Indische Raubkopie-Bücher Piraten aus dem Keller
Hamburg - Die Geschichte des 82-jährigen Buchhändlers T. N. Shanbag ist eine Geschichte von der Liebe zu Büchern, vom Respekt vor dem gedruckten Wort. Vor mehr als fünfzig Jahren hat Shanbag in Bombay den Laden Strand Book Stall gegründet, in dessen Regalen sich die Bücher bis an die Decke türmen. Heute ist das Geschäft für Bücherliebhaber eine Institution. Der Nobelpreisträger V. S. Naipaul kauft hier ebenso ein wie Regierungschef Manmohan Singh oder Präsident Abdul Kalam. Mit allen, sagt Shanbag mit Stolz, ist er gut befreundet.
An der Kasse sitzen Angestellte und unterhalten sich mit Kunden über Neuerscheinungen. In den engen Gängen zwischen den Regalen hocken Studenten und ziehen mühsam einen Titel aus den Stapeln. In indischen Buchgeschäften liegen die Bücher waagerecht, damit die hohe Luftfeuchtigkeit während der Monsunzeit das Papier nicht wellt.
Den größten Schaden für etablierte Händler wie Shanbag aber richten nicht Wetter und Feuchtigkeit an, sondern die Buchpiraten. Jedes Jahr kommen mehrere Millionen illegal kopierte Bücher auf den indischen Markt, besagen Schätzungen der International Intellectual Property Alliance (IIPA), zu der sich US-Verleger, Musik- und Softwareunternehmen zusammengetan haben.
Die Piraten kopieren fast alles - Romane, Sachbücher und wissenschaftliche Literatur. Oft verkaufen sie ihre Ware für einen Bruchteil des üblichen Preises und machen so ein Vermögen. Ein Teil der Kopien werde mittlerweile sogar eigens für den Export hergestellt - und gelange nicht nur in asiatische Länder, sondern auch in die USA, nach Europa und Australien, so die IIPA.
"Diese Leute, die Raubkopien herstellen und verkaufen, verfolgen zwar das gleiche Ziel wie ich: bezahlbare Bücher auf den Markt zu bringen", sagt Buchhändler Shanbag. "Aber sie tun das mit illegalen Mitteln, sie treten die Urheberrechte mit Füßen. Das sind gierige Menschen. Ich bin ein Büchermensch, kein Kaufmann." Das Wort Kaufmann spricht er mit einer Portion Verachtung aus.
Der alte Mann meint damit Tausende von Männern, Frauen, Jungen und Mädchen, die an Straßenkreuzungen, auf Märkten und vor Touristenattraktionen Bücher verkaufen. Autoren und Verlage sehen dafür keine Rupie. Die Qualität dieser Raubkopien schwankt: Manche stinken nach Lösungsmitteln, die Schärfe des Druckbildes schwankt, die Zeilen sind schief, manche Seiten zwischendrin unbedruckt. Andere sind vom Original nicht zu unterscheiden.
Moderne Offset-Anlagen in illegalen Druckereien
Hergestellt werden die Bücher in Kopier-Werkstätten in den Kellern der Städte. Nach Angaben der IIPA investieren die Raubkopierer inzwischen sogar in hochmoderne Offset-Druckanlagen - und stellen damit hochwertige Bücher her, die sich vom Original nicht unterscheiden.
Auf dem Connaught Place, im Zentrum der Hauptstadt Neu-Delhi, hat ein Mann ein großes Bettlaken ausgebreitet, auf dem Hunderte von Büchern liegen - von Kamasutra-Ausgaben über diverse Grass-Romane bis hin zu Hitlers "Mein Kampf", alles auf Englisch. "Wollen Sie einen Reiseführer?", fragt der Verkäufer. Er hält die neueste Auflage des "Lonely Planet India" hoch, der in Deutschland knapp 30 Euro kostet. "Nur 500 Rupien", sagt er, umgerechnet weniger als neun Euro. Nach einigem Feilschen wechselt der mehr als tausendseitige Band für umgerechnet fünf Euro den Besitzer.
Neben britischen Verlagen sind vor allem US-Verleger von der Buchpiraterie in Indien betroffen daher fordern sie von der Regierung in Neu-Delhi die Gründung einer "nationalen Anti-Piraterie-Task Force". Den Schaden für amerikanische Verleger beziffert die IIPA für das Jahr 2005 auf immerhin 42 Millionen Dollar. Außerdem solle die Regierung spezielle Gerichte einrichten, die "enorme Arbeitsrückstände im Bereich von Urheberrecht" aufholen. Bislang sei der juristische Weg "extrem langsam und schwerfällig".
"Die indische Regierung muss Piraterie, egal ob im Segment Buch, Film- und Musikdatenträger oder Software, als das erkennen, was es ist: Wirtschaftskriminalität", heißt es in einem IIPA-Papier. Zwar gebe es seit 2004 zunehmend Razzien gegen Raubkopierer, aber diese reichten noch längst nicht aus. Auch würden überführte Raubkopierer nicht hart genug bestraft. "Es fehlt die abschreckende Wirkung", schreiben die US-Verleger.
Der alte Herr des indischen Buchgeschäfts, T. N. Shanbag, stimmt solch harscher Kritik zu. "Ich bin Patriot, deshalb tut es mir in der Seele weh, zugeben zu müssen: Indien hat leider einen sehr niedrigen Standard, was Ehrlichkeit betrifft."
Er habe mehrere Buchgroßhändler erlebt, die nur 500 Exemplare eines Titels aus den USA oder aus Großbritannien bestellen und dann illegal 20.000 Exemplare in einer indischen Raubkopier-Werkstatt nachdrucken lassen. "Qualitativ entsprechen manche dieser Bücher höchsten Ansprüchen", sagt Shanbag. "Aber moralisch genügen sie überhaupt keinen."
Enorme Rabatte auf Literatur erlaubt
Shanbag will sich bei nächster Gelegenheit mit Premierminister Singh über das Problem unterhalten, damit die Verlage, vor allem aber die Schreiber, "die ja Garant unseren intellektuellen Fortentwicklung sind", zu ihrem Recht gelangen. Bereits vor fünfzig Jahren wirkte er daran mit, dass indische Leser preiswert an Lesestoff kommen.
Shanbag machte damals die Erfahrung, dass er sich als junger Mann kaum all die Bücher leisten konnte, die er lesen wollte. "Ich ging zu unserem Staatsgründer Jawaharlal Nehru, der übrigens ein großer Bücherfreund war, und sagte ihm: Wir müssen eine Sonderregelung finden." Drei Tage später trat ein Gesetz in Kraft, wonach Verleger lediglich den Höchstpreis für Bücher festlegen dürfen. Nach unten gilt keine Preisbindung - das gilt bis heute.
"Ich war 1948 der ersten Buchhändler der Welt, der auf jedes Buch zwanzig Prozent Rabatt gab", sagt Shanbag. Die größte Buchhandelskette der Welt, Barnes & Nobles, gebe erst seit 1976 so viel.
"Wenn ich wollte, könnte ich sogar jedes Buch verschenken", sagt Shanbag. "Manchmal mache ich das auch. Billiger geht es nicht. Da können selbst Raubkopierer nicht mithalten."