KONJUNKTUR Immer kritischer
Die Herren waren sich einig in der Lagebeurteilung: »Das haben wir noch nicht gehabt«, konstatierte Helmut Geiger, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Und »so was habe ich noch nicht erlebt«, bekannte Ludwig Poullain, Chef der Westdeutschen Landesbank.
Denn bei den Bankhäusern ist der Geldstrom abgerissen: Bis zu 30 Prozent Zinsen, aufs Jahr gerechnet, zahlten sich die Banken in Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg vergangene Woche für sogenanntes Tagesgeld, für 24-Stunden-Kredite, mit denen sich die Banker untereinander aushelfen.
Offen wird in Banker-Zirkeln debattiert, welche Privatbank wohl zuerst kollabiert, Die Düsseldorfer Trinkaus-Bank, nach dem Zusammenbruch der mit Trinkaus verflochtenen Bau-Kredit-Bank stark imagegeschädigt, verbündete sich vergangene Woche bereits mit der renommierten amerikanischen First National City Bank.
Neun Monate, nachdem die Frankfurter Bundesbank ihre Politik des knappen Geldes eingeläutet, knapp drei Monate, nachdem Bonn den Preisauftrieb mit einem drastischen Stabilitätsprogramm zu dämpfen begonnen hat, scheinen, wie das Münchner Ifo-Institut bei einer Unternehmer-Befragung ermittelte, »die Maßnahmen der wirtschaftspolitischen Instanzen zur Wiedergewinnung der Stabilität zu wirken«.
Zwar war die Fertigungskapazität der Industrie im Juni noch auf dreieinhalb Monate ausgelastet. Aber 54 Prozent der Investitionsgüter-Hersteller meldete den Ifo-Testern, daß sie die Konjunkturdämpfung verspüren.
Vergeblich mühen sich heute viele Manager in den Kreditabteilungen der Geldinstitute um einen Investitions-Kredit. Und umsonst klopfen die meisten Bauwilligen bei Banken und Sparkassen an, um sich ein Hypothekendarlehen genehmigen zu lassen. Gert Müggenburg von der Hauptverwaltung der Bank für Gemeinwirtschaft weiß: »Die Banken ächzen alle.«
Vielen Bundesbürgern verleiden allein schon die exotisch hohen Zinssätze das Bauen und Investieren. So sind etwa für erststellige Hypotheken heute von Kunden der Deutschen Bank 13 Prozent Effektiv-Verzinsung einzukalkulieren. Für Überziehungskredite werden 14 Prozent und mehr verlangt.
Für die Geldsperre sorgte vor allem die Bundesbank. Auf ihren Konten liegen inzwischen 50 Milliarden Mark Mindestreserven, unverzinsliche Guthaben, die von den Banken an die Zentralbank abgeführt werden müssen. Seit Juni weigert sich die Bundesbank zudem, den Instituten Kredite gegen Wertpapiere-Hinterlegung (Lombard-Kredite) zu gewähren.
Auch im Ausland können die Banders kaum noch billigen Nachschub finden: Durch administrative Verfügungen erschwerten Bonn und Frankfurt den Geld-Import; zudem sind die zinsen in allen westlichen Industrieländern ebenfalls drastisch gestiegen. Als mißlich erwies sich für Banken und Sparkassen auch, daß sie auf ihren bisher treuesten Geldlieferanten nicht mehr wie gewohnt setzen können -- auf den deutschen Sparer. So meldeten die württembergischen Sparkassen, daß trotz über zehnprozentiger Nominallohnsteigerung ihre Spareinlagen in der ersten Hälfte dieses Jahres um 0,7 Prozent zurückgegangen sind.
Die Kassenebbe bei Banken und Sparkassen trifft die Unternehmen unterschiedlich -- je nach Macht und Größe. Noch immer gut gepolstert sind die multinationalen Industrie-Imperien: Durch spekulative Millionen-Transaktionen schafften sie sich gerade während der Dollar-Krisen im Februar und März dicke Finanz-Reserven. Und auch heute noch wissen die Multinationalen, wie sie an Geld kommen: indem sie etwa bei Lieferungen an Auslandstöchter höhere Verrechnungspreise ansetzen oder mit Auslandsfilialen schnellere Bezahlung der Rechnungen vereinbaren.
Klein- und Mittelbetrieben, ohnehin von der Konzentration bedroht, bleibt dieser Ausweg verschlossen. Sparkassen-Präsident Helmut Geiger, dessen Institute vor allem die Kleinen der Wirtschaft betreuen, warnt denn auch: »Die Finanzsituation der Unternehmen wird immer kritischer.«
Die Frankfurter Bundesbanker aber sind trotz erster Zusammenbrüche in der Baubranche noch fest entschlossen, ihre Restriktionspolitik durchzuhalten, bis erste Erfolge an der Preisfront sichtbar werden. »Unsere Politik«, so Bundesbank-Direktor Heinrich Innler, »macht sich zuerst in Grenzbereichen wie der Bauindustrie bemerkbar. Es vergeht noch eine ganze Zeit, bis das in voller Breite wirkt.«
Die Bonner Konjunkturpolitiker geben sich weniger gelassen. Zwar haben auch sie sich vorgenommen. erst nach einer Umkehr der bislang unablässig steigenden Preisraten (im Juni gegenüber dem Vorjahr um 7,9 Prozent) nachzugeben. Doch Finanzminister Helmut Schmidt, ständig vom Trauma geplagt, er könne ungewollt die Wirtschaft in eine Krise wie 1966/67 lenken. bekennt schon, »die Besorgnis« werde »immer größer, daß die Konjunkturdämpfung zu weit getrieben wird«.
Bonns Wirtschaftsdenker schreckt vor allem eine Erscheinung, die seit 1955 so einmalig ist wie die extreme Geldverknappung: Westdeutschland marschiert im totalen Konjunktur-Gleichschritt mit allen westlichen Industrienationen.
In den USA, in Japan und in den EG-Staaten boomt es gleichermaßen. Schon 1974 aber, so errechnete jüngst die OECD, werden allerorten die Wachstumsraten sinken, 1975 aber droht ein weltweites Konjunkturtief.
Deutschlands Industrie kann dann nicht mehr, wie früher, der heimischen Absatzkrise durch Flucht in die Exportmärkte entkommen.