Index-Umbau: Rechtzeitig auf den Wechsel setzen - DER SPIEGEL
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Index-Umbau Rechtzeitig auf den Wechsel setzen

In wenigen Wochen werden die europäischen Leitindizes Stoxx und EuroStoxx neu sortiert. Spekulationen mit Aufstiegskandidaten sind beliebt und beeinflussen die Kurse. Ein Überblick über mögliche Aufsteiger - und was europäische Fondsmanager von ihnen halten.
Von Kai Lange und Karsten Stumm
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Notierungen an den Aktienmärkten schwanken kräftig wie lange nicht mehr. Handelstage mit Kursschwankungen um die 100 Punkte im Dax  sind keine Seltenheit. "Es bildet sich kein klarer Trend heraus", sagt Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarktanalyse der Allianz  -Fondstochter Dit.

Investoren suchen in dieser Phase nach Haltepunkten, an denen sie ihre Investments ausrichten können. Die anstehende Neubesetzung in Europas bedeutendsten Aktienindizes Stoxx 50   und EuroStoxx 50   ist so eine, "und nicht die schlechteste", sagt Manfred Jaisfeld, Börsenexperte der National-Bank in Essen. "In der Vergangenheit war zu beobachten, dass die Kursentwicklung der Indexaufsteiger die der Indexabsteiger regelmäßig im Vorfeld der Indexaufnahme geschlagen hat."

Tatsächlich haben viele Anleger in den Vorjahren gut verdient, die frühzeitig auf die Aktien der Stoxx-Auswechselspieler gesetzt haben. Allein in den Jahren 2000 bis 2005 übertrumpften die Kurse der Stoxx-50-Aufsteiger die der Absteiger kurz vor der Indexumbildung um bis zu 20 Prozent. Ganz ähnlich entwickelten sich die Notierungen der Euro-Stoxx-50-Neulinge: Sie kamen in dieser Phase immerhin noch auf ein Plus von rund 15 Prozent.

Den Gewinn strichen allerdings nur Anleger ein, die sich nicht erst am Tag der Indexumbildung mit den Titeln der neuen Auswahlaktien eingedeckt haben. Schließlich setzte der Kursaufschwung stets etwa 40 Tage vor diesem Wechselstichtag ein, der im aktuellen Fall auf den 18. September fällt.

Vom Tag der Indexneugestaltung an kippte die Entwicklung regelmäßig um. Die Stoxx-50-Stars der Vorwochen verloren in den folgenden 40 Handelstagen nahezu ihre kompletten Gewinne, die Titel der neuen Euro-Stoxx-50-Mitglieder rutschten verglichen mit den Notierungen der Indexabsteiger sogar in die roten Zahlen.

Clevere Investoren sollten sich deshalb jetzt entscheiden, ob sie dem Trend der vergangenen Jahre erneut vertrauen und auf den vergänglichen Höhenflug der Aufstiegskandidaten spekulieren wollen.

Unicredit, BHP und Vinci hoch gehandelt

National-Bank-Experte Jaisfeld hat nach einigem Hin- und Herrechnen bereits die ersten Anwärter auf die Neumitgliedschaft in Europas Vorzeigeindizes ausgemacht. "Nimmt man die aktuellen Daten mit den Schlusskursen vom 17. August als Grundlage, müssten im Stoxx 50 die Aktie des französischen Konsumgüterproduzenten L'Oreal und der italienischen Telecom Italia   durch die Aktien der italienischen Großbank Unicredito und des britischen Minenkonzerns BHP Billiton   ersetzt werden. Der Austausch von L’Oreal durch Unicredit gilt dabei als praktisch gesichert, während die zweite Veränderung nach jetzigem Stand zwar als wahrscheinlich, keineswegs jedoch als gewiss angesehen werden kann", sagt Jaisfeld.

Außenseiterchancen auf den Aufstieg in den Stoxx 50 hätten zudem die Anteilsscheine des deutschen Energieversorgers RWE  . Im Euro Stoxx 50 gelten der Baukonzern Vinci   und der Stahlkonzern Mittal Steel  als diejenigen Kandidaten, die den niederländischen Einzelhandelskonzern Ahold   aus dem Index verdrängen könnten.

Warum aber können die Aktien der Aufsteiger schon vor der Index-Aufnahme kurzfristig zulegen? Der Index wird einmal pro Jahr so überarbeitet, dass gerade die Aktien den Aufstieg schaffen, die in der Vergangenheit ihre Marktkapitalisierung gesteigert haben. Dagegen droht Indexmitgliedern mit schlechter Kursentwicklung der Abstieg. Zudem profitieren alle potenzielle Aufstiegskandidaten von der Spekulation auf die Indexaufnahme. Manche Fondsmanager müssen schließlich die Neulinge in ihr Depot nehmen, wenn ihr Fonds beispielsweise die Zusammensetzung des Auswahlindex Stoxx möglichst genau nachbilden soll.

