TANKSTELLEN In der Impulszone
Der Tankstellenpächter an der Autobahnausfahrt Ahrensburg nahe Hamburg betreibt sein Geschäft dort seit genau zwanzig Jahren. Und obwohl er stets die gleiche Benzinstation zapft, hat er währenddessen -- auf Befehl des Konzerns -- mindestens dreimal seinen Beruf gewechselt.
Zuerst war der Pächter den Esso-Verkaufsmanagern als gelernter Kraftfahrzeughandwerker willkommen, denn der Konzern verlangte von ihm neben dem Bedienen der Säulen Direktservice am Auto des Kunden: Ölpeilung, Reifen- und Kerzenwechsel, Lackpflege, kleinere Reparaturen, Einbau von Ersatzteilen.
Während die Geschäfte mit der Stammkundschaft noch ausgezeichnet liefen, hatten die Verkaufsplaner der Konkurrenz aber schon ein Modell vorbereitet, das dem Tankwart einen Umlernprozeß aufnötigte: Shell-Verkaufschef Johannes C. Welbergen, heute Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, ließ 1967 Vorstudien zu einem neuen Tankstellentyp anfertigen: die totale Selbstbedienungsanlage (SB).
1969 führte die Deutsche Shell in Hamburg ihre erste Großanlage ein, an der die Kundschaft sich selbst mit Benzin versorgen konnte, das dann drei Pfennig weniger kostete als sogenanntes Bedienungsbenzin.
Was Shell begann, taten schleunigst auch Esso, BP und Aral: Die Autofahrer sollten das Benzinzapfen selber übernehmen, dem Tankwart wurde die Provision pro Liter um etwa zwei Pfennig gekürzt. Der Konzern kassierte.
Ausgleich für den Verdienstausfall des Pächters sollten erhöhter Benzinumsatz und der Verkauf von Kleinkram schaffen -- außer Autozubehör auch Zeitungen, Zigaretten und Getränke. Ein Shell-Manager: »Alles, was in der Impulszone liegt.«
Der Tankwart aber saß nun hinter der Kasse und stand einem Laden vor, der immer mehr einem Bahnhofskiosk ähnelte. Schlips und Kragen waren die nächste Stufe.
Aber nicht die letzte. Wenige Jahre später -- die markenfreien Tankstellen hatten inzwischen zwanzig Prozent des Benzinumsatzes übernommen -- erfanden die Konzerne ihre »Full-Service-Stations«. Neue Wartungshallen, elektronische Kontrollgeräte und das Arsenal einer mittleren Autowerkstatt wurden in die SB-Stationen eingebaut.
Der einstige Benzinzapfer, Kraftfahrzeughandwerker und spätere Kleinkaufmann mußte sich nun, um den Umsatzerwartungen der Konzernherren zu genügen, einerseits zum Kraftfahrzeugmeister zurückverwandeln, andererseits zum Manager entwickeln, der über die Abteilungen Einzelhandel und Fahrzeugwerkstatt herrschte. Wer nicht mit konnte, wurde ausgesondert.
Allein 1974 sonderte die Deutsche Shell AG genau 971 Benzinstationen aus. Allein zwischen 1970 und 1977 verminderte sich die Zahl der Tankstellen in der Bundesrepublik von 45 000 auf 31 000. Und in großen Schüben wuchs der Anteil der Selbstbedienungsläden am Netz der Großen: von Null auf knappe dreißig Prozent.
Zwischen einer und fast drei Millionen Mark investierten die Konzerne für jede ihrer an den großen Verkehrsknoten postierten Supertankstellen. Allein die aufwendigen Dachkonstruktionen kosteten mehr als vor fünfzehn Jahren noch eine ganze Tankstelle alten Stils samt Pflegehalle.
Dennoch bringen die Superstationen das Geld. 1967 noch kalkulierten selbst die bestgeführten Tankstellennetze mit jährlich nur 300 000 Liter Benzindurchsatz je Tankstelle. 1977 werden es 1,1 Millionen Liter sein.
Der hohe Anteil der Bedienungstankstellen allerdings verfälscht die Zahlen. Denn die Selbstbedienungszentren setzen das Fünffache der anderen um: nahezu eine Viertelmillion Liter im Monat, fast drei Millionen im Jahr.
Schon 1976 setzte etwa die Deutsche Shell in den Selbstbedienungsläden, die 26,8 Prozent des Netzes ausmachten. 63,2 Prozent ihres Benzins ab. Schon in wenigen Jahren wollen die Konzerne ihr Netz aber so ausgeforstet haben, daß sie mit ihren SB-Stationen, einem Drittel aller ihrer Tankstellen, 80 bis 85 Prozent ihres Sprits verkaufen. Der schmale Rest verteilt sich dann auf die doppelt so häufigen Bedienungstankstellen, die von den Konzernen in verkehrsarmen Gebieten unterhalten werden.
Bei zunehmendem räumlichen Abstand von Selbstbedienungsläden und konventionellen Stationen, so überlegen die Konzernmanager inzwischen, wird sich auch der Preisabstand zwischen selbst- und vom Tankwart gezapftem Benzin vergrößern lassen.
Die Pächter der Supertankstellen aber fürchten, daß der nächste Angriff auf ihre Verkaufsprovision unmittelbar bevorsteht. Inzwischen nämlich haben die Konzerne Selbstbedienungsanlagen auch für Wartungsarbeiten wie Waschen und Ölwechsel investiert.
Der Tankwart mithin darf sein Geld noch konsequenter als bisher nur mehr als Gemischtwarenhändler und Werkstattpächter verdienen. Alles, was der Tankwart vor zehn Jahren noch tat, das macht der Kunde jetzt selbst.
Je mehr aber die Konzerne sich auf Superstationen konzentrieren, desto anfälliger werden sie gegenüber der Konkurrenz freier Tankstellen. Denn je länger die Wege zur Markentankstelle werden, desto leichter fällt der Umweg über die Freien.
Freie Tankstellen, besonders bei Supermärkten, liefern gegenwärtig bis zu sieben Pfennig billiger als nur wenige Kilometer entfernte SB-Stationen, und bis zu elf Pfennig billiger als konventionelle Tankstellen in der Umgebung. »Es kann gar nicht ausbleiben«, so ein Esso-Manager, »daß wir in schwere Preiskämpfe hereingezogen werden oder Geistertankstellen bauen, die ohne Personal laufen.«