England Hundert Fehler
Es ist besser für Britannien, für das Commonwealth, für Europa, besser für die Welt, daß wir in der Gemeinschaft bleiben«, sprach Premier Wilson. Nur: Es ist offenbar wohl besser für Harold Wilson.
Der Labour-Führer sah sich am vorletzten Samstag dem feindlichsten Labour-Parteitag in seinen zwölf Jahren als Parteichef gegenüber: Die Partei-Delegierten lehnten die von Wilson empfohlene Europa-Politik mit 3,7 zu 2 Millionen Stimmen ab und forderten statt dessen. Britannien solle die Gemeinschaft verlassen.
Bei der »fraglos wichtigsten Entscheidung, die Britanniens Bürger jemals in ihrer langen Geschichte treffen mußten« (so Industrieminister Tony Wedgwood Benn), rebellierten gleich 7 der 23 Minister gegen den Regierungschef, fordert die Mehrheit der 29 Mitglieder des Parteivorstandes den Austritt aus der EG, verlangen mehrere, die Propaganda-Kampagne gegen die EG-Mitgliedschaft solle aus Parteimitteln finanziert werden. Im Unterhaus kann Sozialisten-Führer Wilson derzeit allein mit Stimmen der Konservativen und Liberalen die für die EG-Mitgliedschaft notwendigen Gesetze durchbringen -- die eigene Fraktion ist über Europa so uneins, daß die konservative Parteichefin Margaret Thatcher höhnte: »Sie haben mehr Leute auf unserer als auf Ihrer Seite.«
Während Wilson und Außenminister Callaghan auf Jamaika mit den Kollegen der Commonwealth-Nationen über die Zukunft der Welt debattierten, sorgten sich daheim die Parlamentarier um die bis zum Zerreißen gestiegene Spannung in der Partei. Beinah täglich geraten Sozialisten aneinander.
»Transport House«, das Parteihauptquartier, sowie die Wahlkreisorganisationen streiten gemeinsam mit den mächtigen Gewerkschaften gegen die EG-Empfehlung ihres Chefs, der bei einem -- von den Meinungsforschern derzeit nicht erwarteten -- Entscheid. die EG zu verlassen, vermutlich zurücktreten würde. Gegen den .Widerstand des Außenministers setzten die Partei-Manager durch, daß auf dem Parteitag ein Anti-EG-Dokument verteilt werden durfte, in dem der Chef des Foreign Office mehr als 100 Fehler gezählt hatte.
Wohl entließ der Premier den Staatsminister im Industrie-Ministerium Eric Heffer, weil dieser sich der Wilson-Anordnung widersetzt hatte, nach der Minister bei der Referendums-Kampagne zwar gegen die Wilson-Politik argumentieren dürfen, nicht jedoch bei Debatten im Unterhaus.
Die Fraktionslinken, wie etwa Ian Mikardo, betrachten den eigenen Premier inzwischen nahezu als Verräter. denn er führe eine buntscheckige Armee in die Schlacht: Konservative und Liberale, den Industrie-Verband und die City, die konservativen Zeitungen und jene, »die bei ihm um Macht buhlen«. Auf der anderen Seite aber stehe der linke Stoßtrupp, »das solide Herz der Labour-Partei«.
Einem Herzschlag ist die Partei nicht allein wegen Europa nahe. Preiserhöhungen um 21,2 Prozent, Lohnforderungen der Gewerkschaften bis zu 60 Prozent, jedenfalls nicht unter 30 Prozent, haben Partei und Regierung ratlos gemacht.
Fordert etwa Erziehungsminister Reg Prentice, die Gewerkschaften sollten bei ihren Forderungen Mäßigung üben, qualifiziert ihn sein Kabinettskollege Michael Foot sogleich als »wirtschaftlichen Analphabeten« ab. Minister streiten gegen Minister, über Verstaatlichungs-Politik wie über Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung -- und über dieses Chaos regiert Harold Wilson, konfliktumtobt. doch unerschütterlich in seiner Behauptung, die Konfrontation in seiner Partei sei weitgehend von der konservativen Presse erfunden.
Wohl »gehören Auseinandersetzungen dazu«, wie die Abgeordnete Millie Miller meint, »und es wäre nicht die Labour-Partei. wenn man nicht ständig streiten würde«. Doch vier Wochen vor dem lebenswichtigen EG-Referendum schwankt Englands Regierungspartei. ob sie den Kanal von Dover nach Calais nun überschreiten soll oder nicht.
Sollten sieh die Briten tatsächlich dazu entscheiden, Inselvolk zu bleiben. stehen ihnen vermutlich noch karge Tage bevor, wie Labour-Abgeordneter William Hamilton prophezeit: »Wenn wir rausgehen und die Araber als Konsequenz ihre Devisen von den Banken der Nation holen, könnten wir in 48 Stunden bankrott sein.«