Index-Experte: Euro Stoxx hängt Dax ab - DER SPIEGEL
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Index-Experte Euro Stoxx hängt Dax ab

Die EU wird größer - und damit auch der Horizont der Investoren. Mit SPIEGEL ONLINE spricht Index-Experte Lars Hamich über die neuen Märkte in Osteuropa, über die Sonderrolle des Deutschen Aktienindex und erklärt, warum zwei Prozent Kursplus im DJ Euro Stoxx besser sind als zwei Prozent im Dax.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Mit dem Beitritt der zehn neuen Mitgliedsstaaten wird der europäische Wirtschaftsraum deutlich größer. Ist die Zeit für Investoren gekommen, künftig stärker auf europäische Indizes wie den DJ Euro Stoxx als auf nationale Indizes wie den Dax oder den französischen Cac 40 zu setzen?

Hamich: Die europäischen Indizes spielen bereits jetzt eine wichtige Rolle. In den DJ Euro Stoxx 50, der die 50 wichtigsten Unternehmen aus den Euroländern zusammenfasst, sind derzeit rund 600 Milliarden Euro investiert, bei den daran gebundenen Optionskontrakten sind es 335 Milliarden Euro. Das ist etwa viermal so viel wie beim Deutschen Aktienindex. Mit einem Investment in den Euro Stoxx 50 bin ich als Anleger in der Region Euroland vertreten und habe Chancen und Risiken auf die verschiedenen Branchen verteilt. Nationale Sonderentwicklungen fallen nicht so stark ins Gewicht, weil sie im europäischen Index nur ein Nebengeräusch unter vielen sind. Daher schwankt der DJ EuroStoxx 50 auch weniger stark als beispielsweise der Dax.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Dax damit ein Auslaufmodell?

Hamich: Viele waren davon ausgegangen, dass die nationalen Indizes in Europa mit der Zeit an Bedeutung verlieren. Der britische FTSE, der französische CAC 40, der deutsche Dax und der schweizerische SMI spielen aber noch immer eine wichtige Rolle, und vor allem der Dax   schlägt sich viel besser als erwartet.

Das liegt daran, dass sich die Konjunktur in einzelnen Ländern nur selten im Gleichklang mit der gesamten europäischen Konjunktur bewegt und Länder wie Deutschland damit meist eigene Geschichten bieten. Dies zieht ausländische Investoren an: Selbst wenn sich ein Land schlechter entwickelt als eine große Region, gibt das Händlern die Gelegenheit, mit dieser Sonderentwicklung Geld zu verdienen. Zweitens sorgt die jährlich gezahlte Dividende in Deutschland einmal pro Jahr, größtenteils im zweiten Quartal, für hohe Umsätze, während dieser Effekt an anderen europäischen Börsen durch eine vierteljährliche Dividende nivelliert wird. Der Dax ein sehr liquider Index, die Handelsvolumen sind hoch und die Ausführungskosten sind vergleichsweise niedrig: Damit wird er für Investoren interessant bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Für die meisten Anleger ist allein die Performance des Index entscheidend. Der Dax ist im Jahr 2003 um 37 Prozent gestiegen, während der DJ Euro Stoxx 50 knapp 20 Prozent zulegte.

Hamich: Performance ist relativ: Seit Auflegung am 31. Dezember 1991 hat der DJ Euro Stoxx 50 Euro Stoxx   179 Prozent gewonnen, der Dax   hingegen 95 Prozent. Auf Grund seines hohen Anteils von Technologie- und Finanzwerten ist der Dax auf einige wenige Branchen konzentriert: Das bietet in Aufschwungphasen natürlich Chancen. Allerdings sollten Anleger bei einem Indexvergleich beachten, dass es sich beim geläufigen Dax 30 Index um einen Performance-Index handelt, die Dividendenrendite von durchschnittlich rund zwei Prozent also berücksichtigt wird. Dies ist beim CAC 40 oder beim DJ Euro Stoxx 50 nicht der Fall. Wenn diese drei Indizes also auf Jahressicht jeweils vier Prozent zulegen, heißt das nicht, dass sich die Märkte identisch entwickeln: Beim Dax muss man die Dividendenrendite abziehen, und die Performance wäre damit zwei Prozent schlechter.

Osteuropa: Vorsicht bei teuren Staatsbetrieben

SPIEGEL ONLINE: Unter den zehn EU-Beitrittsländern sind viele aufstrebende Volkswirtschaften. Beobachter erwarten mittelfristig kräftiges Wachstum in Ländern wie Polen, Ungarn, Slowenien, Tschechien oder der Slowakei. Wie reagieren Sie auf die Veränderung?

