Hungerstreik für Arbeitsplätze - DER SPIEGEL
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Hungerstreik für Arbeitsplätze

• aus DER SPIEGEL 39/1981
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Wenn es um den Chemiefaser-Konzern Enka und seine über 17 000 bundesdeutschen Beschäftigten ging, fühlte Helmut Haase, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, sich schon immer persönlich betroffen.

Besonders hart ging es den Gewerkschafter aber an, als die Enka-Manager verkündeten, sie würden ihr Werk Kassel mit 800 Beschäftigten zumachen: Helmut Haase ist einer der 800.

Der Betriebs- und Gesamtbetriebsratsvorsitzende sann lange nach, wie er am wirkungsvollsten gegen die Management-Entscheidung angehen könnte. Dann kam Haase auf eine ganz neue Variante im Kampf um Arbeitspätze: Er beschloß, für die Erhaltung von Enka/Kassel in den Hungerstreik zu treten.

Drei seiner Kollegen folgten ihm in Eßverweigerung. Mitte letzter Woche hatte Haase acht Tage nur mit Sprudelwasser ausgehalten: »Ich stehe hier wie eine Eiche.«

Die gängigen Waffen gewerkschaftlichen Widerstands hat die Kasseler IG Chemie-Papier-Keramik schon vergeblich gegen den Enka-Konzern eingesetzt: 40 000 Kasseler Bürger haben Protesterklärungen unterschrieben, Oberbürgermeister und Landessozialpfarrer, Propst und Landtagsabgeordnete schlugen sich auf ihre Seite.

Nur den Streik durften die Perlonspinner nicht ausrufen. Das wäre dem Enka-Vorstand gerade recht gewesen, denn die Zentrale in Wuppertal möchte die Produktion lieber heute als morgen einstellen.

So verfiel Haase schließlich aufs Fasten, ein »Akt der Verzweiflung«, wie er selber, ganz glaubwürdig, sagt. Denn: »Wir stehen hier mit dem Arsch an der Wand.«

Unaufhaltsam scheint dennoch der Niedergang der Enka in Kassel. Über 2500 Menschen hatten dort einmal ihr Auskommen. Durch die Umstellung von Zellwolle auf Synthese-Fasern gingen bis 1976 genau 1271 Arbeitsplätze verloren.

Haase war damals behilflich, die Entlassungen durchzuziehen. Er verließ sich auf Zusagen des Managements, daß danach die Zukunft des Werks gesichert sei.

Das alles soll nun nicht mehr gelten. Haase fühlt sich reingelegt, und er glaubt, daß die Belegschaft gleichermaßen betrogen wurde.

Deshalb wollen die vier in Kassel, drei davon Familienväter, hungern, bis Enka weich wird. Notfalls länger als 40 Tage wollen sie ohne Nahrung in ihrem Betriebsratsbüro aushalten. Dann aber soll Schluß sein, ihr Leben wollen sie nicht aufs Spiel setzen, denn »in Nordirland sind wir hier nicht«.

Anders als bei den knochenharten Engländern läßt sich hierzulande mit einem Hungerstreik was erreichen. Vorige Woche konnte Haase, fünf Kilo leichter, einen ersten Erfolg seiner Aktion verbuchen.

Enka-Chef Hans Günther Zempelin mußte sich vor dem hessischen Sozialminister Armin Clauss und vor Wirtschaftsminister Klaus-Jürgen Hoffie rechtfertigen.

Der Chemie-Manager rechnete den Politikern die 38 Millionen Mark Verlust vor, die der Konzern in Kassel verkraften muß. Er wies auf die 1,5 Milliarden Mark Verlust hin, die die niederländische Muttergesellschaft Akzo seit 1975 hinnehmen mußte.

Doch das alles half wenig, am Ende mußte Zempelin Zugeständnisse machen. Ein unabhängiger Gutachter soll prüfen, ob das Werk Kassel nicht doch zu retten ist.

Vielleicht war der Einfall mit dem Hungerstreik am Ende gar nicht so dumm. Unangenehm ist die Aktion jedenfalls allen -- dem Management, den Politikern und schließlich auch den Funktionären vom Hauptvorstand der IG Chemie-Papier-Keramik: »Wo kommen wir da hin«, sagt einer der Gewerkschafter, »wenn für jeden Arbeitsplatz die Betriebsräte in Hungerstreik treten?«

S.712. v. 1.: Betriebsratsvorsitzender Haase.*

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