Im Maul des Drachen - DER SPIEGEL
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WELTHANDEL Im Maul des Drachen

Der Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht bietet für die deutsche Industrie gewaltige Chancen: Alle großen Konzerne wollen dabei sein, bürokratische Hemmnisse und Rechtsunsicherheit schrecken sie nicht. Droht nun eine massive Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Reich der Mitte?
• aus DER SPIEGEL 50/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kurz bevor beim festlichen Bankett im Westsaal der Großen Halle des Volkes in Peking der Nachtisch gereicht wurde, kam Gerhard Schröder beiläufig auf ein kleines Anliegen zu sprechen. Ob er vielleicht eine Minute Zeit habe für Siemens-Chef Heinrich von Pierer, wollte der Kanzler von seinem Gastgeber, dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, wissen. Er hatte.

Diskret wurde Pierer an den Ehrentisch gewinkt und durfte dem stets lächelnden Wen sein Problem bei einem Kraftwerks-Großprojekt schildern, im Stehen und damit so, dass keinem der anwesenden chinesischen Kabinettsmitglieder die kurze Privataudienz entgehen konnte.

Nachdem der Pekinger Regierungschef ihm diesen kurzen, aber demonstrativen Augenblick der Aufmerksamkeit geschenkt hatte, konnte sich Pierer sicher sein, dass sein Projekt in Zukunft von den chinesischen Behörden zumindest nicht mehr vernachlässigt wird.

Schröder wirkte wie so oft auf seiner China-Reise in der vergangenen Woche,

bei der ihn fast 40 Unternehmensbosse begleiteten, weniger wie ein Regierungschef, sondern eher wie der Vorstandsvorsitzende der Deutschland AG. Deren Geschäfte will er fördern. Er sagte den Chinesen deshalb, was die gern hören: dass er sich für eine Aufhebung des Waffenembargos der Europäischen Union einsetzen will und keine Einwände gegen einen Export der Plutoniumfabrik aus Hanau nach China hat (siehe Seite 48). Und Schröder hielt sich - zumindest öffentlich - bei einem Thema zurück, zu dem die chinesische Führung ungern deutliche Worte gehört hätte: den anhaltenden Menschenrechtsverletzungen.

Dass SPD-Linke und der grüne Koalitionspartner ihn dafür zu Hause harsch kritisieren - sei''s drum. Die haben vielleicht noch nicht realisiert, wie es in China zugeht, einem Land, das als große Verheißung nicht nur für deutsche Unternehmen gilt.

China ist die am schnellsten wachsende unter den großen Volkswirtschaften. Es ist mit 1,3 Milliarden Menschen einer der größten Absatzmärkte. Und es bietet dank Niedrigstlöhnen einen der billigsten Produktionsstandorte der Welt.

Die Amerikaner haben es längst zu einer zweifelhaften Meisterschaft gebracht, politischen Einfluss zu Gunsten der eigenen Industrie geltend zu machen. Droht ein US-Unternehmen bei einem Großprojekt gegen einen internationalen Wettbewerber zu unterliegen, interveniert häufig der amerikanische Botschafter bei der chinesischen Staatsführung. Die muss sich dann überlegen, ob ihr das Projekt wichtig genug ist, die einzig verbliebene Supermacht zu verärgern.

Verglichen damit setzte sich Schröder fast schon dezent für die Interessen der deutschen Industrie ein, die über neun Milliarden Euro in China investiert hat.

Deutsche Konzerne bauten in China U-Bahnen (Adtranz, Siemens), produzieren Autos (VW, Audi, BMW), testen dort demnächst ihre Airbus-Triebwerke (MTU), wollen Halbleiter (Infineon) und Windanlagen (REpower Systems) produzieren, Gruppenreisen vermitteln (TUI) oder Bausparverträge verkaufen (Schwäbisch Hall). Allein die Deutsche Post, bislang schon führender ausländischer Logistikdienstleister, will mehr als 1,5 Milliarden Euro in China investieren, um dort noch mehr Güter per Lastwagen oder Luftfracht zu transportieren.

