»Immer volles Risiko« - DER SPIEGEL
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UNTERNEHMER »Immer volles Risiko«

Fernsehzar Leo Kirch steckt in einer schweren Finanzkrise: Milliardenschulden machen ihm zu schaffen, alle wesentlichen Unternehmensteile sind von den Banken längst beliehen. Kirchs riskantes Solo-Spiel mit Filmen und Sportrechten scheint ausgereizt.
Von Georg Jakobs und Thomas Tuma
• aus DER SPIEGEL 26/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Leo Kirch haßt es, wenn die Öffentlichkeit sich mit ihm beschäftigt. Also gilt seit Jahren: keine Fototermine, keine Fragen, keine Zahlen.

Seit vergangenem Freitag ist das Geheimnis um den Einzelgänger gelüftet. Das MANAGER MAGAZIN veröffentlichte ein internes Papier, das erstmals Auskunft gibt über das verzweigte Imperium, seine Firmen und seine Geldströme - und seine Milliardenschulden. Leo Kirch, der Finsterling der deutschen Medienlandschaft, steht seither im grellen Scheinwerferlicht. Was da zum Vorschein kommt, sieht häßlich aus.

Das für Banker erstellte Dossier (Titel: »Kirch Gruppe Finanzen 1997") enthüllt das Desaster einer zu aggressiv betriebenen Expansion. Einnahmen von 1,396 Milliarden standen 1996 Ausgaben in Höhe von 1,704 Milliarden Mark gegenüber.

Sogar im laufenden Geschäft ist er offenbar auf Zuschüsse der Kreditgeber angewiesen. Die wichtigste Finanzgröße, der sogenannte Cash-flow, gibt es laut den internen Bilanzzahlen nur noch mit negativem Vorzeichen: Ein Minus von 814 Millionen Mark meldet die Analyse für das abgelaufene Jahr. 1997 soll das Minus schon 1,04 Milliarden betragen.

Die Prognose bis zum Jahr 2000 verheißt keine wirkliche Besserung, da die Kreditzinsen alles zu ersticken drohen. Der jährliche Zinsaufwand für die insgesamt 3,1 Milliarden Mark Schulden des Kernunternehmens beträgt derzeit 200 Millionen, er wird in den nächsten drei Jahren um 50 Prozent steigen.

Schon jetzt sind Filmbestände, Immobilien, die Anteile am Springer-Verlag (40,1 Prozent), an Premiere, DSF und an den ausländischen Sendern Telepiú und Tele Cinco großteils oder komplett beliehen. Hauptgeldgeber Kirchs ist laut dem internen Dokument die Berliner Bank, um die es ebenfalls nicht zum besten bestellt ist.

Vor allem sein digitales Fernsehabenteuer, mit dem er das Pay-TV in Deutschland populär machen will, wird Kirch zum Verhängnis. Für Filmeinkäufe und andere Investitionen verpflichtet sich der TV-Tycoon zu Milliardenausgaben - und kaum ein Abonnent schaut zu. 300 Millionen Mark Einnahmen für 1997, die Kirch einplant für sein Digital Fernsehen 1 (DF1), sind kaum zu schaffen. Die Verluste von DF1 dürften sich bis jetzt auf knapp eine Milliarde Mark summiert haben.

Der Börsengang von Pro Sieben (Anteil von Kirch-Sohn Thomas: 60 Prozent) darf nun auf keinen Fall zum Flop werden. Der angeschlagene Unternehmer Kirch könnte mit den erhofften 750 Millionen seines Sohnes die eigenen Bankschulden leicht abbauen. Denn spätestens in drei Jahren, so die Finanzplanung, sind alle Kreditlinien ausgereizt. Neues Geld von den Banken zu beschaffen wird für den Münchner immer schwieriger.

