STEUERFAHNDUNG Immer dabei
Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte Helmut Benteler, ein schießfreudiger Waidmann, nicht an der traditionellen Drückjagd des Detmolder Regierungspräsidenten teilnehmen. Als am Donnerstag vergangener Woche das Halali geblasen wurde, saß Benteler zu Hause in Bielefeld.
Sein Arzt und sein Anwalt hatten es angeordnet: Helmut Benteler, 68, und sein 72jähriger Bruder Erich sollten öffentliche Auftritte unterlassen.
Aus gutem Grund: Die beiden Multimillionäre, Eigentümer des Röhren- und Maschinenbaukonzerns Benteler, waren nur noch auf freiem Fuß, weil sie ärztliche Atteste wegen Kreislaufbeschwerden vorlegen konnten und deshalb nicht ins Gefängnis mußten.
Gegen die westfälischen Industriellen und gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden der Benteler-Werke, Heinrich Schlewing, ermittelt die Bielefelder Staatsanwaltschaft. Die Brüder sollen, unter Mithilfe von Schlewing, rund 50 Millionen Mark Steuern hinterzogen haben.
Am Montag der vorvergangenen Woche wurden die Villen der Benteler-Brüder in Bielefeld und das Schlewing-Haus durchsucht. Die zunächst festgenommenen Firmenchefs wurden am nächsten Tag gegen eine Kaution von 6,5 Millionen Mark wieder freigelassen.
Seit Jahren, so meinen die Staatsanwälte, hätten die Benteler-Senioren den deutschen Fiskus geprellt. Die Ermittler haben bislang noch nicht eindeutig klären können, was die Bentelers mit den Gewinnen machten, die von der Benteler Werke AG auf die Konten der Helmut Benteler KG und der Erich Benteler KG überwiesen wurden.
Vieles ging wahrscheinlich ins Ausland. Bei der Durchsuchung der Benteler-Villen und -Büros fanden die Staatsanwälte viele Bankbelege und Verträge über millionenschwere Geschäfte mit Empfängern im Ausland, vor allem in der Schweiz. Die Brüder sollen sich unter anderem in Hotelgesellschaften
eingekauft und die Gewinne nicht nach den höheren deutschen Tarifen versteuert haben, so wie es das Doppelbesteuerungsabkommen mit der Schweiz vorsieht.
In Bielefelds guter Gesellschaft, wo die Bentelers nun wegen so degoutanter Dinge wie Haftbefehl und Hausdurchsuchung unten durch sind, war die Industriellen-Familie bislang wohlgelitten. Wo immer einflußreiche Westfalen zusammentrafen, ob im CDU-Wirtschaftsrat oder beim Unternehmensverband - einige aus der Benteler-Sippe waren immer dabei.
Allerdings war den Bielefeldern schon seit längerem aufgefallen, daß sich die Brüder Helmut und Erich, aber auch ihre Söhne in den vergangenen Jahren mehr und mehr aus dem Weg gingen. Die beiden Familienstämme hatten sich über den Kurs des Konzerns - eine aus fünf selbständigen Firmen bestehende Gruppe (Umsatz: 2,2 Milliarden Mark) - zerstritten.
Dabei hatte alles in schönster Einigkeit begonnen. Wie von ihrem Vater Eduard Benteler gewünscht, hatten die Erben den Geschäftsgang nach dem Kriege gemeinsam bestimmt und die Fabriken zu einer florierenden Firmengruppe ausgebaut.
Helmut Benteler, für den der kaufmännische Part vorgesehen war, lernte bei Klöckner und BMW und wurde dann in der eigenen Firma zum Kaufmann und Eisenfachmann ausgebildet. Bruder Erich studierte Maschinenbau, der Techniker übernahm in den fünfziger Jahren die Verarbeitungssparte. Unter seiner Leitung spezialisierte sich der Familienbetrieb auf Präzisionsröhren und Formteile aus Stahl für Autos und Haushaltsgeräte. Umsätze und Gewinne wuchsen von Jahr zu Jahr.
