SPEKULATION Im Visier
Im Oktober vergangenen Jahres begann Bauingenieur Werner Wohlrabe in Kakao zu spekulieren. Ein dreiviertel Jahr später hatte er, mit einem Einsatz von 19 000 Mark, neun Tausender verdient.
Jedenfalls auf dem Papier. Denn der Ingenieur stieg, auf Drängen seines Anlageberaters, mit dem gesamten Geld in ein neues Geschäft ein. Zwei Monate darauf waren seine Geschäftspartner von der CMI Commodity Management International (Zürich/London) nicht mehr auffindbar; auch der Staatsanwalt sucht sie seitdem vergeblich.
Auf ganz ähnliche Weise wie Wohlrabe verloren bereits Tausende von Bundesbügern einen Teil ihres Vermögens -- weil sie den Telephonhörer zu spät auflegten.
Anstatt das Gespräch mit einem aufdringlichen Verkäufer kurzerhand zu beenden, ließen sie sich auf riskante Geschäfte mit Unbekannten ein. Rund 300 Millionen Mark, so vermuten recherchierende deutsche Staatsanwälte, verloren die Möchtegern-Spekulanten in den vergangenen drei Jahren bei dubiosen Warentermin-Spezialisten.
Ein Trupp gerissener Verkäufer, geschult vor allem in der hohen Kunst der Überrumpelung, verführt selbst biedere Bürger zur Spekulation mit Rohstoffen, dem Warentermin-Ge-
* In Kansas, USA.
schaft, einem Spiel so riskant wie Poker oder Roulett. Und häufig sind die Gewinnchancen von vornherein gleich Null, weil Hasardeure oder Betrüger den Einsatz gar nicht erst weitergeben.
Für den ungeschulten Anleger ist kein anderer Markt so verwirrend und unübersichtlich wie das Geschäft mit Schweinebäuchen und Sojabohnen, mit Kaffee und Orangensaft, mit Silber oder Kupfer. Nirgendwo sonst ist der Kunde stärker auf Rat und Beistand ehrlicher Makler angewiesen.
Die Warentermin-Spekulation ist eine Art Wette. Im Prinzip geht es immer darum, daß der Anleger auf bestimmte Preisbewegungen eines bestimmten Produktes in einem bestimmten Zeitraum setzt: Er kauft etwa Kakao im Januar per Termin Juni zu einem festen Preis, weil er »wettet«, daß Kakao im Sommer teurer sein wird und er seine billig eingekaufte Partie dann mit Gewinn abgeben kann.
Wieviel der Spekulant mit solchen Geschäften riskiert -- falls sie überhaupt seriös durchgeführt werden hängt von der Art der Spekulation ab. Der Anleger hat mehrere Möglichkeiten:
* Er kann etwa einen Kontrakt über eine festgelegte Menge Weizen schon jetzt zu einem künftigen Termin kaufen oder verkaufen (Direktgeschäft); er bringt dafür zehn Prozent des Vertragswertes auf, die voll verlorengehen können, unter Umständen muß er sogar Geld nachschießen.
* Er kann sich an einem Sammelkonto beteiligen, der Verwalter legt das Geld an; sinkt der Wert des gesamten Kontos, so verliert jeder Anleger anteilig.
* Der Anleger kann eine Option erwerben, das heißt, die Berechtigung, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes einen genau bezeichneten Terminkontrakt zu kaufen oder zu verkaufen. Er schließt eine Wette auf eine Wette ab, wobei er seinen Einsatz, die Prämie (zwischen sieben und fünfzehn Prozent), teilweise oder ganz verlieren kann.
Wie gefährlich das Auf und Ab der Rohstoffpreise werden kann, mußten gerade in Deutschland viele Kleinspekulanten erfahren, die ihr Geld dem selbsternannten Weltmeister der Branche, Hans Mathias Nies, überlassen hatten. Ein Anteil am Sammelkonto des Meisters, 1975 für 50 Mark gekauft und zeitweilig mit 83 Mark bewertet, ist heute nur noch etwa 27 Mark wert. Den Vertrieb seiner Anteile hat Nies inzwischen eingestellt.
Als weitaus gefährlicher jedoch erwies sich für die deutsche Kundschaft das Optionsgeschäft. Allzuoft stand hinter den eifrigen Geldeinsammlern bestenfalls eine Briefkastenfirma in der Schweiz oder in Liechtenstein. Das Geld floß überhaupt nicht in die Rohstoffspekulation, sondern auf Konten und in die Koffer der Initiatoren.
Eine Reihe von Optionshändlern sitzt inzwischen ein, nachdem Staatsanwälte in Frankfurt und Düsseldorf sich verstärkt dieser oft nur für die sogenannten Makler einträglichen Branchen gewidmet haben. Bis zum Jahresende möchten die Frankfurter Staatsanwälte Karl-Heinrich Hentschel und Reinhard Rochus in einem ersten Prozeß der Branche die Grenzen des Geschäfts vorführen.
Adolf Sailer, jetzt in Untersuchungshaft, bis Juni vergangenen Jahres Geschäftsführer der Warenterminfirma Zollerngesellschaft mbH, soll des Betruges an den Kunden seiner Gesellschaft überführt werden (SPIEGEL 27/1976). Von den 22 Millionen Mark, die seine Firma in einem halben Jahr an Prämien für Optionen eingenommen hatte, war nur ein Bruchteil so angelegt, wie Sailer und seine Leute in Hochglanzprospekten versprochen hatten: an den Rohstoffbörsen.
»Wir haben noch andere im Visier«, warnt Oberstaatsanwalt Hentschel. Vom Ausgang des Verfahrens gegen Sailer hängt ab, wie hart die Verdächtigen angepackt werden können.
In der Branche selbst, durch Sailer und andere um den guten Ruf gebracht, regt sich inzwischen eine Gegenbewegung. Verschreckt durch zahlreiche Pleiten und Betrugsfälle, beunruhigt durch schrumpfende Umsätze. suchen seriöse Warentermin-Firmen das Geschäft durch die Flucht nach vorn zu retten.
Der verwirrende Markt soll nun durchsichtiger werden. Der Kunde soll prüfen können, was mit seinem Geld geschieht, ob sein Partner mehr als nur ein Briefkasten-Onkel in Liechtenstein ist und über hinreichend Kapital für sämtliche Risiken verfügt.
Noch in diesem Jahr wollen einige Firmen Ernst damit machen: Ein neu zu gründender Verband soll Wettbewerbsregeln sowie den Ehrenkodex der in Verruf geratenen Branche überwachen.
Und als Sonderservice haben sich die künftigen Verbandsherren sogar gedacht, den Staatsanwalt bei seinen Recherchen zu beraten.