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Heizöl Immer drauf

Doppelt soviel wie vergangenes Jahr müssen Westdeutschlands Verbraucher jetzt für leichtes Heizöl zahlen. Ein Ende des Preisschubs ist nicht in Sicht.
• aus DER SPIEGEL 41/1973
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Vor Jahren grämte sich Albert Hallmann, 62, Vorstandsvorsitzender der deutschen BP, über die Gewinnaussichten der Zukunft: »Die Heizölpreise«, so der Branchen-Patriarch, »sind auf Jahre kaputt«

Seit Anfang 1973 sind sie so heil wie nie. Noch im vergangenen Sommer verloren die Mineralölunternehmen in der Bundesrepublik pro Tonne öl ungefähr fünfzehn Mark. Heute schwemmt die Nachfrage nach Haushaltsheizöl Millionen-Gewinne in die Konzernkassen.

Bei Abnahme von 5000 Liter leichtem Heizöl wurden im Juli 1972 nur 9,78 Pfennig je Liter bezahlt (siehe Graphik), ein Jahr später fast das Doppelte: 18,37 Pfennig.

Die Fieberkurve der Heizölpreise begann vergangenen Winter jäh zu klettern. Selbst der saisonübliche Preisabschlag im Sommer blieb dieses Jahr aus. Gegenwärtig zahlen Verbraucher, die 5000 Liter einkaufen, quer über die Bundesrepublik schon mehr als zwanzig Pfennig je Liter. Im vergangenen Oktober waren es knapp zwölf.

»Schon bald«, klagte der Münchner Ölhändler Hans Stadler ("Isarol"). »müssen wir schon wieder mehr verlangen, weil die Raffinerie neue Preise angekündigt hat.« Und der Frankfurter Ölhändler Klaus Becker (Karl Becker OHG) argwöhnt: »Bis Ende Dezember werden wir wohl bei 23 Mark stehen.«

Binnen eines knappen Jahres hat der westdeutsche Verbraucher, der jahrelang die niedrigsten Ölpreise Europas zahlte, die Umkehr vom Käufer- zum Verkäufermarkt erlebt. Schuld an allem aber, so raunen die Ölhändler ihren Kunden zu, seien die Amerikaner: Eine Entspannung am Ölmarkt, verriet Rudolf Schmittinger, Geschäftsführer der Frankfurter Firma Main-Taunus Mineralölvertrieb GmbH, gebe es erst, »wenn Amerika den Hals voll hat«.

Tatsächlich kaufen amerikanische Öl-Konzerne gegenwärtig fast jede freie Ölmenge auf, die sie irgendwo am Markt ergattern können. Denn im Frühjahr hat US-Präsident Richard M. Nixon die Einfuhrquoten aufgehoben, unter deren Schutz die US-Ölgesellschaften sich hohe Gewinne genehmigen konnten: Die amerikanische Shell kassierte regelmäßig doppelt so hohe Renditen wie die Konzernmutter in Den Haag und London.

Die Nixon-Verfügung war freilich nicht gegen das Gewinnstreben der Konzerne gerichtet. Erschreckt hatten die Amerikaner vergangenes Jahr festgestellt, daß sie nahe daran waren, ihre erschlossenen Ölquellen zu erschöpfen.

Die Abgesandten der US-Konzerne beschafften Ersatz vor allem auf dem europäischen Ölbasar Rotterdam, wo die Überschußmengen italienischer, spanischer, griechischer, türkischer und russischer Raffinerien zusammenfließen und frei verkauft werden.

Aus Rotterdam auch hatte sich die westdeutsche Ölschwemme der vergangenen fünfzehn Jahre genährt. Freie Ölhändler, die ihre Ware auf den reglementierten Märkten etwa Frankreichs oder Italiens nicht loswerden konnten, pumpten ihr leichtes Heizöl auf den voll-liberalisierten deutschen Ölmarkt und setzten es zu Kampfpreisen ab.

Die Ölkonzerne der Bundesrepublik, sämtlich Töchter multinationaler Mineralöl-Riesen, sahen sich der Ölflut wehrlos gegenüber und verloren für Jahre die Kontrolle über den Markt: Schon zehn Prozent frei importierte Mengen, so eine Branchenregel, drückten den Preis der restlichen neunzig Prozent auf den der Importe: 1972 verloren die Konzerne, die als multinationale Unternehmen freilich durch künstliche Verrechnungspreise ihre Gewinne manipulieren können, vorwiegend im Heizölgeschäft zwei Milliarden Mark.

Noch im vergangenen Herbst konnten sich deutsche Ölhändler von Importeuren und Konzernraffinerien für neunzig Mark je Tonne bedienen lassen. Heute zahlen sie mehr als das Doppelte: für Konzernöl 182, für frei importiertes sogar 188 Mark. Stöhnt Ölhändler Stadler, der gegenwärtig 210 Mark je Tonne verlangt: »Unsere Aufschläge sind minimal.«

Für ihre Inflationspreise haben die Raffinerien noch ein anderes Alibi. Die Amerikaner jagten mit ihrer neuen Ölpolitik auch die Frachtraten der Tankschiffahrt in lichte Höhen. Die rund 200 Millionen Tonnen Tragfähigkeit starke Tanker-Armada des Westens muß zum Teil von den kurzen (Nordafrika-Europa) und langen Routen (Persischer Golf-Europa oder Japan) auf die Nordamerika-Strecke abdrehen.

Das größere Netz bedeutet, daß ein Teil der Tankerflotte übers Jahr weniger Öl transportiert. Trotz reger Bautätigkeit der Werften verringert sich dadurch die verfügbare Transport-Kapazität. »Es gibt da«, bekundet Johannes Welbergen, Chef der deutschen Shell-Gruppe, »logistische Verschiebungen.«

Durch die neue Logistik schoben sich die Tankerraten binnen eines einzigen Jahres auf die vierfache Höhe. Der Frachtenanteil am Ölpreis kletterte von 15 auf weit über zwanzig Prozent.

Und die Preise steigen weiter. Schon wenn Libyens Staatschef Gaddafi sich endgültig mit seiner Forderung auf 51 Prozent Anteil an den Anlagen der Multinationalen im Lande durchsetzt, kann es den nächsten Schub geben: Als 51-Prozent-Partner nämlich möchte Gaddafi den Preis heraufgesetzt wissen. Wenn die Multis nicht nachgeben. will er sogar die Hähne zudrehen.

Auch die Algerier wollen mehr Geld. Für ihre Staats-Öle möchten sie den Abnehmern im Westen künftig Rechnungen über fünf Dollar (bisher 3,60 Dollar) je Barrel schicken.

Knappheit, politische Ärgernisse und ein schroffer Winter können, so meint ein Kenner des Geschäfts, sogar zu einer Lage führen, wo eine »Versorgungskrise nicht mehr über den Preis ausgeglichen werden kann«.

Den Konzernen brachte die Inflation Im Tank indes schon jetzt saftigen Mehrverdienst. 30 Ölgesellschaften, über die das Unternehmensberatungsbüro The Boston Consulting Group regelmäßig intern berichtet, schafften nach den Recherchen der Bostoner im ersten Halbjahr 1973 fast 50 Prozent mehr Gewinn als in den ersten sechs Monaten 1972 -- in absoluten Zahlen: eine Milliarde Dollar mehr.

Einige westdeutsche Ölmanager möchten aufkeimenden Branchenübermut schon jetzt dämpfen, weil sie bei weiter flott steigenden Preisen Rationierungen und Preiskontrollen fürchten. Shell-Chef Welbergen: »Wir wollen normale Kapitalverzinsung -- aber keine idiotischen Gewinne.«

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