Hugo Boss Der Bilanzschneider von New York
Stuttgart - Der 13. Mai war der Tag der großen Abrechnung. Höchstpersönlich flog der neue Hugo Boss-Chef Bruno Sälzer nach New York, um seinen Statthalter Marty Staff zu feuern. Das Loch in der Bilanz der US-Tochter in Höhe von rund sechs Millionen Euro war nicht mehr zu übertünchen, Konsequenzen unvermeidlich.
Doch offenbar steckt noch viel mehr hinter der Entlassung als nur ein schlecht verlaufener Geschäftsgang. Nach Informationen der "Stuttgarter Zeitung" hat der geschasste US-Chef über Jahre hinweg systematisch Waren in die Läden gepumpt, um die Umsätze auf dem Papier zu erhöhen. Dass Hemden, Anzüge oder Schuhe tatsächlich nicht zu verkaufen waren, ließ Staff anscheinend kalt.
Der Grund: Staffs Vertrag sieht bei einem geschätzten Grundgehalt von rund einer Million Euro pro Jahr, wie in der Branche üblich, Boni für Umsatz- und Gewinnsteigerungen vor. Durch aufgeblähte Lieferungen konnte der Manager sein Gehalt offenbar um ein Mehrfaches steigern, wie die Zeitung berichtet. Das Blatt zitiert einen ehemaligen Handelspartner der Modefirma, der mit einer Dezemberlieferung einmal das Mehrfache der bestellten Waren bekommen habe: "Der Grund für solche Lieferungen war jedem in der Branche klar. Das kam alles in die Bilanz und pumpte sie ordentlich auf".
In der US-Zentrale wurde der Zustand offenbar jetzt kritisch, weil die zuviel gelieferte Ware aus allen Landesteilen zurückkam und die Lager überquellen ließen. Wichtig Geschäftspartner kündigten ihre Verträge. Am Tag der Abrechnung musste Hugo Boss seinen US-Umsatz 2001 um sechs Millionen nach unten korrigieren. Die US-Sparte erwirtschaftete nach den neuen Konzernangaben statt 1,2 Millionen Euro Gewinn nun 4,8 Millionen Euro Verlust. Nicht zuletzt, weil Sälzer für die Einstellung von Staff verantwortlich war, geriet der Boss-Chef auf der Hauptversammlung am 28. Mai deshalb schon an seinem ersten Tag an der Spitze des Unternehmens unter Beschuss.
Dass der Skandal irgend wann bekannt werden musste, war in der Branche offenbar vielen klar - nur den Chefs in der schwäbischen Zentrale nicht. Die "Suttgarter Zeitung" zitiert Insider, laut denen Staff das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster geworfen haben soll. Das Blatt berichtet von Jamaika-Reisen der Mitarbeiter auf Firmenkosten und Hubschrauberflügen für Kunden.
Ob der Nachfolger von Staff, Tony Lucia, die Probleme in den Griff bekommen wird, daran zweifeln Branchenkenner. Denn Lucia war einer von Staffs engsten Mitarbeitern. Ein Händler: "Toni wusste, was in New York passierte. Mit ihm macht Boss keinen sauberen Schnitt."