Unternehmen Im Eimer
Als das Volk endlich gesiegt und der Einheitssozialismus ausgespielt hatte, kehrte Bernd Sauer, 45, aus Dresden zurück ins heimatliche Steinach. Dort, im Thüringer Wald, wollte er neu beginnen - ohne Partei, ohne Planwirtschaft.
Sie hatten ihn gewählt, ganz demokratisch, die Kollegen des damals, im März 1990, noch volkseigenen Spielwarenherstellers Plaho. Sauer sollte den Betrieb mit seinen 700 Werktätigen in die schöne neue Zeit des freien Marktes führen.
Sicher, der Bernd hatte im alten SED-System Karriere gemacht - mit dem Parteiabzeichen am Revers bis rauf zum Vize-Generaldirektor des auf Export getrimmten Spielwarenkombinats in Dresden. Doch der gelernte Ingenieur für Plaste und Elaste galt in seinem Heimatörtchen als ehrliche Haut und fähiger Experte.
Vor allem aber: Sauer konnte den Plaho-Kollegen einen kapitalen Freund aus dem Westen präsentieren - Kurt Hesse, 46, den Eigentümer der Fürther Firma Carrera, die sich als Produzent kleiner Autorennbahnen einen Namen gemacht hat.
Die beiden planten, den antiquierten VEB Plaho (ein Kürzel aus »Plaste« und »Holz") für den Markt zu rüsten. Im Thüringer Wald sollte ein Musterbetrieb deutsch-deutscher Zusammenarbeit entstehen.
Die kühnen Träume sind zerplatzt, die Partnerschaft Sauer/Hesse ist zerbrochen. Jetzt streiten die Herren vor Gericht um die Zukunft der Firma Plaho. Mitte März ist Termin vor dem Landgericht Nürnberg.
»Ich muß verhindern, daß ein gnadenloser Kapitalist unsere Plaho ausbeutet«, klagt Sauer. »Ohne mich sind die da drüben doch im Eimer«, tönt Hesse.
Nur eins scheint für beide klar: Schuld am drohenden Ende der Plaho mit ihren Holz-Enten und Plaste-Bausteinen hat der jeweils andere. In den Plaho-Werkstätten stehen die Maschinen still, Kurzarbeit null.
Es ist eine kleine Szene aus dem neudeutschen Sittengemälde, die da hinten im Thüringer Wald aufgeführt wird: West-Unternehmer will gewendetem Ost-Manager zeigen, wo es langzugehen hat in der Welt des freien Marktes.
Gewöhnlich, das hat sich in solchen Fällen so eingespielt, kuscht der Ostbürger vor dem Westler. Doch Sauer mag sich nicht an die gängige Regel halten, er wehrt sich gegen den Ostzug des Kapitals. »Vielleicht zerbrechen wir auch daran«, schrieb der Plaho-Chef unlängst trotzig an Hesse, »aber ohne Hoffnung und Motivation sind wir nicht.«
Alles hatte so verheißungsvoll begonnen, als nach der Wende die allgemeine deutsch-deutsche Partnersuche begann. Wo »andere nur reden«, wollte CSU-Mitglied Hesse handeln und »beim Aufbau eines neuen, gemeinsamen Deutschlands« helfen.
Seinen künftigen Partner kannte der Carrera-Eigner aus der Vorwendezeit. Die beiden hatten sich während der Leipziger Herbstmesse 1989 kennen- und schätzengelernt. Damals kümmerte sich Sauer noch im Parteiauftrag um den Gast aus dem Westen.
Hesses Lebensgeschichte faszinierte den Mann aus dem Thüringer Wald. Natürlich, auch er, Sauer, hatte Karriere gemacht, so gut es eben ging im sozialistischen Deutschland. Doch was war das schon im Vergleich zu seinem reichen neuen Freund?
Da kann einem das Gruseln kommen, wenn Hesse seinen Aufstieg schildert. »Ich kenne nur volle Pulle«, beschreibt er seine Maxime. Da wird ausgeteilt und eingesteckt, da wird rangeklotzt und geschafft bis zur Erschöpfung. Junge, Junge.
Hesse wuchs im Heim auf, hat sich als Schlosser an der Werkbank mühen müssen und als Projektleiter im Pipelinebau durchgeschlagen. Mit 15 000 Mark erspartem Kapital startete er, kaum 26 Jahre alt, in die Selbständigkeit.
