»Immer knapper und teurer« - DER SPIEGEL
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Artikel 33 / 90

»Immer knapper und teurer«

• aus DER SPIEGEL 43/1973
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Oehme, in allen westlichen Industrieländern werden Benzin und Heizöl knapp. In England und Frankreich sind die Benzinmarken bereits gedruckt, in Dänemark und Schweden werden notfalls Fahrverbote an Wochenenden gelten. Was steht dem Bundesbürger bevor?

OEHME: Sicherlich werden hier weder Wohnungen kalt bleiben noch Autos stillgelegt werden. Aber ebenso sicher ist, daß die europäischen Regierungen sich auf mögliche Krisenfälle einrichten müssen.

SPIEGEL: Welche Folgen hätte ein arabischer Lieferstopp?

OEHME: Tatbestand ist, daß bis zur Stunde die Ölströme wie geplant fließen, mit Ausnahme der Mengen. die aus den zur Zeit im nahöstlichen Kriegsgebiet befindlichen Ölhäfen kommen. Es liegt, wenn Sie von dem politischen Zündstoff absehen, durchaus im Interesse der Förderländer. für eine kontinuierliche Versorgung zu sorgen. Deshalb halte ich die Taktik der Regierung für richtig, die Unruhe in der Bevölkerung nicht durch die Bekanntmachung von Krisenplänen zu verschärfen.

SPIEGEL: Den Verbraucher interessiert nicht nur die Ölversorgung zur Stunde, ihn interessiert, zumindest, wie er über diesen Winter kommt.

OEHME; Wir wissen aus unseren Lieferungen. daß Industrie wie Verbraucher sich auch in diesem Sommer auf die Winterheizperiode eingerichtet haben und die Tanks beim Verbraucher zu etwa 80 Prozent gefüllt sind. Schuld an der Panik sind jene Kunden, die hektisch öl nachbestellen, sobald die ersten 500 Liter in ihrem Tank fehlen. Sie bringen die mengenmäßige Versorgung in Unordnung und treiben zwangsläufig die Preise auf die augenblicklichen spekulativen Höhen.

SPIEGEL: Die Esso hat am vergangenen Dienstag ihre Heizölpreise eingefroren und ist dafür von Wirtschaftsminister Friderichs öffentlich belobigt worden. Wie kam es zu dieser ungewohnten Bescheidenheit?

OEHME: Wir haben uns über die rapiden spekulativen Preisaufschläge und die Panikkäufe Sorgen gemacht. denn die bringen die Versorgung durcheinander. Uns liegt weder etwas an übersteigerten Preisforderungen noch an verängstigten Verbrauchern.

SPIEGEL: Wieviel Abnehmer profitieren von dieser Garantie?

OEHME: Wir sind der größte Heizöl-Lieferant und verkaufen ungefähr 50 Prozent direkt über unsere eigene Organisation. die anderen rund 50 Prozent auf Vertragsbasis mit freien Ölhändlern. Nur für die ersten 51) Prozent können wir direkten Einfluß ausüben.

SPIEGEL: Mit Ihnen haben auch die anderen großen Gesellschaften sich

*Mit Klaus Wirtgen und Werner Meyer-Larsen

zu preispolitischem Wohlverhalten verpflichtet. Nochmals: Wie vielen Verbrauchern kommt das zugute?

OEHME: Die größeren Ölgesellschaften, deutsche wie internationale, haben insgesamt einen Marktanteil von vielleicht 60 Prozent. Auf den darin enthaltenen Anteil der freien Händler haben wir nur einen, wenn Sie wollen, moralischen Einfluß.

SPIEGEL: Kann die Esso garantieren, daß ein Kunde, der von seinem freien Stammhändler nur zu sehr hohen Preisen beliefert wird, sich jetzt bei einem Esso-Händler billiger eindecken kann?

OEHME: Nein. Das kann er auf keinen Fall. Das kann auch die übrige Industrie nicht, weil ja die Mengen gar nicht zur Verfügung stehen.

SPIEGEL: Zwingen die Einstandspreise eigentlich die freien Händler zu den derzeitigen Überpreisen?