Ein Anliegen sprach Schröder beim Staatsbankett noch an: das Interesse der Lufthansa an der Verlängerung des Wartungsvertrags für die chinesische Staats-Airline. Das war es. Man kann den chinesischen Ministerpräsidenten schließlich nicht mit einer endlosen Wunschliste behelligen.

Die mitgereisten Wirtschaftsbosse waren hoch zufrieden. »Der macht das wirklich klasse«, fand Infineon-Chef Ulrich Schumacher. So sorgte Schröder auch stets für werbewirksame Fotos auf der Automesse in Kanton, auf der er in einem VW Passat Platz nahm, und bei der Eröffnung des TUI-Büros, bei der er einem maskierten Drachentänzer die Hand ins Maul legte.

Für deutsche Unternehmensführer, die schon länger in China aktiv sind, ist dies ein eher doppeldeutiges Bild. »Hier muss man sorgsam überlegen«, sagt der Chef eines Mittelständlers, »wem man die Hand in den Mund legt.«

Den ausländischen Investoren wird das Geschäftemachen mit immer neuen Tricks erschwert. Obwohl China sich mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO zu freiem Handel verpflichtet hat, versucht die Regierung, die heimischen Betriebe durch häufig wechselnde Vorschriften zu schützen. Wie einfallsreich die Chinesen dabei vorgehen, bekommt gerade die deutsche Autoindustrie zu spüren.

Volkswagen produziert bereits seit Anfang der achtziger Jahre in China und verkauft dort mittlerweile mehr Fahrzeuge als in Deutschland. Wenn China in den kommenden Jahren die hohen Zölle und Einfuhrbeschränkungen abbauen muss, könnten VW und andere Autohersteller auch mehr Fahrzeuge nach China exportieren und über das bestehende Händlernetz verkaufen. Daran aber hat die chinesische Regierung kein Interesse. Sie will vor allem die über hundert Autohersteller in China schützen, die manchmal veraltete Modelle der großen Konzerne leicht verändert nachbauen.

Deshalb erwägt sie ein Gesetz, nach dem ausländische Autokonzerne ihre in China hergestellten Fahrzeuge nicht zusammen mit importierten Autos in einem Schauraum ausstellen dürfen. VW müsste dann eine neue Vertriebsgesellschaft für die aus Deutschland eingeführten Autos gründen, was den Import stark erschwert.

Zudem untersagt die Regierung den VW-Werkstätten, alle Volkswagen-Typen zu warten. Wer Golf-Modelle repariert, die in Changchun hergestellt werden, darf keine Polos oder Passats warten, die in Shanghai gebaut werden. Folge: VW muss ein doppeltes und entsprechend teures Werkstattnetz aufbauen.

Viele Unternehmen klagen über unfaire Ausschreibungen. »Zum Teil werden ausländische Firmen völlig vom Wettbewerb ausgeschlossen oder nur unter der Bedingung zugelassen, dass sie chinesische Hersteller beauftragen und ihre Technologie komplett transferieren«, heißt es in einem Beschwerdepapier des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (APA). »Einige deutsche Firmen« verlören damit »faktisch die Geschäftsgrundlage«.

Zu den unfeinen Tricks zählt auch, dass chinesische Unternehmen die Produkte ausländischer Hersteller skrupellos abkupfern und dann billiger auf den Markt werfen. Chinesische Partner hätten ihm stolz Kopien seiner Windanlagen präsentiert, berichtet Fritz Vahrenholt, einst Umweltsenator in Hamburg und jetzt Chef des Windenergieanlagen-Herstellers REpower Systems. Seine Erklärung für die überraschende Offenheit der Chinesen: »Die betrachten das als Auszeichnung für unsere Technologie.«

Wer wegen solcher Vergehen vor Gericht zieht, hat wenig Chancen. Ein funktionierendes rechtsstaatliches System existiert nicht. Ein deutscher Mittelständler musste erleben, dass die Gegenseite nicht nur den Richter, sondern auch seinen eigenen Anwalt bestach.

