HP-Spionage-Skandal Codename "Kona"
Washington - Schon der Anfangsverdacht reichte für einen handfesten Skandal: Um undichte Stellen im Konzern aufzuspüren, über die Konzerninterna immer wieder nach außen drangen, seien Detektive engagiert worden; die hätten unter falscher Identität Telefondaten von Vorständen und Reportern ausspioniert, hieß es zunächst. Doch der Skandal bei Hewlett-Packard hat ganz andere Dimensionen. Täglich graben die US-Medien neue Dokumente und E-Mails aus, die unglaubliche Details ans Licht bringen.
Die erste große Untersuchung, Codename "Kona 1", begann im März 2005 und endete im Sommer des gleichen Jahres. Wie heute bekannt wurde, wurden dabei auch die Telefondaten von Ex-Chefin Carly Fiorina ausspioniert, die ironischerweise vor ihrem endgültigen Rausschmiss selbst schon nach einem möglichen Informationsleck geforscht hatte. Im Februar 2006 folgten die zweite große Untersuchung "Kona 2": Auslöser war ein ausführlicher Bericht im Internetmedium Cnet.com über die Zukunftspläne des Konzerns.
Für die verschiedenen Untersuchungen wurden den Zeitungsberichten zufolge zwei Detekteien engagiert - die Security Outsourcing Solutions aus Massachusetts und die Action Research Group aus Florida. Und die Ermittler kannten keine Skrupel. So wurde etwa in Machbarkeitsstudien überprüft, inwieweit Privatdetektive als Putzkräfte oder Aushilfen in die Redaktionsräume von Cnet und des "Wall Street Journal" geschleust werden könnten, wie die "New York Times" unter Berufung auf einen mit den Plänen vertrauten Informanten berichtet. Ob die Studien jemals umgesetzt wurden, sei jedoch unklar.
Ein Bericht der Security Outsourcing Solutions beschreibt der "Washington Post" zufolge außerdem, wie etwa Verwaltungsratsmitglied George A. Keyworth II auf seinem Weg zu einer Vorlesung an der University of Colorado verfolgt worden. Die Detektive hätten außerdem sein Haus in Piedmont beobachtet und Fotos eines Reporters benutzt, um zu sehen, ob die beiden sich getroffen hätten. Außerdem versuchten die Ermittler offenbar, einen Computer zurückzuergattern, der Keyworth zuvor in Italien gestohlen worden war. Sie waren auf die Informationen auf der Festplatte scharf.
Der Bericht legt der Zeitung zufolge außerdem dar, wie die Detektive mit dem für den HP-Bericht zuständigen Cnet-Reporter unter einem Vorwand E-Mails austauschten und ihm schließlich ein Attachement mit einer versteckten Spionage-Software schickten. Diese sollte sich beim Öffnen unbemerkt in seinem Computer einnisten. Außerdem würden in dem achtseitigen Dokument detailliert die ausführlichen Bemühungen der Detektive beschrieben, an Daten von Handys und Festnetzanschlüssen in den Wohnungen der Beobachtungsobjekte, und in deren Büro zu gelangen. Der Zeitung zufolge seien so insgesamt Informationen über die Besitzer von 240 Telefonnummern zusammengekommen. Opfer der Ermittler wurden dabei auch Ehepartner und Verwandte der vermeintlichen Verdächtigen.
Von nichts gewusst?
Bisher hatte sich HP-Verwaltungsratschefin Patricia Dunn, die die Detekteien angeheuert hatte, und andere Verantwortliche immer entschuldigt, sie hätten nichts über die Methoden der Ermittler gewusst. Die Recherchen der Zeitungen legen das Gegenteil nahe. Der Bericht, aus dem die "Washington Post" so ausführlich zitiert, sei vier Vorständen im Februar dieses Jahres vorgelegt worden. Das "Wall Street Journal" zitiert zudem aus E-Mails von Dunn und der Chefanwältin des Konzerns, Ann Baskins, die darauf hinweisen, dass die beiden Frauen bereits im Sommer 2005 regelmäßig und gut über die geheimen Untersuchungen informiert wurden.
Dunn etwa sei in einer E-Mail vom 6. August 2005 um ihre Meinung zu einem "Untersuchungs-Plan" gebeten worden. Das Memo sei auch an Baskins und andere hochrangige HP-Leute gegangen. Allerdings war darin nur von "intelligence gathering" - also von verdeckter Informationsbeschaffung über "interne und externe Quellen" die Rede gewesen.
Die neuesten Enthüllungen sind wohl erst der Anfang, denn längst haben sich offizielle Stellen in die Affäre eingeschaltet. Der kalifornische Staatsanwalt Bill Lockyer sowie mehrere Bundesbehörden prüfen derzeit die Basis für offizielle Ermittlungen. Lockyer hatte bereits erklärt, genügend Beweise für eine Anklage gesammelt zu haben. Außerdem wurden Schlüsselfiguren der Affäre zur Befragung vor durch einen Parlamentsausschuss geladen. Neben der Chefkontrolleurin Dunn sollen auch der Leiter des Sicherheitsbereichs, Anthony Gentilucci, und Vertreter der Detekteien aussagen.
ase