OEHME: Die meisten haben ihre Bestände bereits in den Sommermonaten zu den damals üblichen günstigen Einstandskosten gekauft. Es ist ja nicht so, daß ein Handelsunternehmen, das jetzt plötzlich sehr hohe Preise fordert, diese Preise deshalb fordert, weil die Firma nichts mehr in ihren Tanks hat.

SPIEGEL: Diese Händler nutzen also den Markt aus?

OEHME: Richtig. Und das ist in einer Marktwirtschaft durchaus legitim. Wenn die Ängstlichkeit aus den Gemütern rauskäme, würde diese Seifenblase der Spekulationspreise ganz schnell platzen.

SPIEGEL: Haben Sie befürchtet, daß die Bundesregierung Ihnen einen Preisstopp verordnet hätte, wenn Sie die Preisgarantie nicht übernommen hätten?

OEHME: Befürchtet wäre vielleicht der falsche Ausdruck. Aber, wenn die Preise in einem Bereich ganz drastisch heraufgesetzt werden, dann ruft das natürlich politischen Druck hervor.

SPIEGEL: Allzu schwer kann Ihnen die Preisgarantie nicht gefallen sein. Vor einem Jahr kosteten 100 Liter Heizöl noch ungefähr zwölf Mark, vor Ausbruch der Nahost-Krise etwa 19 Mark und jetzt rund 30 Mark. Reicht Ihnen der jetzige Preissockel, verdienen Sie jetzt genug?

OEHME: Wir haben im vergangenen Jahr einen riesigen Verlust gemacht, die ganze Industrie und wir natürlich auch. Wir haben deshalb bewußt weniger verkauft, weil wir der Meinung waren, daß es unverantwortlich ist, zu solchen Verlusten zu verkaufen. Angebot und Nachfrage sind inzwischen mehr ins Gleichgewicht gekommen. Im ersten Halbjahr 1973 haben wir den von Ihnen genannten Preisanstieg, das ist richtig. Der war auch unbedingt notwendig, damit die Gesellschaften wieder zu angemessener Rentabilität zurückfinden.

SPIEGEL: Und die Nahost-Krise wird die Rentabilität weiter verbessern?

OEHME: Das hat mit der Krise zunächst einmal nichts zu tun. Vergessen Sie doch bitte nicht, daß der deutsche Hauptlieferant Libyen die Förderung der dort tätigen Gesellschaften durch Staatsdekret drastisch eingeschränkt hat, ebenso Kuweit und der Irak. Und der zweite sehr wichtige Grund, der vor allem die Zukunft beherrschen wird, ist die Tatsache, daß die Produktionsländer nicht mehr bereit sind, sich die Rohölpreise durch eigene Überangebote kaputtzumachen. Das ist vorbei.

SPIEGEL: Mit anderen Worten, die Araber haben zwar die internationalen Konzerne teilenteignet, aber sie haben ihnen andererseits höhere Gewinne ermöglicht?

OEHME: Nein, die These von den höheren Gewinnen ist ein vielfach zitierter Aberglaube. Die Araber haben ihr Angebot eingeschränkt ...

SPIEGEL: ... und das hat dazu geführt, daß die Preise stiegen und Ihre Rendite sich verbesserte. Die Verknappungspolitik der Araber ...

OEHME: ... ist den Erlösen der Gesellschaften auch zugute gekommen. Das ist völlig richtig. Und das muß ja auch so sein. Beim Transport, in der Raffinerie und im Vertriebsbereich müssen die Erlöse erzielt werden, die notwendig sind, um das Geschäft weiter fortzuführen.

SPIEGEL: Kann der Energiepreis bei dieser Konstellation überhaupt noch einmal sinken?