Denn nur das klassische Lizenzgeschäft mit der Ware aus seinem Filmkeller bringt noch stattliche Gewinne, der Börsenkandidat Pro Sieben Media AG, vor allem ein Spielfilmunternehmen, liefert mit 715 Millionen Mark den weitaus größten Teil der Lizenzeinnahmen ab.

Allerdings versickert das Geld aus dem klassischen Handelsgeschäft im weitverzweigten Imperium, das laut der internen Expertise rund hundert Firmen und Beteiligungen umfaßt. Oft stehen den hohen Lizenzgewinnen spiegelbildlich Verluste der jeweiligen Sender gegenüber: Das Deutsche Sport-Fernsehen und auch Sat 1 haben seit Bestehen noch nicht eine Mark verdient.

Die Lücke zwischen Ausgaben und Einnahmen der gesamten Kirch-Gruppe wird laut Finanzplan 1997 rund 539 Millionen Mark betragen, 1998 rund 549 Millionen Mark (siehe Grafik) und 1999 rund 512 Millionen Mark. Finanzexperten glauben: Ohne Kurskorrektur droht der Kirch-Gruppe die Überschuldung.

Der Mythos vom Medienwundermann, der es den Großkonzernen zeigt und unbeirrt von einer kritischen Öffentlichkeit erfolgreich Geschäfte macht, ist damit zerstört. Der »Visionär des Fernsehens« (ZDF-Intendant Dieter Stolte) hat sich erkennbar verrannt. Der große Kirch - nun ganz klein.

Vielleicht hatte RTL-Chef Helmut Thoma, Kirch-Gegner aus Leidenschaft, doch recht, als er vor Wochen Parallelen zu dem Milliardenpleitier Jürgen Schneider zog. Für Kirch könne es wie bei Schneider übel enden, nur habe der Frankfurter Immobilienhai »der Nachwelt prachtvollere Bauten hinterlassen«.

Selbst Kirch-Freunde wie Metro-Chef Erwin Conradi wurden von den miesen Zahlen überrascht. Doch Conradi, der Kirch schon einmal aus einer Finanzklemme half, ist überzeugt, daß der Medienunternehmer »wieder auf die Beine kommt«. Vor allem im Filmhandel sei der Münchner kaum zu schlagen: »In seinem Metier bleibt er ein mächtiger Mann.«

Kirch selbst blieb am vergangenen Freitag sprachlos. Er wollte oder konnte die Horrorzahlen nicht erklären. Die Veröffentlichung diene »sicher einem anderen Ziel als dem, die Öffentlichkeit objektiv zu informieren«, verlautbarte seine Pressestelle. Später dann ging Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn in die Offensive - um abzuwiegeln: »Die Kirch-Gruppe ist heute von einer derartigen Kraft, daß sie die nötigen Investitionen leichter tragen kann als beim Start ins Privatfernsehen« (siehe Interview Seite 91). Firmenverkäufe seien nicht geplant: »Wir investieren weiter massiv in Programme und Produktionen.«

Auch Pro-Sieben-Chef Georg Kofler spielte die Bilanzmisere herunter. Nein, er werde sich von Kirch trotz dessen Finanzlage keine überhöhten Filmpreise diktieren lassen. »Wir bestimmen ja die Preise mit«, behauptete er.

Den Abfluß der Börsenmillionen kann Kofler aber nicht verhindern. Was Thomas Kirch mit dem Geld mache, gehe ihn und die Aktionäre nichts an, sagt er. Solle er denn traurig sein, fragt Kofler, »wenn Thomas Kirch das Geld verjubelt, seiner Mutter oder seinem Vater gibt«?

Der Papa braucht es wohl am dringendsten. Auffällig an Kirchs Finanzplan für dieses Jahr ist eine starke Verringerung der Bankschulden um 1,3 Milliarden Mark, die ihm wieder Luft zum Atmen geben soll. Dafür dürfte nach Ansicht von Fachleuten der Pro-Sieben-Aktienerlös der Grund sein, der sich mithin als eine Art Notverkauf erweist. Kirch-Geschäftsführer Hahn bestreitet das vehement: Die Kirch-Finanzplanung beziehe das Vermögen von Thomas Kirch nicht ein.

