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ENERGIE Ideal gewählt

Internationale Ölkonzerne werden für zwei Jahrzehnte den deutschen Energiemarkt beherrschen, weil die Entwicklung der Kernkraftwerke stockt. Das Ergebnis: höhere Strompreise fUr Industrie und Haushalte.
• aus DER SPIEGEL 32/1971
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Noch bevor der Winter kommt, werden Deutschlands Hausväter mehr Geld für die Trockenrasur am Morgen und den Fernsehkrimi am Abend ausgeben müssen.

»So schnell wie möglich«, so Hartmut Hoffmann, Vorstand der zum Veba-Konzern zählenden Preußischen Elektrizitäts-AG ("Preussenelektra"), wollen die Chefs der Energieversorgungsunternehmen zwischen Westerland und Reichenhall den Preis für elektrischen Strom um etwa zehn Prozent oder einen Pfennig je Kilowattstunde erhöhen.

Die »Inflation aus der Steckdose« ("Die Zeit") beendet jäh eine zehn Jahre währende Stabilitätsidylle am deutschen Energiemarkt. Deutscher Strom floß billig, weil die Internationale der Mineralölwirtschaft seit 1960 in eilig ausgebauten Raffinerien Riesenmengen Heizöl für Industrie, Versorgungsunternehmen und Privathaushalte produzierte. Klagte Albert Hallmann, Chef der deutschen Tochter des englischen Öltrusts BP, noch 1968: »Der Heizölpreis ist auf Jahre kaputt.«

Im Frühjahr 1971 war er plötzlich wieder heil. Damals mußten sich in Teheran und Tripolis die internationalen Mineralölgruppen wie Standard Oil ("Esso"). Royal Dutch/Shell, British Petroleum ("BP"), Mobil Oil und Texaco auf einen kostspieligen Schacher mit den Ölländern im Orient einlassen, unter deren Sandwüsten 57 Prozent der gesicherten Welt-Rohölreserven liegen.

Unter der ideologischen Führung Libyens, dessen Prioren den Industriestaaten vorwerfen, das Mineralöl als üppig sprudelnde Steuerquelle und als billigen Schmierstoff für ihre hochrationalisierten Volkswirtschaften zu nutzen, zwangen die nahöstlichen Ölstaaten den Konzernen. die vorübergehend zuwenig andere Quellen ausbeuteten, Preiserhöhungen um 42 Prozent auf. BP-Hallmann: »Der Zeitpunkt der Verhandlung war von den Arabern ideal gewählt.«

Zudem mußten die Konzernbosse als Gegenleistung für die fünfjährige Liefergarantie der Ölstaaten einer Preisgleitklausel zustimmen, die den Förderländern jährlich vier Prozent mehr Geld für die gleiche Ware sichert: Künftige Energiepreiserhöhungen in Europa wurden in Teheran und Tripolis vorprogrammiert.

Die Ölbosse nutzten die Lage. Freute sich Esso-Chef Emil Kratzmüller. Sprecher der Branche: »Das extrem niedrige Preisniveau des Jahres 1969 wird es nicht wieder geben.«

Johannes ("Jonny") Welbergen, Boß der Deutschen Shell AG, gibt zu, daß seit April 1971 am Mineralöl in Deutschland wieder verdient wird. Und Walter Cipa, Chef der Gelsenberg AG, Großaktionärin der Aral, präzisierte, die Ölindustrie brauche jetzt »Preiserhöhungen, die über den Kostenerhöhungen liegen«.

Die Energiepolitiker in Karl Schillers Doppelministerium und in EWG-Kommissar Wilhelm Haferkamps Brüsseler Generaldirektion Energie fürchten nun, der Preisschub im Stromnetz könnte den Verbraucher auch noch indirekt treffen: durch höhere Preise für Industrieprodukte, mit denen die gestiegenen Kosten für Industriestrom weitergewälzt werden.