OEHME: Das ist eine sehr schwere Frage. Ich glaube, wir können nicht davon ausgehen, in der ganzen Welt nicht davon ausgehen, daß der Energiepreis langfristig gegenüber dem Niveau des Jahres 1973 sinken wird. Im Gegenteil: Er wird steigen. Und zwar einfach deshalb, weil Energie immer knapper wird, selbst wenn man alle Energiequellen wie Kohle, Öl, Gas und Kernenergie ausnutzt. Das Öl wird schon deshalb immer teurer, weil die Organisation der ölexportierenden Länder, die Opec, ihre Rohölpreise immer wieder heraufzusetzen versucht. Und Kohle wird schon wegen der steigenden Lohnkosten immer teurer. Wie hoch der Heizölpreis in der Bundesrepublik im nächsten Jahr sein wird, das kann man beim besten Willen nicht sagen, nachdem die Opec verkündet hat, daß sie mit den Abnehmergesellschaften nicht mehr verhandeln, sondern die Preise festsetzen wird.

SPIEGEL: Kann die Bundesrepublik diesem Preisdiktat ausweichen, etwa durch Geschäfte mit Persien? OEHME: In allen Verhandlungen haben die Perser immer wieder zum Ausdruck gebracht, daß sie ihre Fertigprodukte oder ihr Rohöl nur zu Weltmarktpreisen verkaufen werden. Daß der Iran bereit wäre, billiger als die Opec-Länder zu verkaufen, halte ich für völlig unrealistisch.

SPIEGEL: Kann der Iran wenigstens einspringen, wenn die Araber den Hahn zudrehen?

OEHME: Kurzfristig wird es nicht möglich sein, die iranische Förderung wesentlich zu erweitern.

Energie-Knappheit als Wachstumsbremse?

SPIEGEL« Muß nicht gerade die Esso. zu hundert Prozent im Besitz einer amerikanischen Gesellschaft, befürchten, daß bei einem Boykott der Araber gegen die USA auch die deutsche Tochter getroffen wird.

OEHME: Die Frage ist, ob wir aus der Sicht der Araber als deutsche Gesellschaft gelten. Wenn Sie mich fragen, sage ich ganz klar: Wir sind eine deutsche Gesellschaft.

SPIEGEL: Sie beziehen aber doch Ihr Öl von amerikanischen Gesellschaften, die im Nahen Osten fördern?

OEHME: Ja, das ist zwar richtig. Doch ich glaube nicht -- aber das ist Spekulation -, daß sich die Opec-Länder mit Europa -- also auch der deutschen Esso -- anlegen werden,

SPIEGEL: Falls Ihre Annahmen nicht zutreffen: Gibt es eine andere Lieferquelle, auf die die Bundesrepublik im Notfall ausweichen könnte?

OEHME: Mittelfristig rechnen wir damit, daß in den achtziger Jahren die Öl- und Gasfunde in der Nordsee zur europäischen Versorgung einen Anteil von etwa 15 Prozent beisteuern. Das wäre natürlich eine spürbare Entlastung. würde aber das Problem nicht lösen.

SPIEGEL: Wie steht es mit der UdSSR? Können russische Energielieferungen Ersatz bringen, wie Bundeskanzler Willy Brandt seit seinen Gesprächen mit KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew hofft?

OEHME: Die russischen Öllieferungen an die Bundesrepublik machen nur drei bis vier Prozent des Marktes aus. Bei den unlängst angelaufenen Erdgaslieferungen sieht es etwas günstiger aus. Sie wissen, daß auch überlegt wird, Strom aus Rußland zu importieren. Aber jeder Fachmann wird Ihnen sagen, daß das nur ein wunderhübsches Gedankengebäude ist, das nicht zu realisieren ist. Der Energieverlust über viele tausend Kilometer lange Überlandleitungen ist so groß. daß wir selbst bei akrobatischen Rechenkunststücken da nicht mehr klarkommen. Rußland hat in Sibirien reiche Energiequellen, die aber so schwer zu erschließen sind, daß sie uns morgen nicht helfen, die Probleme zu lösen.

SPIEGEL: Europa ist in seiner Ölversorgung zu etwa 80 Prozent vom Nahen und Mittleren Osten abhängig. Die Amerikaner werden vermutlich 1985 die gleiche Menge Nahost-Öl brauchen wie die Europäer. Und auch die Japaner haben einen ähnlich hohen Bedarf. Die wirtschaftliche Macht und der politische Druck des Nahen Ostens werden also in den nächsten zehn bis 15 Jahren immer stärker zunehmen. Eine eher ungemütliche Vision.

