VEBA-AFFÄRE »Ich war blank«
Der neue NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement erfuhr am Pfingstwochenende von den brisanten Aussagen. Sein designierter Wirtschaftsminister Bodo Hombach, so die böse Botschaft, werde in der Veba-Immobilienaffäre schwer belastet.
Wenige Tage zuvor war ein Immobilienmanager, der in der Affäre eine wichtige Rolle spielen soll, verhaftet worden. Von den Angehörigen des Untersuchungshäftlings hatte Wilhelm Beermann, Arbeitsdirektor der Ruhrkohle, Alarmierendes über die angebliche Beteiligung eines prominenten Politikers am Veba-Skandal erfahren. Er informierte sofort seine Konzernspitze, die Botschaft machte schnell die Runde.
Ins Zwielicht geriet so eine der Schlüsselfiguren der deutschen Sozialdemokraten: Bodo Hombach, eingeplant als Wirtschaftsminister im Kabinett Clement und Wahlkampfmanager des SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder. Der Vorwurf eines in der Veba-Affäre Belasteten: Hombach habe sich Mitte der achtziger Jahre beim Bau seines Hauses in Mülheim an der Ruhr mit Hilfe der Veba finanzielle Vorteile verschafft.
Bisher standen nur Wirtschaftsmanager im Zentrum der Affäre. Die Bochumer Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen mehr als 50 Veba-Mitarbeiter und Lieferanten wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs. Erst wenige Tage vor Pfingsten war der Mitte 1996 aus dem Konzern ausgeschiedene Veba-Personalchef Heinz Gentz verhaftet worden.
Nun haben einige der Beschuldigten ihre Aussagen gemacht, und dabei wird auch der Wahlkampfmanager Hombach belastet. Der allerdings besteht darauf, »alle angefallenen Baukosten ausnahmslos selbst bezahlt« zu haben. Er habe fünf Metallkisten voller Belege, die er glücklicherweise damals nicht weggeschmissen hat: »Das ist beweiskräftig; jede Mark ist belegbar.«
Nach Rückkehr von einer Auslandsreise am vergangenen Mittwoch wurde Hombach von Clement mit den Vorwürfen konfrontiert: »Das muß geklärt werden.«
Hombach sagte zu, den Vorgang vollständig aufzuklären. Er sei in keine Korruption verstrickt: »Um Himmels willen, das Gegenteil ist richtig.« Er schlug sogar eine Selbstanzeige vor. Weil gegen ihn von der Staatsanwaltschaft nicht ermittelt werde, so Hombach gegenüber dem SPIEGEL, sei dieses Rechtsmittel aber nicht in Frage gekommen. Politischen Sprengstoff bietet die Angelegenheit allemal. Der neue NRW-Regierungschef will seinen Parteifreund Hombach in dieser Woche zum Wirtschaftsminister ernennen. Doch zunächst mußte die Klärung der Lage abgewartet werden.
Clement und Hombach kamen überein, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft C&L Deutsche Revision einzuschalten. Sie sollte die Belege sichten und ein Gutachten schreiben. Hombach: »Ich bin in einer entsetzlichen Situation. Ohne dieses Zertifikat würde ich dieses Risiko weder für mich noch für Wolfgang eingehen.«
In den letzten zwei Wochen hat ein ehemaliger Manager gegen Hombach ausgesagt. Mit Ludwig Staender, dem früheren Vorstandsvorsitzenden von Veba Immobilien, verfaßte Hombach vor Jahren nach eigenen Angaben gemeinsame Artikel über die Wohnungswirtschaft. Zeitweise war Hombach sogar als Staenders Nachfolger im Gespräch. Staender wurde im März zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, er hat acht Monate in Untersuchungshaft gesessen.
Staender behauptet in seinen Aussagen, Mitte der achtziger Jahre von zwei prominenten Sozialdemokraten aufgefordert worden zu sein, für Hombach etwas zu tun. Einer davon sei Fritz Ziegler gewesen, damals SPD-Schatzmeister von NRW und Arbeitsdirektor der Ruhrkohle. Über die Anfrage will Staender sofort den damaligen Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder informiert haben. Der habe keine Einwände gehabt.
Nach den Aussagen von Staender seien von der Veba »Wohltaten« für Hombach erbracht worden. Er sprach von »einer gewissen Großzügigkeit gegenüber Hombach« von seiten der Veba.
Die Ermittler verdächtigen Staender, über Jahre hinweg die illegalen Verrechnungspraktiken für Prominente im Veba-Konzern gekannt zu haben. Er sei in seiner Amtszeit maßgeblich für die Koordination verantwortlich gewesen. Das Landgericht Bochum wies Staender nach, daß er sich in großem Umfang auch selbst bedient hat.
Staender will nach eigenen Angaben bei der Auftragsvergabe an die Baufirma Kesting beteiligt gewesen sein. Der frühere Veba-Manager hält es für möglich, daß Teile der Hombach-Rechnung illegal verrechnet wurden.
