantikwind. Petersons Büro ist nur ein Viertel so groß und liegt neben einem Korridor voll Krimskrams und Pappkartons. An drei von vier Wänden hängen Kalender mit Hooters Girls, Werbung mit Hooters Girls, Bikini-Bilder. "Wir sind eine Spaß-Firma", sagt Peterson, der Geschäftsführer.
Von seinen Pin-ups eingerahmt, plant Peterson die - bescheidene - Expansion. Noch pendeln drei Eulen-Boeings durch die USA, die vierte wird gerade lackiert. "In den Medien sind wir aber präsent, als hätten wir 500 Maschinen." Ob die Eule Profite einfliegt, will er nicht genau sagen. "Das ist auch gar nicht so wichtig. Besser zehn zufriedene Kunden als ausverkauft sein und dann ein Problem haben." Peterson sieht die Jets als fliegende Werbeveranstaltung, als originelle PR für die Lokale. Die revanchieren sich mit Sponsor-Subventionen - und bezahlen pro Flug die zwei Girls.
"Nicht feurig genug"
Hooters hat sein Herz in den Südstaaten, und natürlich war die Kette immer umstritten. Plant sie ein neues Lokal, schwenken Bürgerinitiativen Protestplakate, Stadträte reden wahlweise über Anstand und Sitte oder die Rechte der Frau. Anfang der Neunziger wurde Hooters von Feministinnen verklagt, später ermittelte eine Behörde in Washington ganz ernsthaft wegen Diskriminierung von Männern - noch wurde kein Kerl als Hooters Girl angestellt.
"Die Beschwerden über uns kann ich an zwei Händen abzählen", sagt dagegen Airline-Chef Peterson. "Eher schreiben Leute, wir seien nicht feurig genug." Hooters Air habe eine andere Klientel als die Gaststätten, mehr Frauen, mehr Eltern mit Kind. Plötzlich klingt Peterson fast missionarisch: "Furchtbar viele in der Airline-Branche haben nach 9/11 ihren Job verloren. Wir tragen etwas Gutes bei, etwas anderes." Seine Gattin sei angetan von seinem neuen Job, "und mein Sohn und ich verstehen uns jetzt viel besser." Der Junior ist 29, fliegt für die Air Force. "All seine Freunde wollen Pilot bei Hooters Air werden."
Montag, 18 Uhr, Myrtle Beach International Airport: "Wir kommen nur ein Mal im Jahr her - mehr können wir unseren Lebern nicht zumuten." James Bubek hockt in kurzer Hose in der Abflughalle und knabbert an Brezel-Snacks. Seine Hooters-Air-Mütze hat er schon aufgesetzt, in einer Stunde fliegt er - das Ende eines langen Golf-und-Party-Wochenendes. Mit einem Dutzend Kumpels aus alten Tagen war Bubek hier, fast alle verheiratet. "Unsere Frauen? Haben nichts dagegen. Aber die hat auch niemand gefragt."
Gut zwei Drittel der Passagiere in der Halle sind Männer, viele reisen in Cliquen. Fast alle sagen: "Wir fliegen Hooters, weil's günstig ist." Tatsächlich nimmt die Konkurrenz oft drei Mal mehr, um 300 Dollar. Fotografieren lässt sich trotzdem keiner der Kunden - außer Bubek mit Sportsfreund Evan Pierce. "Dann können die Deutschen über uns hässliche Amerikaner lachen."
Während Bubek noch kaut, tauchen Leigh und Heather am Gate gegenüber auf. Seit über zwölf Monaten kellnern beide bei Hooters, neuerdings helfen sie bei der Airline aus. Im richtigen Leben sind sie Studentinnen, wie viele der Girls. Leigh steht vor dem Examen in Meeresbiologie, Heather besucht ein technisches College. Ihre Arbeit gefalle ihnen, beteuern sie, die Gäste seien "höflich, sehr gesprächig." Das Trinkgeld? "Ist ziemlich gut", sagen beide, und lachen noch lauter als vorher.
Montag, 20 Uhr, Hooters Air-Flug, Myrtle Beach - Baltimore: Kurz vor der Landung in Baltimore dringen Buh-Rufe aus Sitzreihe vier und fünf. Captain Reynolds, der Pilot, macht gerade eine Ansage - und hat Fürchterliches zu verkünden. Die Turbulenzen während des Fluges seien einfach zu heftig, bedauert er. Das Ratespiel mit den Hooters Girls müsse ausfallen, ausnahmsweise.
Die Jungs aus Bubeks Golfer-Clique fühlen sich offenkundig betrogen. "Turbulenzen", wiederholt einer von ihnen und müht sich, möglichst spöttisch zu klingen. Ein Flug mit Hooters Air ohne den Show-Auftritt der Girls - das ist ungefähr wie ein "Penthouse"-Heft ohne Fotos. Nur 95 Dollar teurer.