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Lohntarife Immer pari

Wegen der trabenden Inflation verlangen Arbeitnehmer Verkürzung der Tarif-Laufzeiten. Betriebsräte höhlen durch betriebliche Lohnsysteme Tarifabkommen aus.
• aus DER SPIEGEL 21/1973
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Klassenkämpferische Töne, selbst bei führenden Gewerkschaftsfunktionären«, orteten Arbeitgeber bei den diesjährigen Maifeiern.

»An Einseitigkeit kaum zu überbietende Ausführungen« des DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter rügt vor allem das für unternehmerische Aufklärung zuständige Deutsche Industrieinstitut. Ex-Grubenschlosser Vetter am 1. Mai: »Wenn es nicht gelingt, das Preisdiktat von Produktion und Handel zu brechen, stellt sich die Frage, ob unser Wirtschaftssystem auf der Grundlage privaten Eigentums nicht seine Rechtfertigungen verliert.«

Enttäuschung brachte den Dachverbands-Chef in Zorn: Um gegenüber der von ihnen gewählten Regierung Stabilitätsbewußtsein zu dokumentieren, gaben sich beispielsweise die Kollegen von IG Metall und ÖTV Anfang dieses Jahres mit Lohnerhöhungen von 8,5 Prozent zufrieden. Die eingehandelten Zuschläge verpufften im Preisboom. »Die Unternehmer drehen an den Preisen, schlucken, was sie bekommen, und Jassen sich von Maßhalteappellen nicht beeindrucken«, wütete Peter Riemer von der Gewerkschaft Holz, »sie nehmen so auf ihre Weise eine späte Rache für den ungeliebten Wahlausgang von 1972.«

Hinter den aggressiven Reden verbergen die Tarifkontrahenten ihre Angst, die bislang gleichmäßig laufende Lohnmaschinerie könnte wegen der inflatorischen Störungen ins Stottern geraten.

Um zu verhindern, daß der Unmut der Arbeitnehmer über den Null-Tarif in spontane Streiks ausufert, erhöhten Großbetriebe, vor allem in der Automobil- und Elektroindustrie, außertarifliche Lohnbestandteile« etwa Leistungsprämien, Erschwerniszulagen, Urlaubsgeld oder Gratifikationen, um bis zu drei Prozent.

»Es muß Schluß gemacht werden nut dem Wildwuchs von selbstgebastelten betrieblichen Lohnsystemen«, fordert jetzt IG-Metall-Vorsitzer Eugen Loderer. Die Gewerkschafter befürchten. daß die Kampfkraft ihrer Organisationen sinkt. Denn die von den Betriebsräten in den Fabriken abgeschlossenen Vereinbarungen fördern eine unerwünschte Management-Betriebsrats Kooperation.

Bereits vor Jahren warnte die IG Chemie ihre organisierten Betriebsräte vor einer gefährlichen Taktik: Einige Räte bremsten teilweise als Mitglieder der gewerkschaftlichen Tarifkommissionen Lohnerhöhungen. Danach funktionierten sie die Abstriche in Betriebsvereinbarungen mit dem Management in Zulagen um und bauten sich so für die nächste Betriebsratswahl auf.

Die Solidarität von Betriebsräten und Management macht die Gewerkschaften schwach. Ergebnis solcher Praktiken: Bei den Auseinandersetzungen in der chemischen Industrie im Jahre 1971 erwiesen sich Belegschaften großer Unternehmen, so der Farbwerke Hoechst oder des Chemiekonzerns Bayer, als streikunwillig. Die erheblichen übertariflichen Leistungen der Unternehmen waren für die Arbeitnehmer attraktiver als die überbetrieblichen allgemeinen Forderungen der IG Chemie. Die Streikunlust bei Hoechst schwächte die Position vor allem der Arbeitnehmer in weniger gewinnträchtigen Chemie-Unternehmen. »Wenn Hoechst nicht streikt, dann hat es keinen Sinn«, hieß es etwa im Frankfurter Degussa-Werk II.

Tarifpolitiker der Arbeitgeberverbände finden am Zusammenspiel von Betriebsräten und Managern ebenfalls wenig Gefallen. Grund: In einem Konjunkturtief könnten Unternehmen gezwungen sein, derartige Zugeständnisse abzubauen. Etwaige spontane Abwehrstreiks aber wären dann kaum von den Gewerkschaften zu kanalisieren. Überdies dürfen die Verbandssyndici nicht zulassen, daß die Arbeitgeber-Gemeinschaft zwischen Betrieben mit hohen und geringen Zuwachsraten zerfällt. Das strategische Ziel der Verbände wäre dann ohne Chance, die Gewerkschaften zu Bundestarifen und exakter Orientierung an gesamtwirtschaftlichen Daten zu zwingen.

Um die Vollbeschäftigung zu sichern, akzeptieren zwar die Gewerkschaften die globale Wirtschaftspolitik, und sie haben sich damit abgefunden, daß die Unternehmen weiterhin über die Höhe von Investitionen und Preisen allein entscheiden. Auch auf die »expansive Lohnpolitik« (Steigerung des Lohnanteils am Sozialprodukt) haben sie verzichtet. Aber um den Mitgliederauftrag zu erfüllen, müssen die Funktionäre zumindest die Lohnquote halten.

Um die Einkommen der wachsenden Produktivität schneller anpassen zu können, kämpften die Gewerkschaften jahrzehntelang um Verkürzung der Tarif-Laufzeiten. Vor zehn Jahren noch konnte nur jeder siebente Arbeitnehmer auf einen Lohnzuwachs nach Jahresfrist hoffen, zwei Jahre später bereits jeder dritte. Im vergangenen Jahr war es den Tarifkommissaren praktisch gelungen, hei jedem der 12 534 Tarifverträge die einjährige Laufdauer durchzudrücken (siehe Graphik).

Wegen Einschränkung ihrer »Dispositionsfähigkeit« wehren sich die Arbeitgeber gegen eine weitere Verkürzung der Laufzeiten, wie sie jetzt etwa von örtlichen Funktionären der IG Chemie gefordert wurde.

In Verhandlungen mit der IG Metall über ein neues Schlichtungsabkommen deuteten kürzlich Arbeitgebervertreter an. daß sie nur unter bestimmten Bedingungen mit geringeren Laufzeiten einverstanden wären, etwa, wenn die IG Metall längere Friedens- und Schiedsfristen vor Arbeitskämpfen zugestehen würde. Damit wären die Gewerkschaften beim Scheitern von Lohnverhandlungen länger an die streikverbietende Friedenspflicht gebunden -- das Kräfteverhältnis stände unverändert pari.

Gegen Tarifverträge mit zu kurzen Laufzeiten hat IG Metall-Vize Hans Mayr starke Bedenken: »In einer Rezession hätten die Arbeitgeber die Möglichkeit, die Verträge schneller zu kündigen, und könnten so die tariflich festgelegten Mindestlöhne senken. Daran haben wir kein Interesse.«

Nicht entsprechen können die Gewerkschaften auch den Wünschen ihrer Kollegen. Tarifverträge mit einer Indexklausel zu versehen, nach der die Löhne automatisch heraufgesetzt werden, wenn die Lebenshaltungskosten über ein bestimmtes Maß hinaus steigen. Denn nach Paragraph 3 des Währungsgesetzes müssen derartige Klauseln von der Bundesbank genehmigt werden. Grundsatz der Währungshüter: Diese Erlaubnis wird nicht erteilt, um bei einer Inflation nicht durch automatisch steigende Löhne die Inflation anzuheizend

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