Huckepack ins Web? - DER SPIEGEL
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TELEKOMMUNIKATION Huckepack ins Web?

Die Energiekonzerne wollen das Internet per Stromkabel in jedes Haus bringen. Doch die hoch gelobte neue Technik ist noch längst nicht ausgereift.
Von Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 9/2000
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Die Idee klang viel versprechend, und die Reaktion der Anleger ließ nicht lange auf sich warten. Gleich um zehn Prozent sprang der Kurs der Veba AG am vergangenen Dienstag nach oben. Seit langem hatten die Aktionäre des Energiekonzerns nicht mehr so viel Freude an ihrem Wertpapier gehabt wie an diesem Tag.

Das Objekt, das die Phantasie der Börsianer so stark beflügelt hatte, war ein unscheinbarer schwarzer Kasten von der Größe eines Schuhkartons. Damit sei »ein Durchbruch gelungen, auf den wir stolz sind«, verkündete Hans-Dieter Harig, der Chef der Veba-Tochter PreussenElektra: »Wir ermöglichen E-Commerce für jedermann - einfach über die Steckdose.«

Kein neues Kabel müsse durch den Vorgarten gelegt und keine Wand zu Hause aufgebrochen werden, betonte Harig. Allein über die Stromleitung werde künftig jeder im Rekordtempo über die Datenbahnen des Internet surfen können. Schon Anfang kommenden Jahres werde die Veba als erstes Energieunternehmen ihren Kunden in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt »die Welt des E-Commerce über Stromleitungen zu wirtschaftlich sehr guten Bedingungen anbieten«.

Der Vorstoß sorgte in der Energiebranche zunächst für Unruhe und Verwirrung. Die Idee, über das Stromkabel zu telefonieren und Daten zu verschicken, ist zwar nicht neu. Doch bislang hatte sich die Veba auf diesem Zukunftsfeld zurückgehalten und auch nicht in den Branchenverbänden mitgearbeitet. »Wir haben die Entwicklung weitestgehend intern betrieben und aus strategischen Gründen nicht vorab publiziert«, begründete Harig die Geheimnistuerei.

Bald war aber klar, dass die Veba kaum weiter ist als die Konkurrenz - und damit noch einiges vom Ziel entfernt.

Die Basistechnik für die angebliche »Revolution auf dem Telekommunikationsmarkt« ist seit Jahrzehnten bekannt. Über die Leitungen fließt nicht nur Strom, sondern es können auch interne Daten übermittelt werden, etwa um Straßenlaternen ein- und auszuschalten oder Nachtspeicherheizungen zu steuern. Auch das »Babyphone«, mit dem Eltern ihre schlafenden Kinder überwachen, wird nur in die Steckdose gesteckt.

Seit die Telefonmärkte für den Wettbewerb freigegeben sind, träumen die Energiekonzerne davon, die Technik im Kampf um die Kunden zu nutzen und der Telekom Konkurrenz zu machen. Zudem zwingt der beginnende Wettbewerb auf dem Strommarkt die Energieriesen dazu, neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Das Ziel ist das vernetzte Haus, bei dem alle elektrischen Geräte vom Kühlschrank bis zur Waschmaschine ferngesteuert und ferngewartet werden. Doch allein mit »energienahen Diensten«, meint etwa Siemens-Manager Askold Meusling, könne ein solches »System nicht refinanziert werden«. Als so genannte Killer-Application gilt deshalb der Zugang zum Internet.

Erste Erfolge mit dieser als Powerline Communication (PLC) bekannten Technik erzielte Mitte der neunziger Jahre der englische Stromversorger United Utilities. Mit einer vom kanadischen Telekom-Ausrüster Nortel entwickelten Technik konnten die ersten Haushalte über das Stromnetz im World Wide Web surfen.

Dabei wird ein Trafohäuschen, das bis zu 400 Haushalte versorgt, mit der nächstgelegenen Telefonvermittlungsstelle verbunden. Vom Trafohäuschen reiten die Daten dann auf den letzten Metern bis zur Steckdose im Haus auf den Stromwellen. Spezielle Modems lesen die Daten aus dem Strom heraus und übertragen sie an Telefon, Fax oder Computer.

In Deutschland fand die Idee bald zahlreiche Nachahmer. So startete der Karlsruher Energiekonzern EnBW 1998 einen Feldversuch mit der Nortel-Technik, bei dem bis heute knapp 200 Haushalte in zwei Ortschaften in Baden-Württemberg per Stromkabel ins Internet kommen. Auf eine Eigenentwicklung setzte die Berliner Bewag in ihrem Projekt »Düne« (Datenübertragung über Niederspannungsnetze). Anfang 1999 schließlich demonstrierte RWE zusammen mit der schweizerischen Elektronikfirma Ascom seine Fortschritte auf der Powerline und beflügelte damals genauso die Phantasie der Anleger wie jetzt der Konkurrent Veba.

All diese Erfolgsmeldungen, meint der Karlsruher Professor Klaus Dostart, seien »viel zu marktschreierisch«. Die Schwierigkeiten würden regelmäßig unterschätzt. Zum Beispiel müssen die huckepack reisenden Daten auf dem Weg zur Steckdose enorm verstärkt werden. Dadurch können Störungen entstehen, die den Rundfunkempfang im Mittelwellenbereich oder die Funksysteme von Polizei oder Rettungsdiensten massiv beeinträchtigen.

Die Energieversorger glauben zwar, solche Probleme bald lösen zu können. Doch der international gefragte PLC-Experte Dostart warnt vor übertriebenen Erwartungen: »Da ist noch eine Menge Gehirnschmalz nötig.«

Eine bundesweit einheitliche Frequenz, auf der die Stromkonzerne die letzte Meile überwinden, wird es jedenfalls nicht geben. Auch eine internationale Normung der Technik ist nicht in Sicht.

Die Berliner Bewag und der Powerline-Pionier Nortel haben denn auch schon ihre Konsequenzen gezogen und der PLC-Technik den Rücken gekehrt. »Unsere Wirtschaftlichkeitsberechnungen ließen uns gar keine andere Wahl«, erklärt Nortel-Manager Josef Ellmauer den Rückzug.

Früher oder später, glaubt Ellmauer, werde das auch die Konkurrenz begreifen. »Wir wären überrascht«, meint Ellmauer, »wenn bei denen die Physik anders funktioniert als bei uns.« KLAUS-PETER KERBUSK

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