Freunde wie Feinde des Münchner Medienunternehmers halten den Atem an: Ausgerechnet der scheue Kirch muß sich vor den Augen einer neugierigen Öffentlichkeit als Sanierer beweisen.

Vor allem das Verhalten der mächtigen US-Filmbosse, die Kirch bisher stets mit frischer Hollywood-Ware belieferten, ist nun entscheidend: Wenden sie sich von einem ins Wanken geratenen Kirch ab? Oder hungern sie ihn aus, wie Experten der Branche fürchten, um sein Imperium am Ende zu übernehmen?

Viel Zeit hat Kirch nicht, seine Finanzkrise zu meistern. Denn wie lange noch halten die Banken still? Oder haben sie, wie Kirch-Kenner vermuten, längst schon das Regiment in der Kirch-Zentrale übernommen?

Bisher war Kirch der Alleinherrscher, er regierte sein Imperium mit dem schlichten Strickjackencharme eines Patriarchen: familiär, väterlich, furchteinflößend. Jeden Montagabend trifft er sich mit seinen sieben Geschäftsführern. Er füttert sie mit wohldosierten Informationshäppchen, er gewährt ihnen Ein-, aber nie Überblick.

Er mag junge Manager, die all das haben, was ihm fehlt: Auslandserfahrung und Fremdsprachenkenntnisse zum Beispiel. Sie folgen ihm bedingungslos. Sogar eine Wallfahrt nach Lourdes unternahmen sie mit ihrem katholischen Chef, der dem Fernsehen »Die Bibel« schenkte.

Kritik allerdings gehört im Reich des Leo Kirch nicht zur Grundausstattung. Der Alte, nur sich und seinen Visionen verpflichtet, will kaufen, kaufen, kaufen. Und alle helfen ihm dabei. Dabei kommt er einem Freund bisweilen vor »wie ein kleiner Junge, der Murmeln sammelt und immer noch eine neue, bunte entdeckt, die ihm fehlt«.

Renditeplanung? Controlling? Sie stehen bei Kirch nicht an erster Stelle. Geschäftsführer Jan Mojto macht kein Geheimnis daraus, daß Kirch anders funktioniert: »Die Logik liegt darin, künftige Verwertungsketten vorherzusehen. Dann fragen wir: Was ist zu tun, um das Ziel zu erreichen. Dann erst: Wieviel kostet es?« Sein Kollege Dieter Hahn: »Business-Pläne haben bei uns nicht die Bedeutung von Dogmen.«

Dieses Medienmonopoly scheint fürs erste ausgespielt. Nun kann Kirch ohne starken Partner nicht mehr weiter. Kooperieren, nicht zukaufen, heißt nun die Devise. Die Banken, die um ihre Kredite fürchten müssen, machen mächtig Druck.

Doch so schnell wird Kirch nicht aufgeben, das wissen auch seine Gegner. Eines haben Freund wie Feind noch immer: Respekt vor der Lebensleistung des heute 70jährigen, der aus dem Nichts zu einem der mächtigsten Medienmänner Europas aufstieg.

Unbestritten besitzt er ein Gefühl für Geschäfte, doch manchmal eben für die von übermorgen. Natürlich geht er wie alle Unternehmer dauernd Risiken ein, aber eben auch solche, bei denen kaum eine Siegeschance besteht. Kirchs Geschichte ist die Geschichte eines Spielers.

Am Anfang war er nur ein Phantom. TV-Manager Peter Gerlach, der damals seine Medienkarriere bei der Berliner Universum-Film AG (Ufa) begann, erinnert sich genau: wie er den damaligen Prokuristen Edzard Reuter samt einer Handvoll Dramaturgen und Autoren zum Essen begleiten durfte. Und wie jemand erzählte, daß es in München neuerdings einen »Verrückten« gebe, der Filmrechte kauft. Alle lachten, auch Gerlach. Das war 1960.

