ARBEITGEBER Immer wieder ein Wunder
Bieder und bescheiden wirkt die Fassade des Hauses im Kölner Süden, direkt gegenüber dem Volksgarten. Die Miete ist günstig, 4200 Mark im Monat zahlt der größte Mieter des Hauses für drei Etagen, Druckerei im Keller inklusive.
Das dürftige Domizil täuscht. In der Kölner Volksgartenstraße 54 A hat der mächtigste deutsche Arbeitgeberverband seinen Sitz: der Gesamtverband der metallindustriellen Arbeitgeberverbände e.V., kurz Gesamtmetall genannt.
Was die IG Metall für die Gewerkschaften, ist Gesamtmetall für die Unternehmen: die bei weitem gewichtigste Branchenorganisation, jener Verband, der für alle anderen die Zeichen setzt. Die Lohndaten der Metallindustrie waren in den letzten Jahren stets die Orientierungsmarken für die anderen Wirtschaftszweige. Und was Gesamtmetall jetzt im Arbeitszeitkampf mit der Metallergewerkschaft durchsetzt, wird für Jahre Maßstab der gesamten deutschen Industrie sein.
In der Kölner Vorstadt werden die Interessen der allerfeinsten Firmen abgestimmt. Siemens und Bosch, Daimler-Benz und Mannesmann sind hier vertreten; Thyssen, Krupp, die Brillenfabrik Rodenstock in München oder die mittelständischen Drahtziehereien im Sauerland zählen zur Klientel.
In den über 9000 angeschlossenen Unternehmen arbeiten knapp drei Millionen Beschäftigte. Wieviel sie verdienen, wie lange sie arbeiten, dies wird von Gesamtmetall ausgehandelt.
Macht und Bedeutung der Organisation stehen in merkwürdigem Kontrast zu ihrer Bekanntheit. Nicht mal die Hälfte der Bundesbürger verbindet mit dem Kürzel Gesamtmetall den wichtigsten westdeutschen Arbeitgeberverband. 49 Prozent halten Gesamtmetall sogar für eine Gewerkschaft.
Selbstdarstellung gehört nicht zu den Routine-Übungen der Gesamtmetall-Funktionäre. Sie wirken lieber im verborgenen. Wenn Gesamtmetall-Gremien tagen, bleiben die Journalisten vor der Tür; öffentliche Debatten wie auf Gewerkschaftstagen gibt es nicht.
Schließlich soll Gesamtmetall - ein Verband mit 32 Angestellten - ja auch formell nicht mehr sein als die Koordinationszentrale der 13 regionalen Mitgliedsverbände. Diese Regionalverbände - der Verband der Metallindustrie Baden-Württemberg (VMI) in Stuttgart zum Beispiel oder der Verband der Metallindustrie Nordrhein-Westfalens in
Düsseldorf - sind finanziell unabhängig von der Zentrale, handeln selbständig die Tarifverträge aus und verwalten eine eigene Unterstützungskasse für Arbeitskämpfe.
Gesamtmetall darf laut Satzung lediglich die »sozialrechtlichen und sozialpolitischen Belange ... von grundsätzlicher Bedeutung« wahren. Das ist schon schwer genug. Denn daß die Unternehmer überhaupt zusammenhalten, ist für Dieter Kirchner, den Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, »immer wieder ein Wunder«. Unternehmer, zumal in derselben Branche, sind zunächst Konkurrenten und denken an ihren eigenen Vorteil, weniger an das allgemeine Wohl des Industriezweigs.
Den Mangel an Solidarität im Arbeitgeberlager machte sich die IG Metall in den fünfziger und sechziger Jahren reichlich zunutze. Alle regionalen Unterhändler der IG Metall wurden von der Frankfurter Zentrale geführt. Mit ihrer straffen Regie sahen sich die Gewerkschafter oft genug im Vorteil. Gaben die Arbeitgeber in einem Tarifbezirk nach, wußten die Metaller gleich, wie weit sie in den anderen Regionen gehen konnten. Um nicht ständig von der zentralistisch geführten Gewerkschaft ausgespielt zu werden, kamen auch die Arbeitgeber zunehmend von ihrem Tarifprovinzialismus ab.
Nach und nach bauten sie Gesamtmetall zu ihrer Schaltzentrale aus. Wie die Angestellten in der Tarifabteilung des IG-Metall-Vorstandes in Frankfurt kümmern sich heute die elf Juristen, Volks- und Betriebswirte von Gesamtmetall fast nur noch um die Vorbereitungen für die nächsten Tarifrunden.
Wenn eine Lohnauseinandersetzung gerade gelaufen ist, sammeln die Tarifprofis schon Daten für die nächste. Frühzeitig entwickeln sie Konzepte, wie auf die Forderungen der Gewerkschaft reagiert werden soll. Schon im Sommer vergangenen Jahres veröffentlichte Gesamtmetall zum Beispiel die ersten Ergebnisse von Meinungsumfragen zum Thema 35-Stunden-Woche und machte so weit vor den Verhandlungen Stimmung gegen die IG Metall.