Auch große Konzerne klagen über solche Praktiken. Aber es hält sie nicht ab, massiv in China zu investieren. Neben europäischen Unternehmen engagieren sich vor allem amerikanische und japanische Firmen und bauen in China gewaltige Anlagen für die Produktion von Handys, DVD-Spielern, Fernsehgeräten, Kameras, Hausgeräten und Elektrowerkzeugen auf.

In den USA herrscht deshalb Alarmstimmung. Als gigantischer Absatzmarkt für US-Produkte ist China willkommen. Aber die Ausfuhren der Chinesen in die USA sind eine Gefahr. Sie gelten als ein Grund dafür, dass in den vergangenen beiden Jahren drei Millionen Amerikaner ihren Job verloren. Schon fordern US-Politiker den Schutz vor Billig-Importen aus China.

Auch Deutschland spürt bereits, dass der Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht der heimischen Industrie nicht nur Chancen bringt. Von einem massiven Arbeitsplatzverlust wie in den USA, der durch Einfuhren aus China verursacht wurde, kann noch nicht gesprochen werden. Aber mehrere Konzerne haben die Produktion bereits nach China verlagert - und in Deutschland Jobs abgebaut.

Der Handy-Hersteller Motorola streicht in seinem Werk in Flensburg 600 Stellen, weil er die Fertigung nach China verlagert. Die Fabrik galt lange Zeit als Muster dafür, dass auch im Hochlohnland Deutschland Handys gefertigt werden können, weil die Arbeitskosten hier nur noch eine geringe Rolle spielen.

Doch Motorola konzentriert sich auf das Billig-Segment, in dem auch geringe Einsparungen eine Rolle spielen. Wird ein Handy in China produziert, kostet es 2 bis 3 Dollar weniger. Bei 10 Millionen Handys im Jahr bedeutet dies ein Einsparpotenzial von mindestens 20 Millionen Dollar.

Bei manchen Not leidenden deutschen Traditionsunternehmen bieten sich chinesische Konzerne als potenzielle Retter an. Sie wollen nicht länger als billige Werkbank ausländischer Unternehmen in China Fernsehgeräte, Videorecorder und Ähnliches herstellen, sondern mit eigenen Produkten auf den Markt kommen. Den eingeführten Markennamen und das Vertriebsnetz können sie durch die Übernahme eines angeschlagenen Unternehmens wie Schneider Electronics erwerben.

Das Geschäftsprinzip: Die Fernsehgeräte sollen in China produziert, in Baugruppen nach Deutschland geschickt und hier fertig montiert werden. Sie können dann den Namen Schneider tragen und das Siegel »Made in Germany«.

Der Ausgang dieses Experiments ist offen, wie so vieles in den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen. Niemand kann vorhersehen, ob China die hohen Wachstumsraten halten kann, ob es den eigenen Markt stärker für Einfuhren öffnet, ob es ausländischen Konzernen mehr Freiheiten und Rechtssicherheit gewährt.

Abschrecken aber lassen sich die Konzernchefs von den möglichen Risiken und Nebenwirkungen des China-Geschäfts nicht. »Das Risiko, nicht dabei zu sein«, sagt Siemens-Chef Pierer, »ist größer als das, dabei zu sein.«

Erleichtert wird das Dabeisein auch durch den Einsatz des Kanzlers. Der stellt sein ganzes Verkaufstalent, das er schon vor vielen, vielen Jahren während seiner Lehrzeit im Haushaltswarengeschäft August Brandt in Lemgo bewies, nun in den Dienst der deutschen Industrie. Nach dem Besuch einer Fabrik in der Provinzhauptstadt Chengdu hielt Schröder eine kleine Ansprache. Er sei sehr beeindruckt von der Platinen-Bestückungsmaschine, die man ihm vorgeführt habe. 26 000 Bauteile pro Stunde könne der fabelhafte Apparat aus Korea montieren.

Dann machte Schröder eine kleine Pause und grinste: »Vielleicht ist es interessant für Sie zu wissen, dass Siemens Maschinen herstellt, die 60 000 Bauteile schaffen.«

KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,

DIETMAR HAWRANEK, ANDREAS LORENZ

* Mit chinesischen Tänzerinnen am 3. Dezember in Chengdu.

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