Zwei Jahre später verging ihm das Lachen. Für ein TV-Porträt brauchte er Ausschnitte aus Filmen mit dem Sänger Richard Tauber. Es stellte sich schnell heraus, daß alle Rechte bei diesem »Verrückten« in München lagen.

Das Phantom bekam einen Namen: Leo Kirch. Es bekam ein Gesicht, dessen zusammengekniffene Augen und hohe Wangenknochen schon damals einem deutschen Dschingis-Khan ähnelten. Und es bekam eine Stimme, die Gerlach schneidend anblaffte: »Ich verkaufe keine Schnipsel!«

Der junge Ufa-Mann begann zu ahnen, daß diese albernen Filmrechte bald unermeßlich viel Reichtum und Macht bedeuten könnten. Und daß an diesem Kirch kein Weg mehr vorbeiführen würde, wenn man in Deutschland Fernsehen machen wollte. Seit Mai 1970 weiß er es genau.

Es war Gerlachs erster Arbeitstag in der ZDF-Programmdirektion. Die Tür sprang auf, Dschingis-Khan kam herein und sagte: »Ach, hier sitzen Sie jetzt!« Der Sender hing schon damals schwer atmend an der Nadel von Kirchs Film- und Serieninfusionen.

Das Phantom war überall. Und wenn Gerlach mal so etwas wie die kabarettistischen »Notizen aus der Provinz« produzierte, wurde er von Kirch zur Seite gezogen: »Du, so was mußte nicht machen!« Er sagte es leise und unaufgeregt. Aber wer ihn kannte, hörte den unausgesprochenen Nachsatz: Du bringst dich damit um.

Der konservative Eiferer Kirch ist seither zum schlechten Gewissen einer ganzen Generation von Meinungsmachern geworden: Rundfunk- und Fernsehräte, Intendanten und Redakteure, Manager und Medienwächter, Künstler und Kartellrechtler, Produzenten und Politiker. Viele von ihnen hat er gemacht, etliche zerstört. Er besaß, was im Fernsehen Rohstoff ist: Filme und Filmrechte.

Kirchs wichtigster Schatz liegt in einer Lagerhalle in der Beta-Straße von Unterföhring bei München, wo ferngesteuerte Gabelstapler durch Regalreihen surren. In der auf zehn bis zwölf Grad Celsius gekühlten schmucklosen Kirch-Kathedrale ragen seine Konserven säulengleich bis unter die Decke: 15 000 Spielfilme, sauber verpackt und akribisch katalogisiert.

Rund 60 000 Stunden Programm liegen da - von der Wagner- bis zur Seifenoper, von frischen Kinohits wie »Goldeneye« über Sissi und Pippi Langstrumpf bis zu uralten Schwarzweißfilmen.

Laut einer von Kirch in Auftrag gegebenen Studie der Treuhand AG für Handel und Industrie ist der Filmstock 6,8 Milliarden Mark wert. Doch die Banken haben dieses Vermögen bisher nur mit 1,235 Milliarden Mark bei ihrer Kreditvergabe berücksichtigt. Der Grund: Die exakte Wertbestimmung der Ware Film ist oft reine Spekulation.

Offiziell mieden die Intendanten der ARD anfangs den Kontakt zu dem zwielichtigen Zwischenhändler wie Klosterbrüder den Straßenstrich. »Die taten so, als ob sie ihn nicht kennen«, erinnert sich NDR-Intendant Jobst Plog an ein gemeinsames Treffen Anfang der achtziger Jahre.

Es war ja auch irgendwie peinlich, wie Kirch ihnen die Spielregeln diktierte: Programm-Leckerbissen bekam nur, wer im Paket zugleich zweit- und drittklassige Ware übernahm.

