Im javanischen Nebel - DER SPIEGEL
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EXPORTE Im javanischen Nebel

Deutschen Firmen fällt es in Indonesien leicht, die Auslandskonkurrenten abzuhängen: Sie haben einen einflußreichen Gönner.
• aus DER SPIEGEL 47/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Auftrag aus Indonesien war verlockend. Gleich sechs Firmen aus ebenso vielen Ländern bewarben sich, als Djakartas Regierung vor zwei Jahren den Bau eines Atom-Forschungsreaktors von 30 Megawatt ausschrieb.

Zu den Anbietern zählte die Internationale Atomreaktorbau (Interatom), eine Tochterfirma der Siemens-Kraftwerk-Union. Alsbald allerdings schien klar: Die Chancen, daß die Deutschen den lukrativen Auftrag einheimsen würden, waren äußerst gering. Bei der Prüfung der Lieferofferten durch die indonesische Atombehörde Batan schnitt Interatom nicht sonderlich gut ab.

Am Ende lag die Siemens-Tochter dennoch vorn, die Deutschen erhielten von Präsident Suharto den Zuschlag. Auf einmal, wunderten sich Branchenkaufleute in Djakarta, zählte nicht mehr, daß Interatom mit seinem Angebotspreis von 136,6 Millionen Mark fast doppelt so hoch lag wie die Offerte des zunächst hochfavorisierten US-Konkurrenten General Atomic.

Unwichtig war offenbar das Urteil der Wissenschaftler und Ökonomen in der indonesischen Atombehörde geworden, die nach viermonatiger Prüfung dem deutschen Angebot schlechte Noten gegeben hatten. In einem Wertungsschema, das mit Hilfe eines Punktesystems sieben Kriterien wie etwa Preis, Technologie und Sicherheit der verschiedenen Reaktor-Offerten vergleicht, rangierte der Janus-Brenner von Interatom sechsmal auf Platz vier, einmal auf Platz fünf. Der Triga-Reaktor von General Atomic dagegen stand in sechs Bewertungskategorien an erster Stelle und nur in einer auf Platz zwei.

Auch bei einer weiteren Prüfung, diesmal durch eine gemischte Kommission aus Batan-Experten und Beamten der Behörde für Entwicklung und Anwendung von Technologie, erhielten die US-Konkurrenten mehr Pluspunkte als die Interatom.

Wenn die Siemens-KWU-Tochter gleichwohl die Konkurrenten schlug, liegt dies wohl nicht allein am »Made in Germany«.

Wichtiger zumindest als Preis und Qualität ist beim Kungeln um einträgliche Geschäfte in Indonesien, wie auch sonst in der Dritten Welt, der richtige Draht zu Fürsprechern und Gönnern unter den Mächtigen des Landes.

Ein US-Manager, der verständlicherweise anonym bleiben möchte, giftete in Djakarta: »General Atomic hat eine halbe Million Dollar in ihr Angebot gesteckt. Offensichtlich hat die Firma vergessen, in die Taschen von Habibie zu investieren.«

Bacharuddin Jusuf Habibie, 45, ist Staatsminister für Forschung und Technologie, Chef der Behörde für Entwicklung und Anwendung von Technologie - und den Deutschen offenbar besonders wohl gesinnt. Als einer der mächtigsten Männer Indonesiens und als höchste Instanz in Fragen der Technologie hat Habibie ein gewichtiges Wort mitzureden beim Ankauf von Fabriken, Großanlagen und technischen Einrichtungen.

Die Deutschfreundlichkeit des jüngsten Mitglieds in General Suhartos Kabinett kommt nicht von ungefähr. Fast die Hälfte seines Lebens verbrachte Bacharuddin Jusuf (genannt Rudi) Habibie in der Bundesrepublik. Er studierte an der Technischen Hochschule in Aachen, dort machte er 1964 seinen Doktor. Als wissenschaftlicher Assistent erwarb sich Habibie bald einen internationalen Ruf auf seinem Spezialgebiet, der Bruchmechanik im Flugzeugbau. Noch heute ist er stolz darauf, die Airbus-Tragfläche mitentworfen zu haben.

Habibie arbeitete für die Hamburger Flugzeugbau und brachte es - nach deren Übernahme durch Messerschmitt-Bölkow-Blohm - schnell bis zum Leiter der Abteilung für Methodologie und Technologie für Fracht- und Militärflugzeuge bei MBB. Seine Frau Hasri Ainun arbeitete derweil als Kinderärztin in Hamburg.

Dann, 1974, überredete der damals allmächtige Chef der indonesischen Ölgesellschaft Pertamina, Ibnu Sutowo, den jungen Flugzeugbauer, in die Heimat zurückzukehren.

Zusammen mit MBB - von MBB bezog der Indonesier noch bis 1978 ein Gehalt - und dem spanischen Flugzeugwerk Casa baute Habibie in Pertaminas Auftrag Indonesiens erste Flugzeugfabrik Nurtanio in Bandung auf, die er heute noch leitet. Außerdem wurde er auch Direktor der mit den Bremer Schiffbauern Lürssen betriebenen staatlichen Werft in Surabaja.

