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STRAUSS Immer dabei

In alter Stille betätigte sich der CSU-Vorsitzende als Vermittler zwischen deutschen Industriellen und amerikanischen Ankauf-Interessenten -- nur aus reiner Freundschaft?
• aus DER SPIEGEL 5/1976
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als J. Sidney Webb, Vizepräsident des amerikanischen Multikonzerns TRW, 1971 die Paderborner Computer-Firma Nixdorf kaufen wollte, traf er sich im Bonner Restaurant »Tulpenfeld« mit Heinz Nixdorf -- und Franz Josef Strauß.

Als der TRW-Beauftragte Jan Roos im Jahre 1972 in dem Düsseldorfer Restaurant »Müllers & Fest« mit dem Flick-Beauftragten Günter Max Paefgen zusammenkam, um über Produktionsstätten des Flick-Konzerns zu verhandeln, saß mit am Tisch -- Franz Josef Strauß.

Als TRW-Roos im gleichen Jahr in München Fäden zu dem Nürnberger Waffen- und Elektronik-Fabrikanten Karl Diehl knüpfte, machte in Verhinderung ihres Gatten Marianne Strauß die Honneurs. Ein Treffen zwischen dem TRW-Beauftragten (jetzigen Mitglied des Aufsichtsrats) Richard D. DeLauer und Ludwig Bölkow war im Hause Strauß zu Rott am Inn bereits verabredet, mußte aber in München und ohne Strauß stattfinden, weil DeLauers Anreise sich verzögerte.

TRW ist scharf auf deutsche Firmen. Der Finanzminister Strauß hatte den übermäßig hohen Anteil der Amerikaner an deutschen Firmen mehrfach öffentlich beklagt. Warum sitzt er mit am Tisch, wenn es um An- und Verkauf deutscher Betriebe geht?

Wie so oft bei Strauß findet sich auch hier eine Schlüsselfigur: der Münchner Anzeigenwerber Walter Schöll, ein enger Freund des CSU-Vorsitzenden und oft mit ihm auf Reisen.

Schöll hatte bis 1973 einen Vertrag mit dem Konzern TRW, Cleveland, Ohio, der weltweit mit technischem Know-how handelt und 1974 einen Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar erzielte.

Im September 1970 trafen sich Strauß und Schöll in Beverly Hills, Kalifomien, mit den TRW-Managern Ruben F. Mettler, Simon Ramo, J. Sidney Webb, Richard D. DeLauer sowie dem damaligen Finanzmanager J. F. Bradley, und zwar im »Beverly Hills Hotel« und im Restaurant »Chasen"s«.

Bei dem »social meeting« in Beverly Hills, wie Teilnehmer Jan Roos, für Europa zuständiger TRW-Manager, heute das kalifornische Treffen mit Strauß nennt, kam es den Amerikanern einmal darauf an, sich ihrem bayrischen Ehrengast als US-Generalunternehmer für das zivile deutsch-französische Gemeinschaftsflugzeug Airbus zu empfehlen. Zum anderen wollten sie von ihm erfahren, ob und wo es sich für TRW noch lohne, mit harten Dollars deutsche Wertarbeit und zukunftsträchtige Technologien auf zukaufen.

Strauß schien den Amerikanern als ehemaliger Verteidigungs- und Finanzminister der richtige Mann. Roos: »Es war ganz klar, daß Strauß einen »top view« von der deutschen Industrie hatte.«

Die Clevelander, auf den Verkauf von Technik vom Computer bis zum Automobil, vom Raketenzubehör bis zum Nachrichtensatelliten, vom Metall-Werkzeug bis zum Reaktorbauteil spezialisiert, hatten sich schon in den sechziger Jahren kräftig in der westdeutschen Industrie engagiert. 1967 kauften sie das Ventilwerk Teves-Thompson in Barsinghausen, 1968 das Bayerische Leichtmetallwerk in München und 1969 die Düsseldorfer Kugelgelenkschmiede A. Ehrenreich & Cie. Fritz Hiemenz, Direktor der Dresdner Bank, der 1969 auf dem deutschen Markt eine TRW-Anleihe von 80 Millionen Mark unterbrachte und auch bei der Einführung von TRW-Aktien an der Frankfurter Wertpapierbörse im Jahre 1974 behilflich war, urteilt über die Amerikaner: »Eine allererste Adresse mit einem vorzüglichen Management.«

Den Kontakt zwischen Strauß und TRW hatte nach Schölls Erinnerung der Frankfurter Verleger Jürgen Christ (Adolf Christ Verlag) hergestellt. Christ kannte den damaligen Europa-Repräsentanten von TRW, den heute in München ansässigen Wirtschaftsberater und früheren Fichtel & Sachs-Vorstand Kaarel R. Pusta. Nachdem US-Bürger Pusta in der bayrischen Metropole mit Strauß und Schöll zusammengetroffen war, dauerte es nicht mehr Lange, bis die beiden Bayern zum Trip nach Kalifornien aufbrachen.

Ende Oktober 1970. wenige Wochen nach dem Meeting von Beverly Hills, ging bei Walter Schöll in München Post aus Cleveland ein. Inhalt: ein vom 28. Oktober 1970 datierter zwei Seiten langer Vertrag zwischen dem Anzeigenwerber Schöll und TRW, den TRW-Finanzmanager Bradley, heute Vizepräsident bei dem US-Mischkonzern »The Scott & Fetzer Company«, aufgesetzt hatte »unter Bezugnahme auf unsere kürzlichen Diskussionen über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen TRW mit Ihnen und Ihren Gesellschaftern im Zusammenhang mit möglichen Erwerbungen in Europa und besonders in Deutschland«.

