Indien Die Kinder werden's schon richten
Hamburg - Der wirtschaftliche Boom täuscht über eines hinweg: Indien ist in sozialer Hinsicht immer noch ein Entwicklungsland. Eine gesetzliche Krankenversicherung existiert ebenso wenig wie Sozialhilfe, eine Rente für alle oder eine Pflegeversicherung. Die Kinder werden schon für uns sorgen, sind die meisten Inder überzeugt. "Eine Pflegeversicherung wurde bisher nicht so sehr vermisst, weil sich traditionell die Familie um die Pflege von Angehörigen kümmert", sagt Nidhi Raj Kapoor.
Kapoor ist Direktorin der Organisation HelpAge India, die die Interessen sozial schwacher alter Menschen in Indien vertritt. "Wer keine Kinder hat, um den sorgen sich eben Neffen, Nichten oder die Geschwister. Aber seit die Wirtschaft wächst, steuert die indische Gesellschaft auf die gleichen Schwierigkeiten zu, die die westlichen Staaten schon haben."
Damit meint Kapoor, dass das Pflegemodell Familie mit steigendem Wohlstand versagt: Die Jungen wollen Karriere machen, übernehmen westliche Lebensweisen, bekommen weniger Kinder. Großfamilien mit sechs und mehr Kindern - vor 50 Jahren noch durchaus üblich - sind in der städtischen Bevölkerung selten geworden. Die moderne indische Familie kommt mit zwei, höchstens drei Kindern aus. Entsprechend wenige Menschen werden sich um die Eltern kümmern können, wenn diese einmal Pflege benötigen. Schon heute werden Alte und Pflegebedürftige immer häufiger als Bürde empfunden - obwohl Respekt vor dem Alter und die Pflicht, für seine Eltern zu sorgen, immer noch wichtige Werte in Indien sind.
HelpAge India betreibt inzwischen rund 2000 Heime, in denen Senioren gepflegt werden. "In diesem Land mit 1,1 Milliarden Menschen gibt es viel zu wenige Pflegeheime", sagt Kapoor.
Indiens Bevölkerung, im Durchschnitt mit 25 Jahren noch eine der jüngsten der Welt, altert aufgrund der zurückgehenden Geburtenrate immer schneller. Die Politik will jetzt handeln, um in einigen Jahrzehnten nicht vor unlösbaren Problemen zu stehen. Finanzminister Palaniappan Chidambaram hat Anfang vergangenen Jahres angekündigt, den Etat für Soziales kräftig zu erhöhen, damit "alle Teile der Gesellschaft profitieren und der sozialen Gerechtigkeit Genüge getan ist".
Wer heute pflegebedürftig wird und keine Angehörigen hat, kann jemanden für die Betreuung anstellen, wenn er das nötige Geld hat. Gesellschaftlich akzeptiert ist dieses Pflege-gegen-Bezahlung-Modell trotz der Veränderungen in Indien gleichwohl noch nicht. Wer zugleich auch noch arm ist, dem bleibt nur das Leben als Pflegebedürftiger auf der Straße. Die seit 1999 gesetzlich vorgeschriebene staatliche Rente für hilfsbedürftige Alte dürfte kaum helfen. Sie beträgt maximal nur 750 Rupien. Das sind gerade einmal gut 13 Euro - im Monat.