Aber Schillers Ministeriale und Haferkamps Europa-Beamte fühlen sich machtlos. Noch vor fünf Jahren hatten sie gehofft, den Strompreis durch den Einsatz kostengünstiger Atomkraftwerke niederhalten zu können. Heute resigniert Wilhelm Haferkamps Kabinettschef Manfred Lahnstein: »Die Entwicklung der Nuklearenergie geht langsamer, als wir angenommen hatten.«

Schon 1980, so die inzwischen überholten Prognosen der Energiepolitiker, sollte die Atomkraft das Mineralöl als Hauptbrennstoff für die Strom-Fabriken ablösen. Um die Jahrtausendwende sollten dann zwei Drittel der Welt-Energieversorgung mit nuklearen Kraftwerken bestritten werden.

Für das Orwell-Jahr 1984 planten optimistische Wissenschaftsmanager wie der Karlsruher Kernforscher Professor Wolf Häfele bereits den wirtschaftlichen Einsatz der zweiten Generation von Atomkraftwerken, der sogenannten »Schnellen Brüter«.

Mit den Brutreaktoren wollten die Energiefachleute den Strompreis noch einmal drastisch senken und zudem das Problem der Brennstoffversorgung auf Generationen lösen.

Bis zum Jahre 2000, so die bis vor fünf Jahren gültige Lehrmeinung, würden die Ölreserven auf der Welt nahezu verbraucht sein. Und die heute bekannten konventionellen Kernkraftwerke, die ihren Brennstoff, das aus dem Natururan gewonnene spaltbare Uran -- Isotop 235, nur zu 0,7 Prozent nutzten, würden bis dahin die Welt-Uran-Reserven erschöpft haben.

Die Brutreaktoren, bei deren Arbeitsprozeß mehr Brennstoff abfallen wird, als der Reaktor verbraucht, sollten dann den bereits von den ersten Kernkraftwerken genützten Brennstoff ein zweites Mal, und zwar mit hundertfachem Nutzungsgrad, einsetzen.

Fazit der Energiepropheten: Bis zum Jahre 2040 brauche die Welt dann überhaupt kein Uran mehr zu fördern. Der Brutreaktor erschien als eine Art Perpetuum mobile.

Heute wissen die Nuklear-Techniker, daß die Atomzeit mindestens zehn Jahre später anbrechen wird: Die Preise für schlüsselfertige Atomkraftwerke stiegen seit 1968 um bis zu 50 Prozent -- bei 60 Monaten Lieferfrist ohne Preisgarantie. Allein die Reaktor-Druckgefäße wurden doppelt so teuer.

Zudem leiden die Stromerzeuger unter den technischen Pannen der Kernkraftwerke.

So rissen regelmäßig schon nach kurzer Nutzungsdauer die teuren Reaktor-Druckgefäße. Zusätzlicher Ärger kam von den Turbinenwellen, die den bei Atomkraftwerken üblichen Dauerlastbetrieb nicht aushielten. Turbinenwellen für 1300-Megawatt-Werke können zudem nur die Japaner liefern.

Würde Europas Energieversorgung bereits von Kernkraftwerken bestritten, hätte es wegen solcher Technikpannen den ersten Total-Blackout schon gegeben. EWG-Lahnstein: »Im Dezember 1968 standen sämtliche Leistungsreaktoren der Gemeinschaft still.«

Steckengeblieben sind auch die Konstrukteure der Schnellen Brutreaktoren. Der Brüter-Einsatz wird vor 1990 nicht mehr erwartet, und bis dahin, so Heinrich Mandel, Vorstand der Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG (RWE), lassen sich Rentabilitäts-Hochrechnungen nicht vornehmen.

Die atomaren Rückschläge der vergangenen Jahre bedeuten nach Meinung von Fachleuten, daß die Energiepolitik der Industrieländer auf mindestens zwei Jahrzehnte fest in die Hand der internationalen Ölriesen geraten wird.

