STAHL Immer geleimt
Der Chef sei unterwegs, sagte die Sekretärin, und mehr erfuhren auch die engsten Mitarbeiter nicht. Ulrich Middelmann, Planungschef der Bochumer Krupp Stahl AG, hatte gute Gründe, Ziel und Zweck seiner Dienstreise zu verbergen.
Middelmann war in Wien, um mit Kollegen der Linzer Staatsfirma Voest-Alpine über eine enge Zusammenarbeit im Edelstahlbereich zu reden. Diskretion war da Ehrensache.
Und das vor allem aus einem Grund: Krupp ist bei einem anderen Konzern im Wort. Seit Mitte 1984 verhandelt das Unternehmen mit dem Konkurrenten Klöckner über eine Fusion in der Stahlfertigung.
Der geplante Pakt mit Klöckner jedoch, an dem sich zu 35 Prozent auch der australische Rohstoffkonzern CRA beteiligen wollte, ist so gut wie gescheitert. So fühlten sich die Bochumer berechtigt, sich auf eine Zukunft ohne die beiden Partner aus Duisburg und Melbourne einzustellen.
Die Unternehmensberatungsfirma McKinsey soll dafür sorgen, daß die Krupp Stahl auch ohne Klöckner zurechtkommt. Der Konzern wird durchrationalisiert, das Management gestrafft. McKinsey strebt Kosteneinsparungen von mindestens 100 Millionen Mark an.
Für die Klöckner-Werke zeichnet sich damit ein Desaster ab. Um die ertragsschwache Duisburger Firma ist es so schlecht bestellt, daß es für den Konzern ohne Partner-Hilfe äußerst eng wird.
Die Anlagen sind überaltert oder zu groß dimensioniert. Zudem fehlen einträgliche Sparten wie hochwertige Edelstahl-Flachprodukte und eine attraktive Weiterverarbeitung. Die Banken wollen keine weiteren Kredite in das »völlig ausgeblutete Stahlunternehmen« ("Börsenzeitung") pumpen. Ihre wohl letzte Chance verdarben sich die Klöckner-Manager durch ihr Lavieren bei den Verhandlungen mit Krupp. »Krupp ist von denen«, so ein Bochumer Aufsichtsrat, »immer geleimt worden.«
Obwohl die beiden Konzerne bereits im Oktober 1984 ihre Fusionsabsichten bekanntgaben, mochten Klöckner-Teilhaber Jörg A. Henle und sein Chefmanager Herbert Gienow monatelang weder Krupp noch die Bundesregierung, die Steuergelder dazugeben soll, mit genauen Geschäfts-und Bilanzdaten bedienen.
Differenzen gab es auch um die Bewertung der Vermögensteile, die Klöckner in die gemeinsame Stahlfirma einbringen sollte. Die Krupp-Leute und auch die Australier waren schon immer der Ansicht, daß Klöckner seine Anlagen ungewöhnlich hoch bewertete.
Daß die Manager der beiden Konzerne gelegentlich doch noch verhandeln, verdankt die Industrie-Sippe Henle möglicherweise den verwandtschaftlichen Beziehungen zu Berthold Beitz, dessen Tochter Susanne mit dem Klöckner-Teilhaber Christian-Peter Henle verheiratet ist. Krupp-Verwalter Beitz hofft immer noch auf ein Zustandekommen der Fusion.
Im Krupp-Stahlvorstand hingegen glaubt niemand mehr so recht daran. Das größte Hindernis für eine Fusion mit Klöckner, die Georgsmarienhütte bei Osnabrück, ist offenbar nicht zu überwinden.
Das völlig marode Stahlwerk muß nach dem Fusionsplan geschlossen werden. Die Kosten dafür dürften bei rund 350 Millionen Mark liegen und können von den beiden Konzernen nicht aufgebracht werden. Die Landesregierung in Hannover aber weigert sich, beim Abbau von knapp 2000 Arbeitsplätzen noch mit staatlichen Mitteln nachzuhelfen. Die Krupp-Manager bestehen dennoch darauf, das Werk zu schließen. Die Vorteile der Fusion gingen sonst verloren, meint der Bochumer Chefmanager Alfons Gödde. Der Pakt wäre dann »wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll«.
Für die Klöckner-Werke wird es ernst. Bis Ende 1985 muß die Fusion besiegelt sein, danach dürfen nach einem Dekret der EG-Behörde in Brüssel keine öffentlichen Staatshilfen mehr gezahlt werden.
Die Krupp-Leute dagegen sehen neue Chancen in Österreich. Zusammen mit Voest-Alpine würde die Bochumer Firma zum weltweit größten Anbieter hochwertiger Edelstahl-Flachprodukte (Markenzeichen: »Nirosta"), einem der wenigen Erzeugnisse, mit denen die Stahlhersteller noch gut verdienen: Die Tonne bringt bis zu 5000 Mark. Normaler Profil-Edelstahl dagegen ist allenfalls für 2000 Mark abzusetzen.
Der Stahl-, Anlagen-und Maschinenbaukonzern Voest (25 Milliarden Mark Umsatz) will im niederösterreichischen Ternitz ein veraltetes Stahlwerk durch ein modernes Kaltwalzwerk für den gefragten Rostfrei-Flachstahl ersetzen. Krupp wäre der richtige Partner; außer den Bochumern kann in der Bundesrepublik nur noch Thyssen den hochwertigen Stahl liefern, der für Haushaltsgeräte (Bestecke, Geschirrspüler, Spülen) und für Krankenhäuser (Operationssäle) gebraucht wird.
Eine Schwesterfirma des Stahlunternehmens, die Krupp Industrietechnik, könnte die Anlage in Ternitz errichten. Krupp könnte auch Vormaterial nach Österreich liefern, die Fabriken in Deutschland würden besser ausgelastet.
Daß sich Deutsche und Österreicher dann später beim Verkauf ihrer gemeinsam produzierten Ware in die Quere kämen, wäre kaum zu befürchten. Die Märkte sind bereits aufgeteilt: Krupp könnte die Europäische Gemeinschaft beliefern, Voest die Abnehmer im eigenen Land und in Osteuropa.