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ÖKOBANK Immer lauter

Wachsender Unmut in der alternativen Szene: Die Ökobank knausert mit Krediten.
• aus DER SPIEGEL 18/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wolfgang Roth, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und Geburtshelfer der Frankfurter Ökobank, mahnte die alternativen Banker zur Vorsicht. »Am Anfang«, so Roth zur Öffnung der Ökobank-Schalter im Mai vergangenen Jahres, »müssen wir ganz auf Nummer Sicher gehen.«

Die Turnschuh-Bankiers nahmen den Rat ihres prominenten Aufsichtsratsmitglieds bitter ernst. Ein Jahr nach Eröffnung zeigt sich das alternative Geldhaus mehr als Kapitalsammelstelle der Müsli-Szene denn als Finanzier alternativer Projekte. Die Bankiers am Luisenplatz im Frankfurter Nordend sind bei der Kreditvergabe zurückhaltend wie kein anderes Institut der Republik.

Mit inzwischen fast zehn Millionen Mark Eigenkapital darf die Ökobank ohnedies nur 30 Millionen Mark ausleihen. Das Berliner Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen hat den alternativen Bankern nicht gestattet, mehr als das Dreifache der Eigenmittel - üblich ist das Achtzehnfache - an Krediten auszuleihen. Der Grund: Die Ökobank hat es nicht geschafft, in den Einlagensicherungsfonds der Volks- und Raiffeisenbanken zu kommen.

Doch selbst der von der Berliner Bankenaufsicht schon arg beschränkte Kreditspielraum wird nicht genutzt. Bisher hat die Ökobank ganze elf Millionen Mark an Krediten vergeben, nur neun Millionen davon wurden tatsächlich abgerufen.

Rund 20 Millionen Mark, also zwei Drittel des möglichen Kreditrahmens, blieben unausgenutzt liegen. Statt in alternativen Betrieben für den Umbau der Gesellschaft zu arbeiten, hecken die Spargroschen der Szene, in Kommunalobligationen oder als Festgeld angelegt, für die Ökobank Zinsen. Das hatten sich die Gründer der Ökobank gewiß anders vorgestellt.

Die Kritik der Alternativen an ihrem Geldhaus wurde in den vergangenen Monaten denn auch immer lauter. »25 Millionen Mark an Spargeld aus der alternativen Bewegung«, so klagte ein Kai Fürntratt in einem Leserbrief an die »Ökorrespondenz«, die Zeitung für Freunde und Kunden der Ökobank, »vagabundieren im Bankensystem der Republik umher. Genau dort also, wo die Unterstützer (-innen) der Ökobank ihr Geld nicht haben wollten.«

Die wachsende Kritik der Basis an ihrer Kreditpolitik scheint bei den Bankern am Luisenplatz allmählich Wirkung zu zeigen. »Die Fragen nach der Aktiv-Seite«, so räumt Torsten Martin, Sprecher der Ökobank, ein, würden »immer lauter«. Martin glaubt jedoch, für alle Fragen gute Antworten parat zu haben. Daß sein Institut bisher so wenig Kredite vergeben habe, sei »keine böse Absicht«, sondern zu einem guten Teil eine »unvermeidliche Folge der behördlichen Auflagen«.

Der Ökobanker verweist darauf, daß sein Haus 90 Prozent der Kredite im Rhein-Main-Gebiet ausleihen muß. Hier gebe es offenbar »nicht genügend geeignete alternative Projekte«. Gut die Hälfte der Kreditanträge käme dagegen aus anderen Teilen der Bundesrepublik. Dafür könnten aber nur drei Millionen Mark zur Verfügung gestellt werden. »Da geht nichts mehr«, sagt Banksprecher Martin.

Mit dem Hinweis auf die behördlichen Fesseln erklärt Martin jedoch nur einen Teil der Wahrheit. Vielen alternativen und selbstverwalteten Betrieben im Großraum Frankfurt ist die Ökobank offenbar schlicht zu teuer.

Karl Bergmann von der »Krebsmühle«, einem alternativen Betrieb bei Oberursel, monierte vor einigen Wochen öffentlich, daß der Kredit, den das Unternehmen bei der Ökobank aufgenommen hatte, »von allen Fremdmitteln am meisten Zinsen kostete«. Inzwischen hat die Ökobank der »Krebsmühle« rasch einen zinsgünstigeren Förderkredit verschafft.

Wie vorsichtig die Neubankiers mit ihrem Geld umgehen, zeigt sich auch bei der Prüfung der Kreditanträge - da ist das Institut überaus kleinlich. »Noch nie«, so Bergmann, seien der Firma »so massiv Wirtschaftlichkeits- und Effizienzkriterien reingedrückt« worden.

Torsten Martin bestreitet, daß sein Institut strengere Maßstäbe bei der Kreditvergabe anlege als normale Banken. Die Bearbeitung der Anträge dauere allerdings noch zu lange. Vier Kreditsachbearbeiter seien für die Bank zuwenig. Die Bank suche derzeit weiteres Personal.

Die geplante Expansion der Kreditabteilung bringt die Ökobank jedoch in neue Schwierigkeiten: Für die zukünftigen Mitarbeiter ist im Bankhaus kein Platz mehr. So müssen sich denn die Ökobanker schon nach einem Jahr nach einem größeren Domizil umsehen - auf dem heißgelaufenen Frankfurter Immobilienmarkt keine leichte Aufgabe.

Überdies möchten die Ökobanker in andere Regionen vorstoßen. Sie hoffen, daß die Berliner Bankenaufsicht dem Institut im nächsten Jahr erlauben wird, eine erste Filiale, wahrscheinlich in Stuttgart, zu eröffnen. Außenstellen in München, Düsseldorf, Berlin und Hamburg sollen folgen.

Ob mehr Personal und die Eröffnung von Zweigstellen allein ausreichen werden, die nötige Balance zwischen Kommerz und Ideologie wiederherzustellen, erscheint jedoch fraglich. Die beiden Geschäftsführer der Bank, Hans-Peter Schreiner und Franz Lässig, werden ihren konservativen Kurs vorerst jedenfalls halten wollen.

Im ersten Geschäftsjahr konnten sie den Verlust der Bank auf eine halbe Million Mark begrenzen. Schon 1990, zwei Jahre nach Gründung der Bank, wollen sie im laufenden Geschäft schwarze Zahlen schreiben. Lässig und Schreiner wollen mit ihrer stocksoliden Politik die Aufnahme in den Einlagensicherungsfonds der Volks- und Raiffeisenbanken schaffen.

Die Basis der Bank machte den beiden Chefs dabei bis vor kurzem kaum Probleme. Das Interesse der alternativen Szene an der Ökobank ist im vergangenen Jahr stark abgeflaut.

Bei den Vorwahlen zur Delegiertenversammlung der Frankfurter Genossen, die den Aufsichtsrat der Bank bestimmen, erschienen von 2400 Stimmberechtigten gerade 60, ganze 2,5 Prozent, zu der Wahlveranstaltung in Frankfurt. Von der Begeisterung und Anteilnahme der gesamten Szene an dem Projekt, die den Ökobank-Kontrolleur Jo Müller von einem »einmaligen Experiment in der Geschichte der Bundesrepublik« sprechen ließ, ist heute kaum noch etwas zu spüren.

»So was läßt sich«, gesteht denn auch Ökobank-Sprecher Martin fast schon wehmütig, »auf Dauer nicht durchhalten.« In der Tat, die Ökobank ist auf dem Weg, eine ziemlich normale Bank zu werden.

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