Fachwissen und Manager-Fähigkeiten Habibies machten ihn so unentbehrlich für die indonesische Regierung, daß sie den Technokraten 1978 zu einem von vier Staatsministern ernannte - mit direktem Zugang zum Präsidenten.

Habibie (arabisch für »Liebling") residiert im ehemaligen »Pertamina-Turm« an Djakartas Hauptstraße Jalan Thamrin, den inzwischen die Technologie-Behörde von der staatlichen Erdölgesellschaft übernommen hat. Der kleine, untersetzte Mann mit dem großen Ego bestreitet in seinem gegen die Tropensonne verdunkelten Büro in fast akzentfreiem Deutsch jede Bevorzugung der deutschen Industrie: »Ich bin nur gegenüber Indonesien loyal.«

Zugleich bestätigt er jedoch: »Wir alle wollen ein stärkeres Engagement der Deutschen bei unserer wirtschaftlichen Entwicklung.« Dazu paßt, daß im Wartezimmer seiner Behörde als einziger Schmuck ein Plakat auf deutsch verkündet: »Bandung - Partner der Stadt Braunschweig«.

Bei soviel Verbundenheit mit Deutschland ist es nicht verwunderlich, wenn nach dem Interatom-Erfolg ein amerikanischer Diplomat in Indonesiens Hauptstadt unterstellte: »Meine Regierung hat für diesen Auftrag alle Register S.176 gezogen, aber offensichtlich hatte Minister Habibie den Auftrag bereits den Deutschen versprochen, bevor die Ausschreibung verschickt wurde.«

Wie auch immer: Fest steht, daß Geschäfte in Indonesien in einem schwer durchschaubaren Dunstkreis laufen - von persönlichen Loyalitäten und heimlichen Machtkämpfen einzelner Gruppen in der Regierung, von Dankbarkeit für geleistete Gefälligkeiten und Vorleistungen auf erwartetes Entgegenkommen. Indonesien-Veteranen sprechen gern von »javanischem Nebel«, durch den sich auch ausländische Firmenvertreter durchkämpfen müssen.

Darin finden sich allerdings nicht nur die Deutschen zurecht, sondern auch Amerikaner, Japaner oder Franzosen. Die Ausländer brauchen allerdings alle erfahrene einheimische Führer - und die finden sie ähnlich, wie die Deutschen ihren Habibie gefunden haben.

Indonesische Manager, wie ihre Kollegen anderwärts, halten nämlich traditionell dem Land, in dem sie einst studietten, auch dann noch die Treue, wenn sie in ihrer eigenen Regierung hohe Positionen bekleiden. Als etwa die ersten indonesischen Technokraten von US-Universitäten wie der kalifornischen Berkeley University zurückkehrten und hohe Staatsposten übernahmen, wurden sie bald als die »Berkeley-Mafia« bekannt: Für sie zählte nur das Vorbild der USA.

An der Spitze dieser Mafia steht heute der mächtige »koordinierende Minister« (zwei Stufen über dem einfachen Minister) für Wirtschaft, Finanzen und Industrie, Widjojo Nitisastro, dem auch die mächtige Bundes-Planungsbehörde Bappenas untersteht. Japanische Interessenten halten sich an den Informationsminister Ali Murtopol, ebenfalls ein einflußreicher Mann, und die Franzosen konzentrieren sich auf den Erziehungs- und Kultusminister Daud Yusuf, der an der Pariser Sorbonne promovierte.

Glück dabei für die Deutschen, daß ihr Mann in Djakarta einen der einflußreichsten Kabinettsposten des fernöstlichen Inselreichs innehat. An technologisch hochwertige Aufträge wie das von Klöckner, Ferrostaal, Siemens und anderen gebaute Stahlwerk Krakatau kommen daher, so klagen ausländische Manager, die Konkurrenten bundesrepublikanischer Unternehmen nur schwer heran.

Der Frankfurter Technologie-Konzern Lurgi bekam den Zuschlag für eine Methanol-Anlage im Wert von 250 Millionen Dollar - obgleich die staatliche Ölgesellschaft Pertamina empfohlen hatte, mit dem britischen Unternehmen Davy McKee abzuschließen.

Allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres holten westdeutsche Firmen Aufträge im Wert von fast 1,2 Milliarden Dollar (2,7 Milliarden Mark) herein.

Was die deutsche Industrie bei ihrem Indonesien-Geschäft an Habibie hat, weiß auch Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff richtig einzuschätzen.

Bei seinem vorletzten Indonesien-Besuch vor drei Jahren machte er eigens einen Abstecher zu Habibies Flugzeugfabrik in Bandung. Und als er diesen Sommer wieder in Djakarta weilte, unterbrach der Minister seine Gespräche in der Hauptstadt, um mit seiner Delegation für einige Tage auf eine abgelegene Insel zu fliegen: auf die 1400 Kilometer von Djakarta entfernte Insel Sulawesi, wo Bacharuddin Jusuf Habibie vor 45 Jahren geboren wurde.

S.174Bei der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern undSchulterband am 28. November 1980 im Industrie-Club in Düsseldorf.*

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