Das galt erst recht, nachdem 1963 das ZDF startete. Kirch wurde zum Haupt- und Hoflieferanten am Mainzer Lerchenberg. Er verkaufte Serien wie »Bonanza«, Spielfilme wie »Doktor Schiwago« und Kinderspaß à la »Biene Maja«. Selbst ein großes Hollywood-Studio wie Universal schaffte es nicht mehr, direkt mit dem ZDF abzuschließen.

Jedes Spiel, das Kirch seither spielte, war größer und riskanter als das davor. Er gehe »immer volles Risiko« ein, sagt ein langjähriger Vertrauter. Zauderern halte er vor, sie würden »im Kasino gleichzeitig auf Rot und Schwarz setzen«.

Jahrzehntelang ging das Spiel gut. Kirch erwarb Synchronstudios, Verlagsanteile und Produktionsfirmen, Filmrechte und Kinos. Er kaufte sich Fernsehstars wie Thomas Gottschalk und die Sender drum herum.

Die Familie beherrscht Sat 1 und DSF, Pro Sieben und Kabel 1. Sie regiert den digitalen Pay-TV-Kanal DF1 und hält 25 Prozent an Premiere. Jeder dritte deutsche Zuschauer, der die Glotze anschaltet, sieht Kirch. Nur Kirch sieht er nie.

Im öffentlichen Licht leidet der 70jährige auch körperlich wie ein Maulwurf. Wo immer er sitzt, sitzt er mit dem Rücken zum Fenster. Seine von Zuckerkrankheit schwer angegriffenen Augen vertragen die Helligkeit nicht. Bei der Springer-Hauptversammlung trat der Großaktionär 1995 mit Sonnenbrille aufs Podium.

Wenn er Journalisten bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten schon nicht aus dem Weg gehen kann, dann ignoriert er sie. Zwei Interviews gab er in seinem Leben, eines dem SPIEGEL, das andere dem MANAGER MAGAZIN.

So einer wird irgendwann zum Mythos erklärt. Und das ist ihm ganz recht, denn Mythen müssen keine unangenehmen Fragen beantworten.

Kenner reden ehrfürchtig über ihn, selbst wenn sie Anekdotisches zum besten geben. Sie kichern, daß er früher mit einem alten Audi bei den Sendern vorfuhr, um nicht in den Verdacht zu großen Reichtums zu geraten. Sie feixen, daß er Geschäftspartnern zum Jahreswechsel noch immer Weinkisten mit »Volkacher Ratsherr« schickt, den sein Bruder Franz anbaut. Sie loben aber auch seinen »unglaublichen Charme«, mit dem er noch jeden eingesponnen hat. Sie staunen über die gewaltige Sammlung teurer Impressionisten in seiner Villa am Münchner Herzogpark.

Seine Aggressivität im Umgang mit Geschäftspartnern fiel allen auf, die mit ihm je zu tun hatten. Schlitzohrig nennen das seine Freunde - unseriös seine Rivalen.

»Mit so einem Mann kann man auf Dauer nicht zusammenarbeiten«, glaubt der Münchner Medienmanager Hans R. Beierlein heute. »Kirch ist so gebaut, daß er alles allein will.« RTL-Boß Thoma pflichtet natürlich bei: Kirch habe »die allgemeine Balkanisierung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg erkannt und konsequent danach gehandelt«. »Jeder ist käuflich, frei ist nur der Preis«, soll Kirch einem Geschäftspartner gesagt haben.

Seit Anfang der achtziger Jahre arbeitete er an seiner zweiten Karriere. Die Politik erlaubte erstmals private Fernsehsender. Und Kirch wandelte sich vom Kanal-Arbeiter zum Sender-Architekten.

Endlich konnte er seine eigenen Abspielstationen bauen. Der Händler wurde zum TV-Veranstalter - da traf es sich gut, daß er nicht nur TV-Profis, sondern auch all jene Politiker gut kannte, die in den Aufsichtsgremien von ARD und ZDF das letzte Wort über seine Filmdeals hatten. Nach der Wende von 1982 konnte der neue Kanzler Helmut Kohl, langjähriger Chef des ZDF-Verwaltungsrats, die Privatisierungspläne fördern.

