Imagewechsel Byebye Rentnerparadies, hello Luxusstadt
Miami - Der Biscayne Boulevard war das Stiefkind Miamis, das jahrelang keiner haben wollte. Leer stehende Kaufhäuser, renovierungsbedürftige Hotels, düstere Ecken: Die Downtown-Meile an der Hafenbucht, auf deren anderen Seite das trendige South Beach glitzert, galt bis vor kurzem noch als Schreckensbeispiel innerstädtischen Verfalls.
Wer heute über den Biscayne Boulevard fährt, verrenkt sich schnell den Nacken. Die alten Bausünden - abgerissen. An ihrer Stelle wachsen Dutzende smaragdfarbene Wolkenkratzer in Floridas Himmel - kolossale Luxus-Apartmentburgen, von Palmen flankiert und meist mit exotisch-exklusiven Namen: "Everglades on the Bay", "Moon Bay", "Island Gardens". Eine davon, der Mega-Tower "Met 3", wird mit 264 Metern der höchste Wohnturm südlich von Manhattan.
Ein paar Straßen weiter entsteht ein enormes Kulturzentrum aus Granit, Marmor und Glas samt Opernhaus und Philharmonie, entworfen vom Stararchitekten Renzo Piano. Mit fast 500 Millionen Dollar Baukosten ist es das aufwendigste öffentliche Projekt in der Geschichte Miamis - und das größte neue Kulturzentrum der USA seit Eröffnung des New Yorker Lincoln Centers vor 44 Jahren.
"Größer als Hongkong in seiner Blüte"
"Wir bauen eine neue Instant-Stadt", sagt Immobilienanalyst Michael Cannon. Allein in der Downtown sind über 100 Immobilienprojekte im Bau oder in Planung, Gesamtkosten fast sechs Milliarden Dollar. Darunter 82.000 Eigentumswohnungen ("Condos"). "Dies ist größer als Hongkong in seiner Blüte", sagt Stadtplaner Charles Hales.
"Miami wird zum Prototyp der internationalen Weltstadt von morgen", sagt auch Ron Shuffield, der Präsident der Immobilienfirma EWM, die "Met 3" vermarktet, zu SPIEGEL ONLINE. Dazu zitiert er Statistiken, wonach pro Tag 300 Menschen zuziehen. Für Shuffield - einen gemütlichen, kahlköpfigen Herrn - ist diese Völkerwanderung ein Riesengeschäft: Allein im vorigen Jahr vermittelte er im Großraum Miami an die 6000 Wohnungen. Durchschnittspreis: eine halbe Million Dollar. Dabei platzt Miami jetzt schon aus allen Nähten. Die Einwohnerzahl für den Bezirk Miami-Dade schwoll in fünf Jahren um über acht Prozent auf 2,5 Millionen an.
Früher war Miami Prohibitionsmekka, dann Exilhauptstadt Kubas, dann Rentnerparadies. Nun wird die Stadt zur multikulturellen Luxus-Boomtown des 21. Jahrhunderts, weltweit propagiert durch die schillernden Glamourbilder des Serienhits "CSI: Miami".
Stadt der Superlative
Auch wirtschaftlich boomt die Stadt. "Kultur, Handel, Kommunikation" - rattert Karl Weyeneth, der US-Chef des deutschen Logistik-Unternehmens Hellmann, die Standortvorteile für den amerikanischen Geschäftssitz der Firma herunter. Die Boombranchen: Finanzen, Werbung, Design, Architektur. "Miami ist eine magische Stadt", schwärmt Handelskammerpräsidentin Rosa Sugrañes, die es schon 1980 von Barcelona hierher trieb: "Die Stadt der Zukunft."
Miami ist die Drehscheibe zu Südamerika - für 50 Prozent der Leute hier ist Spanisch die Muttersprache - und ein Magnet für über elf Millionen Touristen im Jahr. Die Arbeitslosenquote ist mit 3,5 Prozent eine der niedrigsten in der USA. Die Stadt hat den größten US-Frachtflughafen, den größten Hochseehafen zur südlichen Hemisphäre, den größten Kreuzfahrthafen der Welt.
Das Wetter treibt den Aufschwung. Die Lage zwischen Atlantik, Karibik und Golf von Mexico. Die schäumende Latino-Kultur, die Miami zum Epizentrum der am schnellsten wachsenden US-Bevölkerungsgruppe macht. Die inspirierte Kunstszene. Die Baby-Boomer mit ihren Zweitdomizilen, die 40 Prozent des Neubaubestands ausmachen.
Glühender Massenparkplatz
Doch auch Miami hat eine schwache Stelle: Das antiquierte Verkehrsnetz - Straßen, Brücken, Hochbahnen, Kanäle - ist der Explosion schon heute nicht mehr gewachsen. "Der Verkehr ist unser drängendstes Problem", klagt Armando Codina, Miamis bekanntester Immobilienmogul.
Die Autobahn I-95 zwischen Miami und Fort Lauderdale wird, obwohl zehnspurig, jeden Tag ab 15 Uhr zum glühenden Massenparkplatz. Ebenso die Brücken und Dämme nach Miami Beach. Von der Großbaustelle Downtown ganz zu schweigen. Und jedes Mal, wenn ein Hurrikan über die Stadt hinwegfegt - seit 2004 waren es acht -, bricht mehr Asphalt weg. "Wenn du in Kendall wohnst und in Downtown arbeitest, ist das die Hölle", sagt Codina. Er hat sich seine neue Firmenzentrale deshalb unweit seiner Villa im Nobelviertel Coral Gables gebaut.
Eine Milliarde Dollar aus Steuergeldern will Miami nun in die Infrastruktur investieren: um die Hochbahn zu verlängern, die Expressways auszubauen und für einen Tunnel unter dem Hafen. Doch die Kosten des Straßenbaus sind derart explodiert, dass viele Projekte derzeit auf Eis liegen. Selbst der Preis für einfachen Schotter ist hier seit 2003 um 65,3 Prozent gestiegen.
Skeptiker fürchten, dass die maroden Wege den Boom bremsen könnten. "Ich wette, diese Gebäude werden lange leer stehen", sagte der Stadthistoriker Joel Kotkin im "Miami Herald" über den Condo-Wahn an der Biscayne Bay. Und selbst wenn die Broker sie verkaufen könnten - Miami drohe ein Ort für eine "schicke, coole, nomadische Bevölkerung" zu werden, "die von den Armen bedient wird".