Indien: Großes Land mit kleinen Lädchen - DER SPIEGEL
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Indien Großes Land mit kleinen Lädchen

Der Boom in Indien findet ohne die großen Handelskonzerne statt. Inder kaufen vor allem in kleinen Läden ein. Supermärkte sucht man vergeblich - die Regierung macht es den ausländischen Riesen schwer, dort Fuß zu fassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bangalore - Gemüse liegt zu Bergen getürmt auf dem Boden. Menschen drängen sich durch die Marktgassen, überall liegen zertretene Tomaten, Auberginen, Gurken. Eine Kuh sucht ihren Weg durch die Menschenmenge, bleibt unvermittelt stehen, frisst seelenruhig einen zerquetschten Blumenkohl und uriniert haarscharf an einem Haufen Karotten vorbei. Ein Händler putzt sich an seinem Stand die Zähne und spuckt anschließend auf den Boden aus.

Gestank, Geschrei, Getrampel, Gefeilsche. Der staatlich regulierte Gemüsegroßmarkt in der indischen IT-Hochburg Bangalore ist das organisierte Chaos. Hier bieten Zwischenhändler ihre Ware anderen Zwischenhändlern an. Bis zu sechs Glieder hat die Lieferkette zwischen Landwirt und Endverbraucher. Etwa 40 Prozent des Gemüses vergammeln auf diesem Weg, von Kühlkette haben die meisten noch nie etwas gehört. Ein Teil der Ware, heißt es, lande in den Kochtöpfen der Händler. Der Bauer jedenfalls bekommt nur Geld für das, was am Ende tatsächlich verkauft wurde.

Man muss sich angesichts dieser Bilder schon in Erinnerung rufen, dass Indiens Wirtschaft boomt. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist nach Regierungsangaben in den vergangenen sechs Jahren um 62 Prozent gestiegen, auf 25.778 Rupien (452 Euro) jährlich. Von den rund 1,1 Milliarden Indern gehören etwa 200 Millionen zum Mittelstand, andere Schätzungen gehen von mehr als 400 Millionen aus, je nach Definition des Begriffes. Die Unternehmensberatung McKinsey rechnet heute mit 40 Millionen mittelständischen Haushalten in Indien - und mit 65 Millionen im Jahr 2010.

Gesetze schützen Kleinsthändler

Hier entsteht ein höchst attraktiver Markt, an dem auch die weltgrößten Handelskonzerne verdienen wollen. Weit ist es damit allerdings nicht her: Indisches Bundesgesetz verbietet ausländischen Firmen, im Einzelhandel einzusteigen - zum Schutz der einheimischen Geschäftsbesitzer.

Seit Jahresanfang sind immerhin Beteiligungen bis zu 51 Prozent an Geschäften erlaubt, die sich auf Produkte einer einzigen Marke beschränken - Single Brand Stores also. Auf diese Weise müssen die Schönen und Reichen in Neu-Delhi, Bombay, Kalkutta oder Madras nicht auf Edelboutiquen von Louis Vuitton oder Sportgeschäfte von adidas oder Nike verzichten. Kaufhäuser, in denen alles zusammen angeboten wird, dürfen Ausländer nicht eröffnen.

Nach Angaben des indischen Handelsministeriums wird 97 Prozent des Einzelhandels von landesweit etwa zwölf Millionen Kleinsthändlern kontrolliert. Sie haben ihre Geschäfte in den Wohngebieten. In diesen Tante-Emma-Läden und auf Märkten erledigen die Inder ihre Besorgungen. Sie kaufen hier Reis, dort Gemüse, im dritten Geschäft Batterien, Schreibwaren oder Putzmittel.

Viele Familien in Indien schicken ohnehin ihren Koch zum Einkaufen. Kein Grund also, turnhallengroße Supermärkte zu vermissen. Erst allmählich entdecken indische Handelsfirmen wie Pantaloon Retail India das Kaufhausprinzip. Noch ist es so, dass die Verkäufer zumeist auch die Eigentümer der Läden sind, oft packt die ganze Familie mit an. Und alle haben ein großes Interesse daran, dass die Handelskonzerne der Welt draußen bleiben.