Von seinem Geflecht an Kontakten und Freundschaften lebte der Filmhändler jahrzehntelang nicht schlecht. »Kirch ist ein Sammler«, sagt sein Geschäftsführer Jan Mojto. »Er sammelt Menschen.« Und er meint das durchaus freundlich, denn Mojto weiß, wie nett der Chef zu Leuten sein kann, die er als Freunde einstuft.

Kirch träumte schon früh den Traum vom allgewaltigen Medienverbund, vom Eigentum an Sendern und Verlagen, die in ihren Blättern für seine TV-Stationen und damit für seine Filme werben sollen.

Im Jahr 1985 stieg Kirch beim Axel Springer Verlag ein, der mit HÖRZU und BILD genau jene Medien besitzt, die Kirch suchte.

Der damalige Vorstandschef Peter Tamm sah zunächst gute Chancen für eine Allianz bei Sat 1: Springer sollte für Information, Kirch für Unterhaltung sorgen. Der Verlagsgründer selbst willigte freilich nur widerstrebend ein, dem Filmhändler auch Aktien zu verkaufen. Im Aufsichtsrat mochte er ihn schon gar nicht sehen.

Über Treuhänder, meist im Umfeld des Versicherungskonzerns Gerling, wo Kirch-Intimus Joachim Theye oberster Berater war, kaufte er insgeheim Springer-Aktien auf. Zwischenzeitlich glaubte er sich sogar im Besitz der Mehrheit, als er mit den badischen Verlagserben Franz und Frieder Burda kungelte. Doch die reichten ihre Anteile am Ende lieber der Verlegerwitwe Friede Springer weiter.

Tamm begann zu ahnen, daß es dem Münchner nur um die Macht bei Springer und Sat 1 geht. Im August 1990 reichte er beim Mainzer Landgericht Klage gegen die Kirch-Firma PKS sowie den Kirch-Partner Dieter von Holtzbrinck ein. Ziel: Der Filmhändler sollte bei Sat 1 ausscheiden.

Auf 195 Seiten wurde akribisch aufgeführt, warum sich Kirch gesellschaftswidrig verhalten habe. Es ging um Allianzen von Kirch und Holtzbrinck »unter Täuschung der übrigen Gesellschafter«, um »Ausplünderung« und den »rechtswidrigen Abschluß eines Filmgeschäfts«.

Dennoch zog der Verlag seine Klage zurück, als sich die Verlegerwitwe und ihr Aufsichtsratschef Bernhard Servatius überraschend mit Kirch einigten. Tamm mußte weg.

Heute hält Kirch 40 Prozent der Springer-Aktien - doch mehr ist nicht drin. Friede Springer kontrolliert mittlerweile auch die Aktien der anderen Erben. Die Kirch-Gruppe werde im Hause ihres Ex-Gatten »niemals die unternehmerische Mehrheit erreichen«, sagte sie tapfer.

Doch von den steigenden Renditen und Dividenden, für die der Vorstandschef Jürgen Richter sorgt, profitierte der Filmhändler. Er investierte das Geld in seine neuesten Pläne - den Aufbau eines deutschen Pay-TV-Senders. Gegen direkte Bezahlung, so die clevere Idee, wollte er nun seine Filmrechte direkt beim Zuschauer losschlagen.

Schon 1990 war er beim ersten deutschen Pay-Kanal Premiere eingestiegen, wo Bertelsmann und Canal plus mit je 37,5 Prozent dominieren. Doch die Rolle als Juniorpartner behagte ihm nicht. Kirch wollte alles - und das ganz schnell.

Für das digitale Endspiel setzte er sein ganzes Imperium auf eine Karte. Dafür sicherte er sich im vergangenen Jahr Hollywood-Filme zu »Mondpreisen«, wie Konkurrent Bertelsmann bemerkte.

