WEINHANDEL Immer gut bedient
Die im Weinhaus Wilbert in Wallhausen versammelten Winzer schimpften auf ihren Geschäftspartner. Von Erpressung war die Rede und von Mafia-Methoden.
Gemeint war das größte Weinhandelshaus der Bundesrepublik, die Firma Pieroth: Die nämlich will, da der Wein derzeit überreichlich fließt, den Winzern die vereinbarten Mengen nicht mehr zu den versprochenen Preisen abnehmen.
Dabei hatten die Pieroths erst vor zwei Jahren neue Verträge mit ihren Lieferanten, 1059 Winzern in fünf Erzeugergemeinschaften, geschlossen. Pieroth garantierte seinen Weinbauern, ihnen zunächst bis 1986 Qualitätswein zum Mindestpreis von 1,20 Mark pro Liter abzunehmen.
Diese Garantie soll nun nicht mehr gelten. Künftig will sich Pieroth nur noch am jeweiligen Marktpreis orientieren - und der ist an der Nahe zeitweise bis auf 50 Pfennig abgesackt.
Für Cheftechniker Dieter Pieroth, einen Neffen des Prinzipals Kuno, ist die Vertragsänderung ein Akt der Notwehr. In der Pieroth-Großkellerei in Langenlonsheim bei Bad Kreuznach lagert eine Million Liter Qualitätswein, der nicht einmal zum Einstandspreis abzusetzen ist.
Ohne die Preisgarantie hätte Pieroth den 1982er, den ihm die Winzer bis jetzt angeliefert haben, um 2,1 Millionen Mark billiger beschaffen können. Wenn er jährlich sieben Millionen Liter zum vereinbarten Preis abnähme, so Pieroth, wäre das Unternehmen bald finanziell am Ende.
Das hatte sich der Weinversandhändler Elmar Pieroth, heute CDU-Wirtschaftssenator in Berlin, vor zehn Jahren alles viel schöner gedacht. Sein »Pieroth-Verbund-System«, rühmte er damals, diene der »langfristigen Sicherung eines gleichbleibend hochqualitativen Produktsortiments für die Kunden der Firma Pieroth«. Die sollten nämlich »auch in Zukunft eine ausreichende Menge absoluter Qualitätsweine« bekommen.
Auch für das Wohl der Winzer wollte der Weinhändler sorgen. Sie sollten gegen Preisschwankungen abgesichert, ihre Einkommen stabilisiert werden. »Beispielhafte Zusammenarbeit zwischen Weinanbau und Weinvertrieb«, lobte der Mainzer Weinbauminister Otto Meyer (CDU) den Parteifreund Pieroth.
Diese Zusammenarbeit wirkt sich auch für Pieroth äußerst vorteilhaft aus. Von seinen Verbundpartnern wurde er immer gut bedient.
Noch im Herbst 1980 empfahl sich MdB Elmar Pieroth seinen Wählern an der Nahe: »Unsere Garantiepreise haben die Weinpreise auf einem relativ hohen Niveau stabilisiert.«
Für Dieter Pieroth ist das Verbundsystem gescheitert, weil die Ausweitung der Anbauflächen künftig Massenernten bringt, die nicht zu vermarkten sind. Elmar Pieroth hingegen hatte nie genug kriegen können und immer wieder vor einer »zunehmenden Weinverknappung« gewarnt.
So wie Pieroth dachten wohl auch viele andere. Jedenfalls hat sich die deutsche Anbaufläche in den letzten drei Jahrzehnten glatt verdoppelt. Die jährliche Durchschnittsernte, in den 50er Jahren erst 2,9 Millionen Hektoliter, stieg in den siebziger Jahren auf 8,5 Millionen Hektoliter - europaweit ist die Überproduktion chronisch. Im vergangenen Herbst ernteten die Winzer sogar 15,9 Millionen Hektoliter.
Die Weinschwemme von 1982, so hatte Pieroth noch Ende Juni verkündet, würde wieder »für Gewinne sorgen, wie man sie bei Pieroth gewöhnt ist«. Die Weinhandelsfirma sei ein »kerngesundes Unternehmen«. Tatsächlich aber wachsen vor allem die Probleme. Im vergangenen Jahr stieg der Konzernumsatz nur um 1,3 Prozent auf 588,6 Millionen Mark. Zuwachs gab es allein im Ausland, im Inland dafür um so größere Einbrüche.
Künftig werden es Pieroths Verkäufer bei ihren Werbetouren noch schwerer haben. Sie müssen erklären, warum der Pieroth-Kunde mehr als sieben Mark für einen Wein bezahlen soll, den die Firma bei ihren Vertragswinzern für 70 Pfennig einkauft.
Die Stimmung unter den 3600 Mitarbeitern des Hauses Pieroth ist ohnehin nicht überschwenglich. Die bescheidene Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter nach dem Pieroth-Modell wurde im vergangenen Jahr um zwei Drittel gekürzt.
Da müsse nun auch Schluß sein mit der Subventionierung der Verbundwinzer durch Garantieverträge, meint Dieter Pieroth. Sonst gebe es noch mehr Ärger mit dem Betriebsrat.
Eine andere Rechnung, die im Betrieb kursiert, sorgt schon für Unmut genug. Danach wuchs der Anteil von Elmar Pieroth am Stammkapital der Firma seit 1971 von 1,36 auf 24,265 Millionen Mark - das ist eine Vermögensbildung von 6275 Mark pro Tag, Sonn- und Feiertage eingeschlossen.