Nicht immer klappte allerdings die Koordination. Häufig gelang es den Stuttgarter Metallern unter ihrem wendigen Bezirksleiter Franz Steinkühler, weit mehr herauszuholen, als die Arbeitgeber abgesprochen hatten. 1981 kam es deshalb zum Eklat.
Der schwäbische Arbeitgeber-Anführer Hans Peter Stihl unterschrieb ein Abkommen, das um 0,1 Prozent über der von Gesamtmetall angepeilten Marke lag. Daraufhin meuterten die Nordrhein-Westfalen unter ihrem Chef Paul Pleiger. Die Westdeutschen drohten mit dem Austritt aus dem Spitzenverband, Gesamtmetall stand vor dem Ende.
Pleiger unterschrieb schließlich zwar den gleichen Vertrag wie Stihl. Doch Alleingänge, die sich Arbeitgeber in Nordwürttemberg/Nordbaden früher leisteten, sind seit dem Krach von 1981 nahezu ausgeschlossen. Kontrolleure von Gesamtmetall sorgen nun dafür, daß kein Regionalverband bei Tarifverhandlungen von der Einheitslinie abweicht.
Diesmal, bei dem angeblich existenzbedrohenden Streit um die Arbeitszeitverkürzung, ist das Sicherheitsnetz besonders eng geknüpft. Neben den Unterhändlern aus Schwaben sitzen gleich drei Abgesandte von Gesamtmetall am Verhandlungstisch im Stuttgarter Hotel »Graf Zeppelin«, einer aus Hessen, einer aus Nordrhein-Westfalen und einer aus Schleswig-Holstein. Sie passen auf, daß der Kollege Stihl nicht weich wird.
Im Hintergrund lauert außerdem Gesamtmetall-Geschäftsführer Kirchner darauf, daß niemand vorzeitig ausschert. Wegen seiner langjährigen Erfahrung im Tarifpoker versteht er es wie kein anderer, die Arbeitgeber zusammenzuhalten (siehe Kasten Seite 21).
Zu jedem Treffen mit der IG Metall reisen zudem Vorstand und Präsidium von Gesamtmetall an, weiterhin sind alle Verhandlungsführer und Verbandsgeschäftsführer aus den einzelnen Tarifbezirken vertreten. Insgesamt kommen so leicht über 60 Personen zusammen.
Neben der Verhandlungskommission tagen in Stuttgart auch noch Expertenkreise und Beratungsgremien, rechnen Volkswirte und Statistiker von Gesamtmetall an Arbeitszeitmodellen und Lohnformeln herum.
Es ist ein zeitaufwendiges Geschäft für die Funktionäre, vor allem aber für die Ehrenamtlichen. Denn die verdienen ihr Geld ja allesamt nicht bei Gesamtmetall, sondern als Manager oder Eigentümer-Unternehmer.
Wolfram Thiele, der spröde Gesamtmetall-Präsident, sitzt als Personalmann im Vorstand des Maschinenbaukonzerns MAN. Da hätte er eigentlich genug zu tun: Die Augsburger Firma, die 40 000 Menschen beschäftigt, hat im letzten Geschäftsjahr Verluste gemacht.
Sägenfabrikant Stihl hat den Verbandsjob in Baden-Württemberg übernommen, weil er »sich nicht immer nur auf andere verlassen will«. Arbeitgeber-Geschäftsführer Kirchner sieht das Engagement seiner Präsiden ein wenig nüchterner. Da gehöre, sagt er, auch eine »Portion Selbstdarstellungswille und Eitelkeit im guten Sinne« dazu.
Die Befriedigung dieses Darstellungsdrangs ist ein aufwendiges Vergnügen. Stihl schätzt, daß ihn die Verbandsarbeit rund 200 000 Mark im Jahr kostet. Von Unternehmern erwartet ein Verband eben, daß sie ihre Reisespesen selber zahlen.
Teurer noch kommt es Stihl zu stehen, daß seine Firma bei Arbeitskämpfen oft zuerst dran ist. Als einziges Unternehmen, das nichts mit der Autoindustrie zu tun hat, lag Stihls Sägefabrik in Waiblingen gleich zu Beginn des Arbeitskampfes still.
Die Streikkasse der Arbeitgeber ersetzt zwar 90 Prozent der Lohn- und Gehaltssumme. Doch bei täglich über zwei Millionen Mark Umsatzausfall sei das, so meint Stihl, »nicht mehr als ein Anerkennungsbetrag«.
Auch die Kundschaft habe den Einsatz an der Tariffront nicht honoriert. Obwohl sein Name bei den Lohnrunden fast jeden Abend in der »Tagesschau« genannt werde, habe er, bedauert Stihl, in all den Jahren deswegen noch keine Motorsäge mehr verkauft.