LUFTHANSA Immer billiger
Wenn Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau vor schwierigen Problemen steht, denkt er angeblich an einen Bibelspruch: »Sorget Euch nicht um den morgigen Tag, der morgige Tag sorgt für sich selbst. Jeder Tag hat seine eigene Plage.«
»Die Weisheit dieser Zeilen«, vertraute Sozialdemokrat Ruhnau vor kurzem einer Zeitung an, habe ihm schon oft »zur Gelassenheit« verholfen.
Ruhnau wird wohl noch öfter über das Matthäus-Evangelium meditieren können. Die wirtschaftliche Situation des von ihm gesteuerten Flugunternehmens ist alles andere als beruhigend, und so mancher Tag wird neue Plage bringen.
Zwar zählt die Deutsche Lufthansa nach wie vor zu den solidesten und erfolgreichsten Fluggesellschaften der Welt. Sie beförderte im vergangenen Geschäftsjahr 4,4 Prozent mehr Passagiere als im Jahr zuvor, an Gütern transportierte sie sogar über 15 Prozent mehr und stieg damit zur größten Frachtlinie der Welt auf.
Aber die Menge macht's eben nicht immer: Das Unternehmen verdient mit seinem Flugbetrieb immer weniger Geld. Allein im vergangenen Jahr sanken die Netto-Erträge um 14,3 Prozent.
In der Bilanz für das Geschäftsjahr 1986 wird die Lufthansa einen Gewinn von fast 100 Millionen Mark ausweisen. Doch der kommt ausschließlich von den Tochterunternehmen, vor allem von der Charter-Gesellschaft Condor. Die Lufthansa-Maschinen hingegen flogen Millionenverluste ein.
Besserung ist offenbar auch im laufenden Jahr nicht in Sicht. »Trotz kräftiger Steigerung der Nachfrage«, heißt es in einem Lufthansa-Vorstandsprotokoll, blieben im Januar »die Netto-Verkehrserträge um 29 Millionen Mark unter dem Vorjahreswert«. Ergebnis: Mit 144 Millionen Mark erwirtschaftete die Lufthansa 34 Millionen Mark mehr Verlust als im »bereits stark negativen« Vorjahresmonat.
Im Februar und März ging es zwar nicht mehr so steil nach unten, das Quartalsergebnis fiel sogar besser aus als im Vorjahr. Das aber lag unter anderem daran, daß Ostern in diesem Jahr erst im April gefeiert wurde - an solchen Festtagen fliegen nicht so viele Maschinen vollzahlende Geschäftsleute sind kaum unterwegs. Dadurch wurden in diesem März mehr Passagiere befördert als im vergangenen Jahr.
Bei der Lufthansa erwartet denn auch niemand, daß nun wieder mehr Geld eingehen könnte. »Der Rückgang der Durchschnittserträge hält an«, mahnte die Lufthansa-Mitarbeiterzeitung.
Die höchsten Verluste fliegt das Unternehmen auf den Nordatlantik-Strecken ein. Aber auch auf den Routen über den Südatlantik sowie nach Fernost und selbst im innereuropäischen Flugverkehr wird immer weniger hereingeholt.
Das liegt nur zum Teil daran, daß in den Lufthansa-Maschinen zu viele Sitze frei bleiben. Die meisten Flüge innerhalb Europas, nach Fernost sowie an die nordamerikanische Ostküste sind in der Regel gut gebucht;
nur auf den Routen an die südamerikanische Westküste oder auch nach Houston und Chicago sind die Lufthansa-Maschinen schlecht ausgelastet .
Auch die ständig steigenden Personalkosten machen der Lufthansa zu schaffen, können aber allein nicht erklären, warum die Lufthansa mit immer mehr Passagieren immer weniger verdient. Fast ein Drittel der Gesamtkosten geht für das Personal drauf. In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind diese Kosten um beinahe acht Prozent gestiegen. Vor allem die Einstellung neuer Stewardessen, die für besseren Service sorgen sollen, kostete die Lufthansa viel Geld.
Der Mehraufwand fürs Personal wird allerdings durch den Rückgang der Treibstoffkosten ausgeglichen. Für das Betanken ihrer Jets gab die Lufthansa im ersten Quartal dieses Jahres 42 Prozent weniger aus als 1986.
Daß die Erträge der Lufthansa sinken, ist vor allem mit einer grundsätzlichen geschäftspolitischen Entscheidung zu er-klären: Die Lufthansa verkauft immer mehr Tickets unter dem regulären Preis. Die »flieg & spar«-Tarife etwa werden jetzt für 55 Ziele in Europa angeboten. Die Preise liegen bis zu 45 Prozent unter den Normaltarifen.
Auch Flüge nach Amerika werden immer billiger. Ein Lufthansa-Flug nach New York kostet zum Holiday-Tarif 1228 Mark. Das Ticket nach San Francisco oder Los Angeles gibt es für 1648 Mark - von allen deutschen Flughäfen aus.
So schön diese Entwicklung für den Verbraucher ist, so gefährlich ist sie für die Lufthansa. Denn die Maschinen werden nicht nur mit Leuten gefüllt, die nur durch den günstigen Preis zu einer Flugreise gelockt wurden: Mancher, der ohnehin geflogen wäre, steigt natürlich gern auf das billigere Ticket um.
Im Januar beförderte die Lufthansa 7,7 Prozent weniger Vollzahler als im gleichen Monat des Vorjahres. Dafür waren fast 20 Prozent mehr Reisende zum Spartarif an Bord. Der Ertrag pro Flugkilometer lag dadurch um ein Fünftel niedriger als im Vorjahr.
Ruhnaus Kritiker warnen denn auch davor, die Lufthansa immer mehr zu einem Massentransporteur auszubauen. Die Flugfirma, so sagen sie, müsse ein Hochpreis-Unternehmen bleiben. Das sei vor allem deswegen nötig, weil sie höhere Kosten als die Konkurrenten in den anderen Ländern habe.
Ruhnau sieht das offensichtlich anders. Er möchte neue Kunden locken und größere Marktanteile gewinnen. Das geht aber auf Dauer nur, wenn er bei den Kosten ansetzt.
Das will er wohl auch, und beim Personal möchte er schnell zur Sache kommen: Bei den diesjährigen Tarifverhandlungen will der Lufthansa-Chef den Gewerkschaften vorschlagen, diesmal auf Lohnzuschläge zu verzichten.
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet .