AKTIEN Immer gebraucht
Wie sauer Bier, sagt der Unternehmensberater Otto Gellert, habe er vor vier Jahren die Firma Pelikan angeboten. Doch potentielle Käufer wie Beiersdorf ("Nivea") oder Henkel ("Persil") winkten ab.
Nun trauern sie einer vertanen Chance nach. Die Firma Pelikan, die mit Füllhaltern und Büroartikeln 1982 noch 85
Millionen Mark Verlust machte, ist saniert. Erwin Conradi, Vorsitzender des Kontrollrats der schweizerischen Pelikan-Holding, ist stolz auf das Unternehmen, dessen Markenzeichen im übrigen viel älter sei als »Nivea« oder »Persil«.
Conradi leitet im Hauptberuf die Großhandelskette Metro. Einer der Metro-Eigentümer, der Wahlschweizer Otto Beisheim, hatte Gefallen an Pelikan gefunden und 1983 das schwer angeschlagene Stammhaus in Hannover mitsamt allen Fabrikationsstätten in 136 Ländern erworben.
Am Montag vergangener Woche bot Beisheim 40 Prozent der Pelikan-Holding AG, die wie die Metro von Zug aus gelenkt wird, am deutschen Kapitalmarkt an. Die 400000 Aktien waren bereits am Dienstag vergriffen.
Obwohl der amtliche Kurs noch nicht feststand, wurde das neue Papier bereits inoffiziell gehandelt. Von Tag zu Tag ging der Kurs nach oben. Wer eine Pelikan-Aktie zum Einstandspreis von 620 Mark abbekam, hatte zum Wochenausklang gegen den allgemeinen Abwärtstrend rund zehn Prozent verdient.
Die Deutsche Bank führte die neuen Anteilsscheine an der Börse ein. Berufsspekulanten rechnen damit, daß die Pelikan-Aktie zu einem ähnlichen Höhenflug ansetzen wird wie die ebenfalls von der Deutschen Bank herausgebrachten Neuemissionen Puma, Massa und Springer.
Die Verbindung zwischen den Metro-Leuten, die im Jahr rund 20 Milliarden Mark umsetzen, und der Deutschen Bank kam erst im Sommer dieses Jahres zustande. Vergeblich hatte Beisheim Mitte der sechziger Jahre versucht, für den Aufbau seiner Cash & Carry-Kette von Deutschlands stärkstem Geldinstitut Kredite zu bekommen. Als der Newcomer später dann auch von der Deutschen Bank als erfolgreicher Geschäftsmann akzeptiert wurde, wollte Beisheim nicht mehr.
Doch ihren ersten Börsen-Coup wollten die Metro-Manager nicht ohne die Nummer eins des deutschen Geldgewerbes machen. Conradi fragte bei Friedrich Wilhelm Christians, einem der Sprecher der Deutschen Bank an, ob sein Haus Pelikan an die Börse bringen wollte. Christians antwortete ausweichend: Seine Experten müßten die Sache erst prüfen.
Christians' Kollege Alfred Herrhausen hatte jahrelang die Pelikan-Inhabersippe Beindorff beraten und nicht die besten Erfahrungen gemacht. Die 39 Erben hörten selten auf den Rat des Bankiers.
Ständiger Streit zwischen den vielen Eigentümern führte, wie in vielen Familienunternehmen, zum Mißmanagement. Das artfremde Geschäft mit Kleincomputern, Naßkopierern und Spielwaren ging daneben und kostete dreistellige Millionenbeträge. Nichts lief mehr.
Die Pelikan-Manager waren ratlos. Sie sannen zuletzt nur noch über Absonderliches nach, etwa darüber, ob die Tatsache, daß Konrad Kujau die gefälschten Hitler-Tagebücher mit der Pelikan-Schultinte 4001 geschrieben hatte, als Werbegag verwertbar sei.
Keine Woche mehr sei es bis zum Konkurs gewesen, erinnert sich der als Sanierungshelfer herbeigerufene Wirtschaftsprüfer Gellert. »Da haben wir«, so Metro-Mann Conradi, »auf die SOS-Signale reagiert.«
Die neuen Eigentümer aus Zug mußten zwar sofort Kredite von rund 120 Millionen Mark ablösen. Sie hatten aber den Gläubigerbanken einen »hohen Discount« (Conradi) in fast gleicher Höhe abgehandelt.
Überdies hatte sich Conradi ausgerechnet, daß mit Pelikan noch viel zu verdienen sei. Nach Branchen-Schätzung verdoppelt sich der Papierverbrauch in Schule und Büro bis ins Jahr 2000 auf 2,5 Billionen Seiten. Füller, Tinte und Malstifte würden weltweit immer gebraucht.
Gute Geschäfte erwarten die neuen Pelikan-Strategen von der Ausstattung der Büros mit Computern. Der Bedarf an Zubehör für elektronische Schreibmaschinen und Drucker soll sich schon bis 1990 verdoppeln - das wären vier Milliarden Farbbänder, Kassetten, Spulen, Drucktücher. Pelikan nimmt hinter IBM den zweiten Rang auf diesem Markt ein.
Conradi machte das, was er schon bei seinem Einstieg in den Warenhauskonzern Kaufhof erprobt hatte: Er setzte bei Pelikan neue Leute an die Spitze, verkleinerte das Sortiment, schloß unrentable Betriebe.
In den nächsten fünf Jahren sollen 40 Prozent des Umsatzes mit neuen Produkten erzielt werden - alles unter dem vertrauten Firmenzeichen. Es sei ihm »völlig unverständlich«, meint der neue Pelikan-Chefmanager Heinz-Jürgen Stebel in Zug, daß seine Vorgänger »versäumt hatten, ihre modernen Produkte unter der imagebildenden Pelikan-Marke zu präsentieren«.
Im Ausland wurden neue Fabriken und Vertriebsgesellschaften zugekauft oder errichtet. In den USA und Japan setzte Conradi sie in die Nähe der Computer- und Büromaschinenhersteller. In anderen Ländern mit hohem Bedarf an Pelikan-Schulprodukten wurde die Fabrikation in Gegenden mit den billigsten Arbeitsplätzen verlegt.
Im schmuddeligen Sao Salvador da Bahia an der Küste Brasiliens beispielsweise wurde vor einigen Monaten eine neue Anlage zur Beschichtung von Filmfarbbändern in Betrieb genommen. In der ehemaligen Metropole des Sklavenhandels sind die Löhne - wegen hoher Arbeitslosigkeit - viel niedriger als in der ehemaligen Fabrik von Sao Paulo.
Bis Ende dieses Jahres will Pelikan einen Gewinn von rund 50 Millionen Mark machen. Besonders stolz ist Conradi darauf, daß die Firma trotz der Rationalisierung inzwischen weltweit tausend Menschen mehr beschäftigt.
Conradi, der bei der Metro wegen seiner rüden Personalpolitik ständig Arbeitsgerichtsprozesse führen muß, hat plötzlich auch sein Herz für die Mitbestimmung entdeckt. Die Zusammenarbeit mit den Betriebsräten bei Pelikan könne gar nicht besser sein, sagt er.
Als Beweis plaudert der sonst so verschlossene Manager Vertrauliches aus den Aufsichtsratssitzungen aus: »Alle Entscheidungen wurden mit den Arbeitnehmervertretern einstimmig gefällt.« In seinem Sinne.