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VERLAGE Immer lauter

Erbittert kämpfen deutsche Pressekonzerne um Österreichs Medienmarkt. Die Essener WAZ hat wieder eine Schlacht gewonnen. *
• aus DER SPIEGEL 43/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Erich Schumann und sein Partner Günther Grotkamp gemeinsam nach Wien reisen, geht es meistens um größere Geschäfte - den Kauf einer Zeitung etwa oder die Gründung eines Verlages.

Mitte Oktober tauchten die beiden Chefs des Essener Medienkonzerns WAZ wieder in Österreich auf. Diesmal stand die Vorwärts AG auf der Wunschliste, Hausdruckerei der sozialistischen SPÖ. Zwei Tage verhandelten die WAZ-Männer und ihre Wiener Statthalter mit den Partei-Abgesandten. Dann, am Sonntag abend vergangener Woche, war die Übernahme perfekt.

Die Zeit drängte. Drei Tage später hätte die mit 110 Millionen Schilling völlig überschuldete Sozialisten-Druckerei Konkurs müssen. »Die Deutschen«, sagt SPÖ-Zentralsekretär Günther Sallaberger, »waren unsere letzte Hoffnung.«

Als Retter in der Not wäre auch ein anderer deutscher Verlag gern aufgetreten. Der Hamburger Springer-Konzern wähnte sich gar im Besitz eines Vorkaufsrechts für die Vorwärts-Druckerei.

Dort nämlich wird seit vergangener Woche eine neue Tageszeitung mit dem Titel »Der Standard« hergestellt. Das Blatt bringt Springer gemeinsam mit dem Wiener Journalisten Oscar Bronner heraus. In Paragraph 12 des Druckvertrages steht eindeutig, daß im Falle eines Vorwärts-Verkaufs zunächst mit Springer verhandelt werden müsse.

Doch die Norddeutschen wurden von den Westdeutschen ausgetrickst. Die cleveren WAZ-Manager gründeten gemeinsam mit der SPÖ eine neue Holding. Darin hält die Wiener WAZ-Gesellschaft Mediaprint mit 74 Prozent die Mehrheit, die Sozialisten werden Juniorpartner. »Von einem Kauf des Vorwärts kann gar keine Rede sein«, sagt Schumann daher mit Recht. »Da ist doch eine völlig neue Firma entstanden.«

So schnell aber will sich die verärgerte Konkurrenz aus Hamburg nicht geschlagen geben. Eine Feststellungsklage vor dem Wiener Landgericht soll den Handel stoppen. Große Chancen allerdings werden Springer und seinem Statthalter Bronner nicht gegeben.

Es ist nicht das erste Mal, daß die Westdeutsche Allgemeine Zeitungsverlagsgesellschaft GmbH u. Co. (WAZ) die Konkurrenz im Kampf um Österreichs Medienmarkt hinter sich läßt. Ende vergangenen Jahres rangen Pressehäuser wie Springer und der Hamburger Bauer-Verlag ("Quick«, »Playboy") erbittert um die Wiener »Neue Kronen Zeitung«, Österreichs auflagenstärkstes Boulevardblatt. Damals hielt Bauer den Kauf schon für sicher - bis Schumann und Grotkamp anreisten.

In einer nächtlichen Verhandlungsrunde überzeugte das WAZ-Duo den »Kronen«-Verleger Hans Dichand, den Handel doch besser mit ihnen zu machen. Mit 45 Prozent und gut 200 Millionen Mark beteiligten sich die WAZ-Männer an der »Krone« und gründeten wenig später zusammen mit dem neuen Partner die Firma Mediaprint.

Geld genug hat die »Westdeutsche Allgemeine« für solche Geschäfte. In aller Stille stieg das Unternehmen in den vergangenen Jahren zum viertgrößten deutschen Medienkonzern auf.

In Österreich sind die Essener gar die Größten. Inzwischen gehören das Boulevardblatt »Kurier«, das Nachrichtenmagazin »Profil« oder das Wirtschaftsjournal »Trend« ebenso zum WAZ-Imperium wie Beteiligungen an österreichischen Funk- und Fernsehkanälen.

Da kann die deutsche Konkurrenz nicht mehr mithalten. Bauer kaufte im Juni in Wien ein schlichtes Anzeigenblatt, um wenigstens ein bisserl mit dabeizusein. Das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr ("Stern«, »Capital") muß sich vorerst mit einer Beteiligung an dem neuen, zeitgeistangehauchten Wirtschaftsmagazin »Cash Flow« begnügen.

Springer versucht mit Hilfe des Blattmachers Oscar Bronner eine eigene Tageszeitung zu plazieren. Seit Mittwoch vergangener Woche erscheint fünfmal wöchentlich auf rosa Papier »Der Standard«. Springer-Chef Peter Tamm ist richtig stolz auf die angerötelte Zeitung. »Für mich ist dies ein großer Tag«, so Tamm am Dienstag vergangener Woche bei der Gründungsfeier in Wien. Bronner kann mit 40 Millionen Mark Startkapital für seine Gazette rechnen.

Immerhin hat Tamm mit Bronner den wohl profiliertesten Wiener Blattmacher unter Vertrag. Anfang der Siebziger gründete der Journalist Zeitschriften wie »Profil« und »Trend«, ehe er sich ein paar Jahre später als Kunstmaler nach New York zurückzog. Die erfolgreichen Magazine allerdings hat die WAZ inzwischen in ihr großdeutsches Reich geholt.

Auch der »Standard« ist nicht ganz so unabhängig, wie Springer und Bronner wohl geplant hatten. Durch den schnellen WAZ-Einstieg bei der Vorwärts AG nämlich wird die neue Zeitung nun bei der unliebsamen Konkurrenz gedruckt.

Bronner glaubt auch zu wissen, warum sich das Zeitungskapital aus dem Ruhrpott mit den Sozialisten in Wien verbrüdert hat. »Die WAZ kauft Österreich auf«, sagt der »Standard«-Chef, »da brauchen die politischen Flankenschutz.«

Tatsächlich wird in Österreich der Ruf nach einem Antimonopol-Gesetz immer lauter, um den Einmarsch des deutschen Medienriesen zu stoppen. Springers »Standard«, da sind sich Kenner einig, ruft künftig publizistisch kräftig mit.

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