OEHME: Alle Länder der westlichen Welt müssen in zweierlei Richtungen große Anstrengungen unternehmen. Einmal bei der Entwicklung anderer Energiequellen. Da sind bisher die USA am weitesten, insbesondere bei der Erschließung der sehr reichen Kohlelagerstätten. Die Amerikaner produzieren derzeit jährlich 500 Millionen Tonnen. In zehn Jahren wollen sie es über eine Milliarde Tonne bringen. Diese Kohle soll zum großen Teil vergast oder verflüssigt werden. Aber gehen wir zurück nach Europa, kommen wir auf die Bundesrepublik. Wir werden große Anstrengungen machen müssen, um alternative Energiequellen zu fördern und zu erschließen. Vor allem die Kernenergie. die für die Stromerzeugung dient. Der Steinkohleabsatz muß stabilisiert. die Braunkohleförderung erhöht werden. Zum anderen wird man sich an den Gedanken gewöhnen müssen. Energie als etwas Kostbares anzusehen und sehr sparsam damit umzugehen.

SPIEGEL: Energieknappheit als Wachstumsbremse?

OEHME: Richtig. Wir werden Energie sparsamer einsetzen müssen. Ganz konkret: Sie können den Benzinverbrauch dadurch mindern, daß Sie nicht mit Höchstgeschwindigkeit fahren. Oder einfacher ausgedrückt: Durch Geschwindigkeitsbeschränkung können Sie den Verbrauch reduzieren.

»Das können wir in den nächsten zehn Jahren nicht durchhalten.«

SPIEGEL: Wieder weniger Qualität des Lebens!

OEHME: Das zweite ist, daß Sie auch im Haushaltsbereich beispielsweise Ihren Thermostaten ein paar Grad niedriger werden einstellen müssen und die Beheizung von Swimming-pools im Herbst und im Winter drosseln, wenn nicht gar stoppen. Wenn Sie bisher für ein Prozent Wachstum der Volkswirtschaft einen Energieeinsatz von x gebraucht haben, da wird man künftig einen Einsatz von x minus soundsoviel haben. Man wird auf dem Gebiet sehr viel forschen müssen. Nehmen Sie zum Beispiel den Wärmeverbrauch in Gebäuden. Man wird die Gebäude besser isolieren und genau kalkulieren müssen, ob energiefressende Klimaanlagen noch vertretbar sind.

SPIEGEL: Wann wird Autofahren und eine warme Wohnung zum Luxus?

OEHME: Keiner weiß bislang, ob der Kraftfahrer -- wenn der Benzinpreis um 20 oder 30 Prozent steigen sollte -- noch mit seinem Auto zu seiner Arbeit fährt. Schon wegen der Energieknappheit muß er dann auf Massenverkehrsmittel umsteigen. die allerdings verbessert und ausgebaut werden müssen. Ich nehme an, daß manche Sonntagsfahrt eingeschränkt werden wird, wenn der Benzinpreis eine gewisse Höhe erreicht hat.

SPIEGEL: Das ist paradox. Der Generaldirektor des größten in der Bundesrepublik tätigen Mineralölkonzerns plädiert für den Ausbau der Steinkohlen- und Braunkohlenförderung und für öffentlichen Massenverkehr.

OEHME: Das ist kein Widerspruch, sondern ist nur ein Reflex der Tatsache. daß Energie etwas sehr Kostbares geworden ist, daß wir in unseren hochindustrialisierten Ländern eine Wachstumsrate des Energieverbrauchs haben. die wir in den nächsten zehn Jahren einfach nicht durchhalten können.

SPIEGEL: Welchen Rat gibt der Energie-Experte Oehme. nicht der Öl-Manager Oehme. einem guten Freund. der nach der optimalen Energiequelle für seinen Neubau fragt?

OEHME: Der Umgang mit Kohle in einem Haushalt ist sehr mühsam. Das ist keine echte Alternative. Bleiben Heizöl, Erdgas oder Strom. Alle drei werden knapper und teurer.

SPIEGEL: Herr Oehme, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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