In dem Papier werden Makler Schöll (Bradley: »acquisition broker") und seine nicht näher beschriebenen »Gesellschafter« aufgefordert. »passende Kandidaten zum Erwerb durch TRW zu finden und zu präsentieren«. Dabei müsse es sich um Firmen handeln, die bereits Verkaufs- oder Fusionsabsichten bekundet hätten. Zum Geschäft gehöre auch die Lieferung von Informationen über die betreffenden Unternehmen, das Arrangement von Spitzengesprächen und, »falls von TRW gewünscht«, die Teilnahme an Verhandlungen.

Der Lohn für Schöll und Gesellschafter war in dem Vertrag genau festgeschrieben. Jeweils bezogen auf den Kaufpreis des Unternehmens, verpflichtete sich TRW, »in bar« zu zahlen:

* vier Prozent auf die ersten vier Millionen Dollar,

* 2,5 Prozent auf die nächsten sechs Millionen,

* ein Prozent auf die nächsten zehn Millionen,

* ein halbes Prozent auf die nächsten

dreißig Millionen

* und ein viertel Prozent für alles, was über 50 Millionen hinausginge.

Die Höchstgrenze der Provision aus einer Transaktion sollte 675 000 Dollar betragen.

Um nicht in möglichen Zank zwischen Schöll und seinen Gesellschaftern um die TRW-Dollars verwickelt zu werden, hatte der clevere Bradley in den Vertragstext die Klausel eingefügt, im Fall einer Provisionszahlung habe Schöll »TRW freizuhalten von jedweden individuellen Ersatzansprüchen Ihrer Gesellschafter«.

Schöll bestätigte kürzlich gegenüber dem SPIEGEL. daß er den Vertrag am 5. November 1970 unterschrieben und an TRW zurückgeschickt hat. Energisch bestritt jedoch der Münchner Kaufmann, daß zu seinen im Vertragstext genannten anonymen »Gesellschaftern« auch sein Freund Strauß gehöre.

Schöll mochte sich lediglich daran erinnern, daß er im Zusammenhang mit seiner Maklertätigkeit für TRW Strauß angerufen und um Hilfe bei der Vermittlung von Gesprächspartnern gebeten habe. Der Strauß-Freund: »Ein reiner Freundschaftsdienst. Daß Strauß hier privatwirtschaftlich tätig gewesen sein soll, ist eine reine Hypothese.«

Doch für die Hypothese, daß Strauß über den reinen Freundesdienst hinaus für TRW aktiv geworden ist, sprechen einige Indizien.

Vergeblich hatte sich im Jahre 1970 der bei TRW für den Elektronik-Rereich zuständige Vize-Präsident J. Sydney Webb bei einem Besuch in Paderborn darum bemüht, den Computerfabrikanten Heinz Nixdorf zu einem Verkauf seines angesehenen Unternehmens zu überreden. Daraufhin entsann sich Webb des Vertrages mit Schöll und Gesellschaftern. Er veranlaßte, »Schöll or Strauß« (Webb) aufzufordern, einen zweiten Kontakt mit dem störrischen Nixdorf zu arrangieren -- siehe oben. An der Tafel warteten Strauß und Nixdorf auf die mit einem Privatflugzeug (Kopilot: Schöll) von München eingeflogenen Amerikaner Webb und Ramo. Webb zur Rolle von Strauß: »Er half, uns zusammenzubringen, uns bei den Leuten einzuführen.« Strauß half auch aus -- siehe oben als die Amerikaner mit dem deutschen Flick-Konzern Kontakt aufnahmen. TRW-Roos erinnert sich: »Wir waren nicht an Dynamit Nobel (Flick-Tochter) interessiert. Wir suchten nach der Technik von morgen, nach künftigen Transportsystemen« -- etwa nach Magnetbahnen, wie sie von der Flick-Tochter Krauss-Maffei mit Hilfe vieler Steuermillionen aus Bonn entwickelt wurden.

Zwar behauptet Schöll, er habe den Termin mit Flick vereinbart, doch als sich TRW-Roos in Düsseldorf mit dem Flick-Generalbevollmächtigten Paefgen traf, saß laut Roos ein anderer am Tisch: Franz Josef Strauß. Roos weiß noch, daß der Bayer an diesem Tag »nicht sehr gesprächig« war, daß er »brummte und knurrte« ("grumbled and growled").

Eine ähnliche Vermittlerrolle spielte Strauß gegenüber dem Fabrikanten Diehl und gegenüber Messerschmitt-Bölkow -- siehe oben. Aber Strauß-Freund Schöll besteht darauf, er und seine Gesellschafter hätten an den Bemühungen für den US-Konzern keinen Pfennig verdient, da Abschlüsse nicht zustande gekommen seien. 1973 habe, so sagt Vize-Präsident Lloyd N. Hand, TRW die Abmachung gekündigt.

Die Frage, ob und wie er im Fall des Falles mit seinen Gesellschaftern geteilt hätte, stellt sich Schöll mithin nicht. Im übrigen: »Wenn ich eine Million im Lotto gewinne, ist das meine Sache, wieviel ich davon verschenke.«

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