Kirch, so scheint es, hatte jedes Maß verloren. Er sicherte sich die Rechte an den Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006 - für eine Milliardengebühr. Er orderte bei dem finnischen Elektronikriesen Nokia eine Million Decoder und baute ein neues Sendezentrum. Geschätzter Einsatz: weit über zehn Milliarden Mark. Manches davon ist in dem jetzt bekanntgewordenen Finanzplan noch nicht berücksichtigt.

Intern herrschte Aufbruchstimmung. Für Kirch, sagt Mojto, ist der Start von DF1 »der letzte große Schritt, der noch zu machen ist«. Der Patriarch, so auch die anfängliche Einschätzung seiner Getreuen, schien es geschafft zu haben. Erst besaß er die Konserven, dann die Kanäle. Nun kriegt er auch die Kundschaft direkt dazu - als Abonnenten einzelner Filme.

Mit großem Werbetamtam startete das Bezahlprogramm von DF1 (Slogan: »Kein neuer Sender, sondern das neue Fernsehen"). Doch alles lief von Anfang an schief: Die neue Technik funktionierte nicht reibungslos, der Vertrieb der zum Empfang der Bezahlfilme nötigen Decoder kam nur schleppend in Gang, und die Kontroversen mit Premiere verwirrten die am Pay-TV interessierten Kunden.

Warum sollen sie den Decoder wechseln? Was bietet Kirch, was Premiere nicht hat? Und wird der Streit der zwei Firmen um die richtige Technik nicht am Ende, wie schon beim Videorecorder, mit dem Standard nur eines Unternehmers enden?

Kein Wunder also: Die Kundschaft verhält sich zögerlich. Nicht einmal 40 000 Abonnenten meldet DF1, dabei sollten bis zum Jahresende 1996 schon 200 000 Abonnenten dabeisein.

Die gesamte Finanzierung des Digitalabenteuers gerät außer Kontrolle. Den Hollywood-Studios wurden in der Regel Festpreise garantiert, weil Kirch mit wesentlich höheren Abonnentengebühren gerechnet hatte.

Doch die Einnahmen fließen spärlich, die Ausgaben spülen alle Planungen dahin. Die Banken beleihen alles, was sich später irgendwie versilbern läßt.

Der Springer-Anteil (Börsenwert: rund zwei Milliarden Mark) ist von der Berliner Bank beliehen, auch Kirchs Pay-TV-Anteil an Premiere muß im Fall der Zahlungsunfähigkeit als Sicherheit herhalten. Selbst einige Filmvorräte sind beliehen.

Kirchs Financiers wird die Sache allmählich zu heiß. Sie drängen auf eine Revision des Alleingangs und fordern eine Einigung mit dem Kirch-Rivalen Bertelsmann. Am vergangenen Sonntag fand erneut eine - die entscheidende? - Sitzung der Kontrahenten statt.

Bertelsmann würde gern die eigenen Pay-Aktivitäten mit denen von Kirch fusionieren. Konzern-Chef Mark Wössner sieht für zwei Bezahlkanäle in Deutschland keinen Platz. »Ich will und ich werde mich einigen«, sagt auch der Gütersloher Entertainment-Vorstand Michael Dornemann. Er fürchtet, daß US-Konzerne bei Kirch einsteigen.

Einigung heißt für Kirch: Bertelsmann soll einen Teil der DF1-Verluste übernehmen. Über die Höhe des Einstandspreises haben sich die Unterhändler immer wieder zerstritten. »Jetzt allerdings«, so ein an den Verhandlungen unbeteiligter Bertelsmann-Vorstand, »sagt mir mein Bauch, wir sollten warten, warten, warten - und dann den richtigen Zeitpunkt erwischen.«

Doch die Banken wollen mehr als nur eine Fusion beim Digital-TV: Sie verlangen, daß Kirch endlich sein Unternehmen übersichtlich strukturieren und sauber bilanzieren soll. Für die Banken sei wichtig, »daß am Tag X kein schwarzes Loch entsteht, sondern klare Strukturen existieren«, sagt Geschäftsführer Klaus Piette.