Dann teilten die Brüder die Macht neu auf. Helmut Benteler wurde alleiniger Chef, Erich übernahm den Vorsitz im Aufsichtsrat. Von da an gab es nur noch Streit: Der Aufsichtsrat redete dem Manager zu oft in die Geschäfte drein, und der Manager wiederum arbeitete hinter dem Rücken des Aufsichtsrats.
Schließlich verweigerte Aufsichtsrat Erich dem Bruder Helmut die Entlastung für das Geschäftsjahr 1981. Erich wollte den Vertrag des Vorstandsvorsitzenden nicht verlängern.
Bei der Suche nach einem Nachfolger lehnte Helmut den vom Bruder und den Arbeitnehmern favorisierten Kandidaten, Erich Bentelers Sohn Hubertus, ab. Der 39jährige Maschinenbau-Ingenieur leitet seit vielen Jahren Vaters frühere Sparte, die Weiterverarbeitung.
Auch seinen eigenen Sohn Rolf Peter, der schon in verantwortlicher Position tätig war und Ambitionen auf den Vorstandsvorsitz hatte, wollte Helmut Benteler nicht als Nachfolger akzeptieren. Rolf Peter war vom Vater mit Zustimmung des Betriebsrates fristlos gefeuert worden. Dem 37jährigen Junior wurde
vorgeworfen, unerlaubt Firmengelder ausgegeben zu haben, die ihm nicht zustanden.
Auch eine starke Firma hält solche Unternehmernaturen wie die Bentelers auf Dauer nicht aus. Das Geschäft wurde flau, die Belegschaft unruhig.
Anderthalb Jahre lang konnte keine familienfremde Spitzenkraft angeheuert werden, weil alle von Personalberatern empfohlenen Kandidaten bei einem der Brüder durchfielen. Sobald ein Bewerber einem Gesellschafter gefiel, lehnte der andere ihn prompt ab.
Ein trügerischer Friede kehrte notgedrungen erst ein, als der Umsatz um zehn Prozent zurückging und ein rapider Ertragsverfall die Zukunft des Unternehmens in Frage stellte. Auf Druck der Hausbank, der Bank für Gemeinwirtschaft, verpflichteten die Streithähne das frühere Thyssen-Vorstandsmitglied Klaus Kuhn als Aufsichtsratsvorsitzenden.
Kuhn, der zusammen mit Vorstandschef Heinz Dürr den maroden Elektrokonzern AEG saniert hatte, machte den früheren Salzgitter-Manager Peter Adams zum Vorstandsvorsitzenden. Die beiden warfen unrentable Produkte aus dem Programm und werden, so Kuhn vor Jubilaren, in diesem Jahr einen »passablen Gewinnzuwachs« erwirtschaften.
Die Gewinne der Firma und das private Vermögen der Bentelers, so beteuern Kuhn und Adams derzeit unablässig den verunsicherten Mitarbeitern und Lieferanten, hätten nichts miteinander zu tun. Arbeitsplätze und Lieferantenkredite seien selbst dann nicht in Gefahr, wenn den Gesellschaftern Steuerschulden nachgewiesen würden und das Finanzamt das Geld eintreibe.
Schlechter sieht es für die Konzerneigner selbst aus. Bestätigt sich der Verdacht der Fahnder, dann könnte eine dreistellige Millionensumme fällig werden. Die Richter nämlich legen auf die Nachforderung der hinterzogenen Steuern zumeist noch einmal die gleiche Summe als Strafe drauf.
Weil es um so viel Geld geht, hat die Polizei vorsorglich Pässe und Ausweise der Bentelers sowie ihres Mitarbeiters Schlewing eingesammelt. Und die Privatmaschine auf dem Paderborner Flughafen wird, wie das beschuldigte Trio selbst, rund um die Uhr bewacht.
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ZERSTRITTENE SIPPE Die Eigner der Benteler-Gruppe Stimmrecht Helmut Benteler Erich Benteler Stimmrecht Ziffern an den Pfeilen = Besitzanteile Rolf Peter Benteler Hubertus Benteler Henry Benteler BENTELER BENTELER-GRUPPE mit den Hauptunternehmen: BENTELER Benteler-Werke AG, Paderborn Paderwerk Gebr. Benteler GmbH & Co., Paderborn Benteler Klimatechnik KG, Warburg Röhrenwerke Dinslaken Stahlwerke Lingen
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