Bis 1980, so die heute herrschenden Prognosen in Brüssel, in Bonn und bei den Ölkonzernen in Hamburg, wird das Erdöl bei steigenden Preisen zu 60 Prozent an der deutschen Primärenergie-Versorgung -- Heizung und Strom -- beteiligt sein und das regelmäßig neben Ölvorkommen vorhandene Erdgas mit rund zehn Prozent -- auch zu steigenden Preisen.

Da Ölkonzerne wie Esso und Shell über ihre gemeinsamen Tochtergesellschaften Gewerkschaft Brigitta und Gewerkschaft Elwerath den größten Teil des nach Deutschland einströmenden Erdgases liefern, wird die Ölbranche 1980 rund 70 Prozent der westdeutschen Grund-Energieversorgung bestreiten.

Die Öl-Trusts gehen davon aus, daß in den siebziger Jahren der Bedarf an Energie von heute 7,2 Milliarden Tonnen Steinkohleneinheiten auf 11,2 Milliarden Tonnen klettern wird. Der größte Teil des Zuwachses muß durch zusätzliche Ölförderung gesichert werden. David Barran, Boß der internationalen Shell-Gruppe und gelernter Historiker: »In den siebziger Jahren werden wir mehr Öl brauchen als in der ganzen Menschheitsgeschichte zuvor.«

Mindestens 90 Supertanker von 250 000 Tonnen (Stückpreis: 130 Millionen Mark) müssen jedes Jahr zusätzlich in Fahrt gesetzt werden, um die wachsenden Ölmengen zwischen Förderländern und Verbrauchergebieten zu transportieren.

Mehr als 360 Milliarden Dollar, das Zweifache des westdeutschen Volkseinkommens 1970, muß die Ölindustrie nach einer Shell-Studie im kommenden Jahrzehnt investieren. Zusätzliches Geld kosten Großaufgaben wie die öl-Entschwefelung und Skurrilitäten wie die Auflage des neuen Öllandes Alaska, Pipelines so hoch zu legen, daß Rentiere, sich nicht an ihnen stoßen können.

Zum erstenmal werden ganze Industriegesellschaften in ihrer Funktionsfähigkeit von anonymen Mammut-Organisationen abhängig, die durch gemeinsame Tochtergesellschaften untereinander verbunden sind, international gesteuert werden und sich dadurch öffentlicher Kontrolle entziehen.

Auch gegenüber den Ölhändlern im Orient wollen die Konzernbosse ihre Stellung wieder kräftigen. Derzeit schicken sie ihre Explorationstrupps in bisher vernachlässigte Gebiete Europas und Amerikas, um Ölreserven außerhalb des Nahen Ostens zu sichern.

So fanden die Ölsucher im südamerikanischen Peru Quellen von der Größe des riesigen Ölfeldes in Kuwait.

Schon vor drei Jahren waren die Bohrtrupps unter dem Alaska-Eis fündig geworden, und selbst vor der norwegischen Küste wurden Felder entdeckt, die 150 Millionen Tonnen Rohöl, etwa den Bedarf der Bundesrepublik Deutschland, liefern können.

Bereits von 1974 an werden die neu angebohrten Ölquellen in Alaska, Südamerika und vor den Küsten ("off shore") sprudeln. Sie werden freilich teures Öl spenden, denn die neuen Vor· kommen sind schlechter zugänglich als die Ölfelder im Wüstensand.

Dennoch glaubt BP-Chef Hallmann, daß die besten Zeiten der Nahost-Länder bald vorbei sind: »In zwei, drei Jahren wird die Lage für uns nicht schlechter sein.« Denn: »Die können dann nicht mehr jeden Preis verlangen.«

Hallmanns Kollege Kratzmüller von der Esso ist schon einen Schritt weiter. Der in 43 Jahren Esso-Tätigkeit abgeklärte Ölmann fürchtet, allzu große Funde könnten ein weltweites Überangebot und damit wieder sinkende Preise verursachen. Warnt Kratzmüller: »Je mehr wir in die Exploration stecken, desto weniger verdienen wir.

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