"Der Aufstieg ist der Abschluss"

Doch Anleger sollten nicht darauf wetten, dass am Tag der Indexumstellung am 18. September Fondsmanager in Scharen die Aufsteiger in ihre Depots nehmen und den Werten damit zu Kurssprüngen verhelfen werden. "Für uns spielt die Indexumstellung eine untergeordnete Rolle", sagt Udo Rosendahl, Fondsmanager des DWS Top 50 Europa. Wie die Mehrzahl der europäischen Aktienfonds wird auch der Top 50 Europa aktiv gemanagt: "Wir nehmen die Veränderungen im Index zur Kenntnis. Unsere Aufgabe ist jedoch, deutlich früher zu erkennen, wie die Veränderungen bei der Marktkapitalisierung zustande kommen", sagt Rosendahl.

Der Aufstieg in die Elite-Indizes sei meist Abschluss einer Entwicklung, die auf positiven Fundamentaldaten beruhe. "Wir bleiben bei den Werten, die nach unserer Einschätzung die besten Perspektiven bieten – im Gegensatz zu passiv aufgestellten Fonds müssen wir uns nicht am Index orientieren", sagt der DWS-Fondsmanager.

Aktien des französischen Baukonzerns Vinci hält Fondsmanager Rosendahl zum Beispiel schon länger im Depot. "Vinci hat ein überzeugendes Konzept, zeigt eine überdurchschnittliche Wertentwicklung und profitiert davon, dass derzeit viel Geld in den Aufbau von Infrastruktur investiert wird", sagt Rosendahl. Solange sich an diesen Voraussetzungen nichts ändere, sei die Aktie interessant – unabhängig davon, ob sie den Aufstieg schafft.

Einladung für Hedgefonds

Kurzfristige Auf- und Abstiegswetten mag der Fondsmanager nicht eingehen. "Unser Anlagehorizont ist länger. Auf ein kurzfristiges Momentum zu setzen, ist eher etwas für Daytrader oder Hedgefonds", sagt Rosendahl. Wer als Privatanleger bei den Aufstiegsspekulationen mitspielen wolle, müsse sich des Risikos bewusst sein: Eine Aufstiegswette kann auch schief gehen.

"An kurzfristigen Spekulationen vor einer Index-Umstellung beteiligen wir uns nicht", ergänzt Dirk Enderlein von der Fondgesellschaft dit. Zu groß sei das Risiko, sich in Folge einer solchen Spekulation einen Wert ins Depot zu holen, der nicht zum eigenen Investment-Ansatz passe. "Damit sich die Spekulation lohnt, müsste man außerdem eine größere Position aufbauen. Die Folge wäre eine Portfolio-Struktur, die man eigentlich nicht haben will", erklärt Enderlein.

Zweitens sei jede Investitionsempfehlung problematisch, die als bewährtes Erfolgsrezept gepriesen werde: "Was einmal funktioniert hat, findet in den Folgejahren viele Nachahmer. Damit verschiebt sich häufig auch der geeignete Einstiegszeitpunkt", meint Enderlein. Ein kurzfristiges Umschichten sei für einen rund 1,2 Milliarden Euro schweren Fonds wie den dit-Wachstum Europa auch mit Blick auf die Kosten wenig attraktiv: "Wir agieren anders als Hedgefonds oder kleinere Nischenplayer", sagt der Fondsmanager.

Enderlein sieht sich als "fundamentaler Stockpicker", für den strukturelle Wachstumschancen eines Unternehmens und dessen Cash-Flow-Entwicklung mehr zählen als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Index.

Doch auch aus seinem Blickwinkel sind einige der Aufstiegskandidaten interessant: Der Minenwert BHP Billiton zum Beispiel dürfte langfristig davon profitieren, dass Anbieter von Rohstoffen die Nachfrage kaum befriedigen könnten. Bei Unicredit gebe es langfristige Wachstumschancen durch die Restrukturierung nach der Übernahme der HVB sowie durch das Osteuropageschäft. Der Euro-Stoxx-Kandidat Mittal Steel beeindrucke zwar durch starkes Wachstum, sei jedoch anfällig für Schwankungen der Konjunktur.

Eine Umstellung sorgt nicht nur im Index, sondern regelmäßig auch in den Händlersälen für Bewegung. Die Neusortierung ist eine Einladung an alle kurzfristig orientierten Investoren, im Vorfeld ihr Glück zu versuchen. Für die großen Publikumsfonds sei ein solcher Termin jedoch kein Anlass zu großer Aufgeregtheit, so Enderlein. "Man kann nicht alles mitnehmen, sollte bei der Geldanlage seinem eigenen Ansatz treu bleiben", sagt der dit-Fondsmanager. Anleger mit einem Zeithorizont von mehreren Jahren sollten nicht vor jedem Umstellungstermin in kurzfristigen und kostspieligen Aktionismus verfallen.

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