Heute führt der Aufsteiger eine kleine Firmengruppe - Ingenieurbüros, Zeitarbeit-Agenturen, Dienstleistungen. Die Unternehmen liefern Prüfeinrichtungen, Software und Steuerungstechnik. Zu den Kunden gehören Mercedes, Porsche, VW.
Hesses Glanzstück aber ist der Spielzeughersteller Carrera. Vor sechs Jahren übernahm er das heruntergewirtschaftete Familienunternehmen, das in den sechziger Jahren die Autorennbahn ins deutsche Kinderzimmer gebracht hatte.
Es war eine Bruchbude, die dem gebürtigen Nürnberger von seiner Hausbank angeboten wurde - verdreckt, veraltet, grau in grau.
Der bankrotte Vorbesitzer konnte die schnelle Übernahme durch den forschen Sanierer nicht verwinden. Einen Tag vor Hesses Erscheinen in der Firma beging der Carrera-Gründer Selbstmord. In einer Belegschaftsversammlung kommentierte der Nachfolger knapp: »Mein Vorgänger hat sich gestern umgebracht. Ich bin der neue Carrera-Chef.«
Seitdem geht es munter zu in der Fürther Firma. Die Produktionstechnologie ist auf dem jüngsten Stand, die Mitarbeiter werden vom Patron mit harter Hand geführt. Übergewichtige beispielsweise schickt der selber zur Fülle neigende Hesse schon mal zur Schlankheitskur.
Sicher nicht jedem Mitarbeiter, aber der Firma bekommt Hesses Stil. Im vergangenen Jahr warf Carrera erstmals wieder Gewinn ab. »Was ich angefangen habe«, so der Eigentümer, »das bringe ich auch zu Ende.«
Ein so harter Bursche schien auch Sauer gerade recht - als Vorbild wie als Partner. Nur zu gern folgte der O-Deutsche Einladungen nach Fürth und in Hesses Ferienhaus am Tegernsee.
Im Juni saßen die beiden einträchtig bei der Treuhand in Berlin, um ihre neue Partnerschaft besiegeln zu lassen. Abteilungsleiter Peter Mittelstädt hatte nichts gegen den Bund einzuwenden.
In einer gemeinsamen Erklärung wurde die künftige Zusammenarbeit festgeschrieben; Lohnarbeiten für Carrera ebenso wie der Vertrieb der Plaho-Produkte durch Carrera. Hesse selbst bekam eine fünfjährige Option für die Übernahme der ostdeutschen Firma.
Kaum war die als »Aktennotiz« deklarierte Erklärung unterzeichnet, ging der Mann aus dem Westen wie gewohnt ans Werk. In einem Zeitungsinterview ließ er durchblicken, Carrera könne in Steinach kaum mehr als 150 Mitarbeiter beschäftigen, für den Rest der Belegschaft könne er nicht garantieren.
Die Einschätzung mag realistisch gewesen sein. Doch die Plaho-Arbeiter zeigten keinerlei Verständnis für den Hauruck-Kapitalismus. Sie stürmten Sauers Chefzimmer und schimpften den Ost-Chef einen Verräter. »Wir haben dich nicht gewählt«, rief einer, »damit aus Steinach ein Tal der Arbeitslosen wird.«
Seitdem stehen die Partner aus deutschseliger Wendezeit in heftiger Fehde. Sauer, der sich auf Chefseminaren im Westen weiterbildet, möchte zwar für Carrera »zu ordentlichen Preisen« Lohnarbeit verrichten; etwa die Produktion von Autobahnschienen und Zubehör. Ansonsten freilich soll Hesse bleiben, wo er hingehört - im Westen.
Doch der kommt jetzt auf anderem Weg in Sauers Nähe. Im thüringischen Heimersdorf will Hesse eine eigene Produktionsstätte für seine Carrera-Spielsachen aufbauen, ohne lästige Ost-Partner. Ein Grundstück für das neue Zweigwerk wurde Ende Februar gekauft.
So könnten im Kampf Hesse-West gegen Sauer-Ost bei der Plaho auch die letzten Arbeitsplätze verlorengehen. Beide Seiten sind fest davon überzeugt, richtig zu handeln. Ein Carrera-Manager: »Der eine hat nur den Markt im Kopf, der andere immer noch zuviel Marx - das paßt nicht zusammen.«
Es ist vielleicht doch nur eine ganz normale deutsch-deutsche Geschichte. o