Auch weitere Zeugen lieferten Hinweise an die Staatsanwaltschaft, die für Hombach wenig erfreulich sind. Ein Mitarbeiter von Veba Immobilien gab gegenüber den Ermittlern an, daß auf der Baustelle viele Firmen beschäftigt waren, die für die Veba zum Teil seit Jahrzehnten arbeiteten. Diese Firmen seien mit den Verrechnungspraktiken vertraut gewesen.
Die Firma Kesting habe den Rohbau erstellt, andere Subunternehmen, mutmaßte ein Veba-Mann gegenüber der Staatsanwaltschaft, hätten die Rechnungen an Kesting gestellt, und Kesting habe dann sogenannte Scheinrechnungen an Veba geschickt.
Ein weiterer Zeuge der Staatsanwaltschaft sprach ebenfalls von dubiosen Verrechnungsmethoden. Der Firmeninhaber habe für das Objekt Hombach Handwerksleistungen erbringen sollen, die anderswo verrechnet werden sollten. Dazu sei er von Veba-Managern aufgefordert worden.
Weil zum damaligen Zeitpunkt die Staatsanwaltschaft bereits gegen Veba-Leute und Handwerker ermittelte, habe er »Angst bekommen« und die Finger von dem Auftrag gelassen. Vom ehemaligen Veba-Mitarbeiter Hans Hebers, gab der Firmenchef in seinen Vernehmungen an, habe er erfahren, daß Hombach nicht die volle Bausumme bezahlt habe.
Hebers spielte eine zentrale Rolle auf der Baustelle von Hombach, wie Ex-Immobilienchef Staender in seinen Aussagen erklärte. Er sei als »Kombi-Mann« zur Koordinierung und Überwachung der Arbeiten am Hombach-Haus im Einsatz gewesen.
Hebers schwieg sich zunächst aus. Als die Ermittler ihn dann mit Staenders Aussagen konfrontierten, wurde er gesprächig. Der einstige Veba-Mitarbeiter, der mittlerweile bei der Ruhrkohle-Tochter Rhein-Lippische Wohnstättengesellschaft in Duisburg beschäftigt ist, hat nach eigenen Aussagen das Projekt Hombach von der ersten bis zur letzten Bauphase betreut.
Er habe alle Arbeiten an der Hombach-Immobilie koordiniert, jede Rechnung des Objektes, sagte er gegenüber der Staatsanwaltschaft, sei durch seine Hände gegangen. Er habe die Handwerker eingesetzt und die Arbeiten begutachtet und abgenommen.
Hebers listete den Staatsanwälten den größten Teil der Kosten auf. Die reinen Bauleistungen hätten insgesamt knapp 1,1 Millionen Mark betragen. Jede dieser Rechnungen sei von ihm geprüft worden.
Nicht eingerechnet waren nach Angaben Hebers die Grundstückskosten in Höhe von 235 000 Mark, die Kosten für die Inneneinrichtung mit drei Küchen, sowie die Grunderwerbsteuer, die Baunebenkosten, die Honorare für den Architekten und eine aufwendige Bibliothek, deren Kosten auf 100 000 Mark geschätzt werden.
Über die Rolle von Hebers wird jetzt heftig gestritten: Hat er von Anfang an das Hombach-Projekt begleitet, wie er behauptet? Oder wurde er erst später eingeschaltet, wie sich Hombach erinnert?
Hat er alle Rechnungen an den Hausherrn weitergereicht, wie dieser versichert? Oder wurde über die Veba manches abgerechnet, um Hombachs Kasse zu schonen? So wollen es einige Zeugen erfahren haben.
Doch wie kam überhaupt ein Veba-Manager auf die Baustelle? Der betroffene SPD-Politiker bietet als Erklärung eine für ihn eher peinliche Geschichte an.
Hombach habe, berichtete sein Düsseldorfer Steuerberater Albrecht Lein, sein Bauvorhaben in Mülheim, Hermann-Lickfeld-Straße, im Jahre 1986 zunächst als Fertighaus bei der Firma Kesting in Auftrag gegeben. Richtpreis: 400 000 Mark, finanziert mit einer Grundschuld der Westdeutschen Landesbank.
Doch schon bald waren sich Unternehmer und Bauherr einig, daß ein derart schlichtes Haus nicht genüge. Detailverbesserungen an Haus und Gartenanlage blähten das Budget auf.
Hombach zog schon bald den für phantasievolle Kreationen bekannten Bochumer Architekten Karl-Friedrich Gehse hinzu. Das Anwesen wurde jetzt richtig teuer: Mehrere Ebenen, eine repräsentative Halle, fast ein Konferenzsaal, wuchtige Treppenaufgänge, Tischlerkunst in der Bibliothek, ein Garten mit rustikaler Sandsteinbepflasterung und tiefergelegten Wegen, ein Grillplatz.
Das kreative Duo Hombach/Gehse hatte aus dem Fertighaus zum Fixpreis eine elegante Villa der Luxusklasse gemacht. Als im August 1986 Richtfest gefeiert wurde, erinnert sich Hombach, sei die Millionengrenze längst überschritten gewesen.
Da habe er »es mit der Angst zu tun gekriegt«. Hombach heute: »Ich war blank.« Der Bauherr hatte sich schlicht übernommen.