Auch die Nachfolgefrage steht aus Sicht der Kreditinstitute zur Klärung an: Denn was passiert eigentlich, so fragen sich die Banken, wenn der 70jährige morgen den mehrfach verschachtelten Konzern verläßt?

Unsterblich ist auch Kirch nicht. Das weiß der Senior spätestens seit einem schweren Autounfall, bei dem er vor einigen Jahren aus seiner gepanzerten Limousine geschleudert wurde.

Seine Frau Ruth lag monatelang im Krankenhaus. Er selbst saß tags darauf schon wieder im Büro.

Zwar kündigte Kirch im vergangenen Herbst an, zum 1. Januar 1997 werde eine Unternehmensstiftung eingerichtet, die den »bereits bestehenden Holdingcharakter« der Kirch-Gruppe formalisiere. Er selbst werde zunächst Alleinvorstand. Bis jetzt sind weder die Organisation noch deren Akteure in Erscheinung getreten.

Offenbar will Kirch eine neue Rechtsform so lange wie möglich hinauszögern, um nicht zu früh vertrauliche Informationen preiszugeben. Doch was ist jetzt noch vertraulich?

Kirchs einziger Sohn Thomas, der in der geplanten Holding »eine wesentliche unternehmerische Rolle« (Kirch-Gruppe) einnehmen soll, ist allerdings nur formal ein Aktiv-Posten. Neben der Pro-Sieben-Gruppe verantwortet er noch allerlei Regionalfernsehen, betreibt Teleshopping und übernahm jüngst in Berlin das angeschlagene Radio Hundert,6.

Kirch-Kenner halten es für kaum vorstellbar, daß der Technikfreak das Imperium durchschauen, kontrollieren oder gar weiterführen könnte. »Der kleine Kirch« (TAGESSPIEGEL) gilt als zu weich, zu phlegmatisch und gesundheitlich zuwenig robust. »Sein Sohn schlägt nicht ein«, zitiert der STERN den Metro-Eigentümer und Kirch-Freund Otto Beisheim.

Fest steht: Der Senior hält nicht allzuviel von ihm. In Sitzungen herrschte Kirch ihn gern rüde an, wie Manager berichten: »Sei still, da kannst du noch was lernen!«

Es gibt nicht wenige, die vermuten, daß Kirchs Imperium vielleicht irgendwann doch zertrümmert, ausgeschlachtet und liquidiert wird. Daß der Konzern implodieren könnte wie ein Fernsehapparat. »Kirch ist wie ein indischer Nabob«, sagt Ex-Springer-Vorstand Tamm, »der sein Lieblingspferd und seine Lieblingsfrau mit ins Grab nehmen wird.«

[Grafiktext]

Bankverbindlichkeiten der Kirch-Gruppe Ende 1996

Ausgaben und Einnahmen der Kirch-Gruppe laut Finanzplan

Auszug aus dem Finanzplan der Kirch-Gruppe

Was bringen Leo Kirchs Beteiligungen und seine Lizenzgeschäfte

Beteiligungen von Leo und Thomas Kirch

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Bankverbindlichkeiten der Kirch-Gruppe Ende 1996

Ausgaben und Einnahmen der Kirch-Gruppe laut Finanzplan

Auszug aus dem Finanzplan der Kirch-Gruppe

Was bringen Leo Kirchs Beteiligungen und seine Lizenzgeschäfte

Beteiligungen von Leo und Thomas Kirch

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* Beim 70. Geburtstag mit Wiens Ex-Bürgermeister Helmut Zilk(2. v. l.), dessen Ehefrau Dagmar Koller und Zilk-Sohn Thomas.

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