"Nicht freier, sondern fairer Handel"

Doch Riesen wie Wal-Mart (USA), Carrefour (Frankreich), Tesco (Großbritannien) oder Metro (Deutschland) stehen seit Jahren in den Startlöchern. Längst haben sie den Markt erkundet, das Konsumverhalten der Inder studiert, Büros eröffnet, Personal rekrutiert und vorsorglich schon mal Grundstücke gekauft. Die Preise haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht, in Bangalore um das Vierfache seit 2003. In zentraler Lage von Bombay kostet der Quadratmeter mehr als 2500 Euro.

Über ihren Einkauf für den weltweiten Handel verfügen die Konzerne über ein wirksames Druckmittel, um die indische Regierung zur Liberalisierung des Binnenmarktes zu zwingen: Noch wächst weltweit der Anteil der Produkte mit dem Aufdruck "Made in India". Aber das könnte sich ja auch wieder ändern.

"Wir öffnen ein Fenster nach dem anderen", verspricht Handelsminister Kamal Nath im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wie die Liberalisierung vonstatten gehen soll, verrät er nicht. Im Gespräch ist die schrittweise Öffnung des Marktes erst in ausgewählten Großstädten und später im ganzen Land. "Unser Ziel ist aber nicht ein freier, sondern ein fairer Handel", sagt er. Fair bedeute vor allem, dass die Industriestaaten ihre Subventionspolitik bei Agrarprodukten überdenken müssten, betont Nath. Es klingt, als könne das mit der Marktöffnung noch ein paar Jahre dauern. Der Weg von Sozialismus zu Kapitalismus ist beschwerlich.

Tagelanger Streik der Zwischenhändler

Einige Kilometer vom Gemüsegroßmarkt in Bangalore entfernt stehen immerhin schon zwei Shoppingcenter nach westlichem Vorbild - beides Cash & Carry-Märkte. Als erster ausländischer Handelskonzern hat Metro Warenhäuser in Indien eröffnet, das erste im Oktober 2003, das zweite einen Monat später. Möglich war das, weil Metro die Hürden umschiffte - Cash & Carry ist schließlich kein Einzel-, sondern ein Großhandel. Und der ist in Indien auch für ausländische Unternehmen erlaubt. Einkaufen darf in dem Markt nur, wer einen Gewerbeschein vorweisen kann, von sechs Uhr morgens bis 22 Uhr abends - täglich.

Die Bedingungen für Metro sind dennoch schwierig. So verbietet die Regierung des Bundesstaates Karnataka dem Unternehmen, Obst und Gemüse zu verkaufen. "Als wir hier eröffneten, wollten wir natürlich auch landwirtschaftliche Produkte ins Sortiment nehmen. Aber hier haben Hunderte Zwischenhändler tagelang gestreikt", sagt Harsh Bahadur, Metro-Chef in Indien.

Seither haben die staatlich kontrollierten Gemüsegroßmärkte das Monopol in der Großstadt. Metro entgeht damit eine wichtige Einnahmequelle. "Wir sind zuversichtlich, dass die Landesregierung das Gesetz bald ändern wird", sagt Bahadur.

Aber auch so ist das Geschäft lukrativ genug. Seit Eröffnung sind die Umsätze der beiden Märkte in Bangalore Jahr für Jahr um 30 Prozent gewachsen, derzeit liegen sie bei insgesamt 65 Millionen Euro. Insgesamt 16.762 unterschiedliche Produkte bietet Metro in Indien an, nahezu allesamt aus indischer Herstellung.

Schuhe statt Gemüse

Mit 20.000 verkauften Paar Schuhen pro Monat ist das Unternehmen der größte Schuhhändler von Bangalore. "Das war ein Erfolg, mit dem wir nicht gerechnet haben", sagt Bahadur. Käufer seien vor allem Firmen, die ihre Mitarbeiter mit Uniformschuhen ausstatteten.

Vor ein paar Wochen begannen die Bauarbeiten für den dritten Markt in Hyderabad, weitere sind in Bombay und Kalkutta geplant. "In Indien leben mehr als eine Milliarde Menschen, es gibt 32 Millionenstädte - das alles sind potentielle Standorte für uns", sagt Metro-Chef Hans-Joachim Körber. Angedacht, sagt Bahadur, seien "sechs bis acht Märkte in der näheren Zukunft".

Die Händler auf dem Gemüsegroßmarkt in Bangalore zeigen sich davon allerdings kaum beunruhigt. "Solange die ihre Sachen verkaufen und wir unsere, können die so viele Läden aufmachen, wie sie wollen", sagt der, der sich gerade die Zähne geputzt hat. "Sonst müssen wir eben wieder streiken."

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