Erst dann habe er seinen Freund Fritz Ziegler, heute Vorstandschef der VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen) in Dortmund, um Hilfe gebeten, sagt Hombach. Zieglers Ratschlag besaß damals, so erinnert sich Hombach, »eine gewisse tragische Komponente«.
Entweder solle er den Rohbau verkaufen oder »den Kreativen rausschmeißen«, sich also von dem Architekten trennen. Doch letztlich habe sein Freund Ziegler nicht nur geredet, sondern »Gutes getan«, so Hombach.
Denn Ziegler habe ihm »einen guten Mann«, einen Bauingenieur, vermittelt, der die Villa Hombach abspecken und Wege aufzeigen sollte, »um preiswerteres Material einzusetzen, die Planung zusammenzustreichen und preiswertere Baulösungen zu finden«. Es war Hans Hebers, dessen vorübergehende Verhaftung in der vorigen Woche Aufsehen verursacht hat. Hebers sei für die Tätigkeit bezahlt worden, laut Hombach »vertragsgemäß nach den üblichen Sätzen«.
Der damalige Veba-Mann sei zu dem Ergebnis gekommen: »Mit einer Million kommen wir hin.« Doch trotz einiger Einsparungen - Hebers habe ihm beispielsweise eine teure antike Bibliothekstreppe ausgeredet - sei es nicht bei der Million Mark geblieben.
Hombach hat den C&L-Prüfern am vergangenen Donnerstag Rechnungen über Baukosten von insgesamt 1,491 Millionen Mark vorgelegt. Die Kosten für das Grundstück und die Außenanlagen addieren sich auf insgesamt 287 000 Mark.
Jedenfalls ist der Bau nach Hombachs Angaben so teuer geworden, daß er all jenen, die den SPD-Politiker, der zusammen mit seiner Frau damals etwa 250 000 Mark im Jahr verdiente, neugierig fragten, wie er sich ein derartiges Domizil leisten könne, »nicht die Wahrheit gesagt« habe. Hombach: »Aus Gschamigkeit habe ich vielen einen niedrigeren Preis genannt. Ich wollte mein Gröfaz-Image nicht noch zusätzlich pflegen.«
Freitag abend gegen 19 Uhr hatte Ministerpräsident Wolfgang Clement das Ergebnis der C&L-Blitzprüfung in Händen. »Angesichts der uns zur Verfügung stehenden Zeit« von knapp zwei Tagen hätten sich die Prüfungen lediglich »auf die Einsichtnahme in die von Hombach und seinem Steuerberater vorgelegten Unterlagen, sowie die von beiden Herren erteilten Auskünfte beschränken« müssen, heißt es in dem Gutachten.
Eine vollständige Prüfung von Hombachs Zahlungsverkehr war nicht möglich. »Ein Abgleich mit dem Baukonto bei der WestLB und den Privatkonten von Herrn Hombach konnten wir nicht vornehmen. Es ist fraglich, ob dies nach mehr als zehn Jahren überhaupt möglich ist.«
Zusätzlich hatten die Prüfer am Freitag das Hombach-Haus in Augenschein genommen und stichprobenartig Material mit Originalrechnungen und Fotokopien verglichen. Die Prüfer bestätigten Hombachs Aussagen, sie fanden »keine Anhaltspunkte dafür, daß andere als die durch die vorgenannten Unterlagen belegten Arbeiten zur Errichtung des Gebäudes geleistet wurden«.
Das Millionenobjekt, entnahmen die Prüfer den Unterlagen des Kreditnehmers, wurde zu zwei Dritteln auf Kredit finanziert, der Rest stamme aus Eigenmitteln. Das war die bei Deutschlands Häusle-Bauern durchaus übliche Fremdfinanzierungsquote.
Hombach gibt an, Wertpapiere sowie ein Grundstück in Kanada verkauft und finanzielle Hilfe von der Familie erhalten zu haben. Schließlich sei er auch im Besitz eines Bausparvertrages gewesen.
Das Schlußtestat der Prüfer fiel vorsichtig aus: »In der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit war es uns nur möglich, die zur Verfügung gestellten Unterlagen und erteilten Auskünfte zusammenzustellen und auf ihre Plausibilität zu prüfen.«
Nach Lektüre des C&L-Berichts und nach Beratung mit Experten aus Staatskanzlei und Finanzministerium meinte Clement, alles getan zu haben, um die Berufung Hombachs in sein Kabinett wagen zu können.
»Ich bin aufgrund dieser Überprüfungen überzeugt«, erklärte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Clement gegenüber dem SPIEGEL, »daß von den Verdächtigungen, die gegen Herrn Hombach in einem Ermittlungsverfahren erhoben worden sind, nichts übrigbleibt.« Hombach habe »ganz offensichtlich korrekt gehandelt«.
Es wäre »schrecklich gewesen«, so Clement, »wenn ein politisches Schwergewicht wie er an einer privaten Finanzaffäre gescheitert wäre«.
Der Wirtschaftsminister in spe atmete am späten Freitag abend erst mal tief durch: »Es waren die schrecklichsten zwei Tage in meinem Leben.«