Hamich: An der Zusammensetzung der DJ Stoxx-Familie wird sich kurzfristig nichts ändern, weil sich die neuen Länder noch entwickeln müssen. Wir werden für die einzelnen Länder nationale und regionale Osteuropa-Indizes anbieten, die dort gelisteten Unternehmen aber noch nicht in das DJ Stoxx Indexuniversum aufnehmen: Die Unternehmenskultur, nicht nur was Investor Relations und Berichterstattung angeht, ist noch zu unterschiedlich. Mit ihren recht hohen Wachstumsraten und den sich verändernden Bedingungen am Finanzmarkt ähneln die Beitrittsländer eher dem Segment Emerging Markets: Das ist ein interessanter Markt, der aber erst in einigen Jahren mit dem entwickelten westeuropäischen Markt vermischt werden sollte.

SPIEGEL ONLINE: Worauf werden Sie bei nationalen Indizes wie "DJ Tschechien" oder "DJ Polen" achten?

Hamich: Wir werden die Unternehmen nach Streubesitz gewichten, wie das bei allen unserer Indizes mit Ausnahme des Dow der Fall ist. In Osteuropa sind viele Unternehmen aus der Finanz-, Telekom- oder Versorgerbranche noch Staatsbetriebe: Polska Telekom ist zum Beispiel nach Marktkapitalisierung rund sechs Milliarden Euro wert, doch 60 Prozent der Aktien sind in festen Händen. Wir werden nur die 40 Prozent Streubesitz, also das Kapital, das tatsächlich frei verfügbar ist, aufnehmen: Damit schrumpft die Marktgewichtung auf etwas mehr als zwei Milliarden Euro. Anderenfalls wäre ein Investor, der den Index abbildet, gezwungen, mehr zu investieren als tatsächlich am Markt frei verfügbar ist, und das treibt den Preis hoch. Außerdem wollen wir verhindern, dass ein Länderindex durch einen einzelnen Wert bestimmt wird, wie das beim russischen RTS durch Yukos oder beim finnischen HEX durch Nokia der Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Zusammensetzung der Indizes nähert sich auch der Dax den europäischen Indizes an. Künftig wird über eine Aufnahme in den Dax nur noch nach den beiden "harten" Kriterien Marktkapitalisierung und Börsenumsatz entschieden. Sehen Sie den DJ Euro Stoxx 50 als Vorbild?

Hamich: Bei den wichtigen Kriterien wie Streubesitz/Freefloat, Marktkapitalisierung und Umsatz bewegen sich die Indexanbieter aufeinander zu. Dennoch wird es weiterhin nationale Spezialitäten geben. Auch beim Dax wird es ab September noch zwei Ranglisten für die Kriterien Größe und Umsatz geben, während bei uns im DJ Germany Titans 30 beide Kriterien in eine Rangliste einfließen. Wer in dieser Rangliste zu den Top 25 gehört, ist auch im Index vertreten, da gibt es keinen Entscheidungsspielraum. Beim Dax kann jedoch weiterhin Entscheidungsspielraum entstehen, wenn zum Beispiel ein Unternehmen nur auf einer der beiden Ranglisten in den oberen Rängen geführt wird. Jedes subjektive Auswählen von Titeln ist gefährlich, weil letztlich jedes Unternehmen auch Kunde der jeweiligen Börse ist und der Druck steigt: Ich muss als Index-Anbieter also versuchen, den Überraschungs-Effekt auf Null zu drücken. Das erreiche ich nur durch klare, transparente Regeln, die jeder versteht und nachvollziehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Können europäische Investments für den deutschen Privatanleger eine sinnvolle Ergänzung sein?

Hamich: Besonders bei den einzelnen Branchen ist ein Trend von der nationalen zur europäischen Ebene zu beobachten. Bis auf den TecDax gibt es kaum nationale Branchen-Indizes in Europa: Wer zum Beispiel einen Teil seines Kapitals in die Finanz- oder Retailbranche investieren will, kann hier auf europäische Branchen-Indizes zurückgreifen. Der "Core-Satellite-Ansatz" ist beliebt: Ein deutscher Investor hält zum Beispiel mit 60 Prozent sein Kerninvestment bei Dax-Werten und erweitert dies durch verschiedene Brancheninvestments: Dies können heute europäische Banken- und Einzelhandelswerte, morgen aber Pharma- und Energiewerte sein. Damit erreiche ich eine Flexibilität, die ich allein über die nationalen Indizes nicht habe.

Das Gespräch führte Kai Lange