Manager Ideale Figur
Als Westdeutschlands Autofahrer sich Anfang Juni im stockigen Festtagsverkehr abmühten, hatte sich ein Topmanager der Branche weit abgesellt. Am Nachmittag des Pfingstmontag sprach Robert A. ("Bob") Lutz, Verkaufschef bei BMW, im Glaspalast der Fordzentrale in Dearborn vor. Er wurde rasch zu Henry Ford II vorgelassen, und nach zwei Stunden waren sich die beiden nahezu einig: Der Autokönig wollte den BMW-Direktor engagieren. und der wollte wechseln.
Drei Wochen später -- Ford war inkognito zu Jet-set-Freunden nach München geflogen -- klärten sie telephonisch die letzten Details, und Ende letzter Woche war dann der Deal perfekt, das Personalkarusell in der ansonsten flauen Branche in Gang gesetzt: Ford-Generaldirektor Hans Schaberger wird in den Vorstand der Ford-Holding nach England weggelockt und räumte seinen Sessel für Lutz, der seinerseits die Bahn für den. Audi-NSU-Verkaufsleiter Hans- Erdmann Schönbeck bei BMW frei macht.
Seinen letzten Arbeitsplatzwechsel hatte der geborene Schweizer, naturalisierte Amerikaner, gelernte Düsenjägerpilot der US-Marine und lizenzierte Rennfahrer in wenigen Stunden abgewickelt. ·Am 30. Dezember 1971 eröffnete Lutz, damals Verkaufsleiter bei Opel, seinem Vorstandsvorsitzenden den Wunsch, zu BMW überzuwechseln; um 16.00 Uhr hatte er seinen Schreibtisch geräumt.
Diesmal zogen sich die Verhandlungen über Monate hin. Denn kaum war der Fertigungsfachmann Hans Schaberger im Juli 1973 zum Generaldirektor in Köln aufgestiegen, da suchten seine Arbeitgeber schon nach einem Nachfolger für den im Kaufmännischen unerfahrenen Techniker.
Verkäufer Lutz schien den Fords der rechte Mann. »Er ist«, so Ford-Sprecher Hans Wilhelm Gäb, »eine Verkaufskanone« und »mit seinem amerikanischen Paß und seinen Kenntnissen des deutschen Marktes eine ideale Integrationsfigur«.
Im Herbst letzten Jahres ei-fuhren die Lutz-Interessenten, daß die Karriere ihres Kandidaten ins Stottern geraten war. BMW-Vorstandsmitglieder nahmen ihm übel, daß Technik-Fan Lutz in andere Ressorts hineinredete, fleißig Öffentlichkeitsarbeit leistete und schon bald bekannter war als das übrige BMW-Management. Selbst in seinem eigenen Arbeitsgebiet, dein Marketing, hatte sich Lutz verschaltet.
Kurz vor der Ölkrise lancierte er eine Kampagne, die BMW ein supersportliches Image verpassen sollte. So präsentierte die weiß-blaue Marke zur Automobilausstellung 1973 einen Turbo-BMW 2002, für den aggressiv wie nie geworben wurde -- falsche Töne für das falsche Auto.
Doch diese Fehlkonzeption störte seine neuen Arbeitgeber kaum. Sie beförderten den Kölner Generaldirektor Schaberger nach England, wo er künftig »koordinierend verantwortlich für sechs Montagewerke und 62 000 Beschäftigte tätig sein wird« (Ford-Vorstandsmitglied Klaus-Dieter Banzhaf).
Und auch der Umworbene zierte sich nicht länger. Denn, so sein bisheriger Vorgesetzter BMW-Chef Eberhard von Kuenheim, »bei Ford konnte er Vorstandsvorsitzender werden -- das konnte er hier nicht, denn ich will in München bleiben«. Lutz-Kollegen bei BMW meinen, daß selbst der Kölner General Direktorensessel von Lutz nur als Zwischenstation bezogen wird: »Der ist ehrgeizig, der will Präsident von Ford of Europe werden.«
Die Etappe am Rhein freilich will erst durchgestanden werden: Mit seiner unglücklichen Modell-Politik (Schaberger: »Da haben wir einen gravierenden Fehler gemacht") geriet Ford längst vor der Ölkrise in eine bedrohliche Absatzflaute. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres schrumpfte die Zahl der in der Bundesrepublik zugelassenen Ford-Autos um 38 Prozent gegenüber dem für die Kölner wenig erfolgreichen Vorjahr.
Auch Lutz-Nachfolger Schönbeck wird sich über einen Mangel an Arbeit kaum beklagen können. Denn durch die nach dem Urteil eines Daimler-Benz-Direktors »verworrene Absatzstrategie« stehen auch die Münchner Autobauer vor Absatzsorgen. Ihre großen Modelle sind in der Gunst der Käufer den Konkurrenzprodukten aus Stuttgart unterlegen, die kleinere, ebenfalls betagte Baureihe 1602 hat es schwer, sieh in der hart umkämpften Mittelklasse zu behaupten.
Der Audi-NSU-Verkaufsleiter verlor die Freude an seinem alten Job, als VW-Chef Rudolf Leiding im März beschloß, das Vertriebsnetz seiner Neckarsulmer Tochtergesellschaft mit der Verkaufsorganisation des Wolfsburger Stammwerkes zu verschmelzen.
So wurde der gebürtige Schlesier, gelernte Landwirt und langjährige VW-Mitarbeiter rasch mit BMW handelseinig.
Im allzu Menschlichen wird es ohnehin keine Probleme geben. Denn, so der Münchner Edelmann über seinen neuen Untergebenen: »Er ist das, was man einen Herrn nennt.«