Manager Ich bin Profi
Früher, so erinnert sich der ehemalige Krupp-Manager Juergen Krackow, 50, »ging es unter uns kämpferisch und hart zu": In »nächtelangen Sitzungen« blieben sich Krackow, damals Chef der Krupp-Werft AG Weser, und Günter Vogelsang, 53, damals Vorstandsvorsitzender im Krupp-Konzern, auch Grobheiten nicht schuldig.
Inzwischen verkehren die beiden ruhiger miteinander, die Rivalen sind »Freunde geworden« (Krackow).
Den Freundschaftsbund stiftete Krupps Superstar Berthold Beitz, als »er beide vertrieb und später mit einer Abfindung geizte. Dabei hatten sich beide um das Unternehmen verdient gemacht.
Vogelsang sprang ein, als der Konzern 1967 durch Organisationsmängel und Mißmanagement in Schwierigkeiten kam und nur durch eine Bundesbürgschaft überlebte. Beitz wurde damals in den Aufsichtsrat abgeschoben und zum Vorsitzenden der Krupp-Stiftung degradiert.
Fünf Jahre lang sanierte der gelernte Diplomkaufmann den angeschlagenen Konzern. Für den Vorgänger hatte er nur milden Spott: »Herr Beitz reist um die Welt und redet komische Sachen. Was Krupp braucht, ist harte Arbeit.« Dann trat er »wegen unterschiedlicher Auffassung und Überzeugung« mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Beitz zurück. Vogelsang: »Die Turbulenz nach mir habe ich durchaus für möglich gehalten.«
Es wurde turbulenter, als Vogelsang erwartet hatte. Zwar hatte sich sein Nachfolger Krackow als Topmanager des Stahlkonzerns eindringlich empfohlen: Binnen drei Jahren hatte er der einst maroden Krupp-Werft AG Weser wieder zu Gewinn verholfen. Unter seiner Anleitung wurde die Bremer Werft zur einzig ernsthaften deutschen Konkurrenz für die japanischen Schiffbauer ausgebaut: bis 1975 soll die Krupp-Dependance einen Gewinn von 100 Millionen Mark abwerfen.
Doch in der Essener Konzern-Zentrale glückte Krackow nur ein kurzes Zwischenspiel. Ganze 66 Tage hielt sich der bullige Jurist auf dem Chefsessel. Dann hatte er genug: Vermögenslos und ohne Rechte auf weitere Bezüge kündigte er fristlos wegen »ständigen Hineinredens in meine Aufgaben«.
Um so hartnäckiger stritten sich die einstigen Partner über ein finanzielles Arrangement. Noch im Juni glaubte sich Krackow seinem Ziel nahe. Beitz -- nach einer Publicity-trächtigen China-Reise in Hochstimmung -- gab sich in einem langen Gespräch mit dem früheren Krupp-Kollegen versöhnlich, Krackow zeigte sich bescheiden.
»Stellt mich so«, schlug er vor, »als wenn ich bei der AG Weser geblieben wäre. Vergessen wir meine Arbeit in Essen.« Sein Vorschlag: Eine Abfindung in der Höhe von etwa zwei Jahresbezügen als AG-Weser-Chef sowie eine Pension, die ihm nach dem 65. Lebensjahr gezahlt werden sollte. Beitz nickte.
Doch der Launen nicht abgeneigte Revier-Beau Beitz änderte rasch seine Haltung. Zwei Monate später sandte er in Krackows 200 Quadratmeter große Eigentumswohnung im Düsseldorfer Zooviertel einen Brief, in dem er jegliche Pensionszahlung ablehnte und als Abfindung lediglich ein Jahresgehalt ohne Tantieme anbot.
Nach seiner Selbsteinschätzung hätte der Privatier diese Offerte »nicht annehmen können, ohne rot zu werden«. Kurzerhand entschloß sich der Manager ("Ich bin ein Profi") zum Verzicht. In einem Brief vom 27. August schrieb er nach Essen: »Unsere Auseinandersetzung hat einen Punkt erreicht, der mich zu dem Entschluß hat kommen lassen, die gesamte Angelegenheit ab sofort als gegenstandslos zu betrachten ... ich möchte dieses Kapitel meines Lebens ein für allemal abschließen.«
Prompt stieg das Kölner Wirtschaftsmagazin »Capital« ein. Das Fachblatt, spezialisiert auf Tips für Gehaltsverhandlungen, zeigte Verständnis für den Testamentvollstrecker der Krupps und verbreitete, der zurückgetretene Erfolgsmanager habe vulgäre Umgangsformen bevorzugt. Krackow« so »Capital«, sei in jenem Verzichtsbrief die Formulierung unterlaufen, Beitz könne ihn »am Arsch lecken«.
Doch der einstige Panzer-Leutnant war weder grob noch geldgierig gewesen. »Mir geht es nicht ums Abkassieren«, vertraute er Freunden an. Ihm gehe es vielmehr um menschliche Anerkennung: »Entweder man erkennt meine Leistung bei der AG Weser an oder nicht.«
Über Zuspruch von Branchenfremden freilich kann sich Krackow auch jetzt nicht beklagen. Von seinem mit englischen Möbeln ausgestatteten Düsseldorfer Apartment aus berät er vornehmlich amerikanische Öl-Industrielle. Über Beitz informiert er sich nur noch aus zweiter Hand, etwa aus der Krupp-Werkszeitung, in der sich Beitz unlängst unter der Überschrift »Berthold Beitz und wir« feiern ließ.
Ähnlich gelassen geht es zwei Kilometer Luftlinie entfernt in dem biederen Eigenheim Günter Vogelsangs zu. Dort bringt der frühere Erfolgsmanager seine »persönlichen Dinge in Ordnung« und geht mit der »nötigen Heiterkeit« neuen Aufgaben nach.
Peinlich genau achten beide Manager darauf, in der Öffentlichkeit den Verdacht zu meiden, sie hegten »persönliche Aversionen« gegen Beitz. Beide jedoch fühlen sich als Opfer eines allein der Krupp-Dynastie verpflichteten Managers, der Nebenbuhler nicht ertrug.
Vogelsang will »nie wieder in die Exekutive gehen«, Krackow nur, »wenn dabei eine echte Herausforderung an mich gestellt« wird. Am Nötigsten fehlt es den Ex-Kruppianern nicht. Denn neben Beratungsverträgen kann insbesondere Vogelsang sich auf einträglichen Aufsichtsrats-Mandaten ausruhen: Er ist Kontrolleur bei der Deutschen Bank, dem Versicherungskonzern Gerling und dem Flugzeug-Unternehmen Dornier.
So hat denn auch der Bruch mit Beitz seine Vorteile. Krackow etwa erfreut sich mittlerweile eines »völlig neuen Lebensgefühls«.