Industrie Autohersteller kämpfen mit Nachfrageeinbruch
Hamburg/Brüssel - Es ist vor allem das Tempo, mit dem die Zulassungszahlen absacken, das die Experten alarmiert: Allein im September mussten nahezu alle großen Hersteller wieder heftige Rückschläge hinnehmen. Bei BMW sanken die Zulassungen um 15,4 Prozent, bei Daimler gingen die Zulassungen um 6,3 Prozent zurück.
BMW-Zentrale in München: Weitere Fabrikschließungen denkbar
Foto: Getty ImagesUnter den US-Herstellern verzeichnete General Motors mit einem Minus von 18,1 Prozent den stärksten Rückgang. Ford musste ein Minus von 11,4 Prozent verkraften. Der größte japanische Hersteller Toyota verkauft 6,8 Prozent weniger Autos.
Einzig Volkswagen glänzte mit einem Anstieg von 1,4 Prozent zum entsprechenden Vorjahreszeitraum, wie aus den am Mittwoch in Brüssel veröffentlichten Daten des europäischen Herstellerverbandes Association des Constructeurs Europeens d'Automobiles (ACEA) hervorgeht. Die Wolfsburger steigerten zudem ihren Marktanteil von 18,3 auf 20,2 Prozent.
Dass die Nachfrage bald wieder anspringt, damit rechnen die Planer in den Konzernen offensichtlich nicht. Bei BMW könnte es deshalb nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" zu weiteren zeitweiligen Fabrikschließungen kommen. Bisher hatte der Vorstand angekündigt, die geplante Produktion von 1,5 Millionen Autos um 25.000 Autos kürzen zu wollen.
Zusätzliche Produktionsstopps zu erwarten
Werner Zierer, der Betriebsratsvorsitzende des BMW-Werkes Regensburg, in dem die Produktion vom 3. bis 8. November stillstehen wird, erwarte jedoch weitere Produktionsstopps, schreibt die Zeitung. "Da könnte noch etwas auf uns zukommen". Eine Entscheidung müsste noch im Oktober fallen. Auch Jens Köhler, Betriebsratschef im Werk Leipzig, kann sich vorstellen, dass zusätzliche Produktionsstopps ins Haus stehen.
Nach Produktionskürzungen bei Pkw setzt der Daimler-Konzern nun auch im Lkw-Geschäft den Rotstift an. Zwei Werke in Nordamerika sollen geschlossen und 3500 Beschäftigte entlassen werden, kündigte Daimler am gestrigen Dienstag in Stuttgart an. "Eine Erholung der eingebrochenen Lkw-Nachfrage zeichnet sich in Nordamerika nicht am Horizont ab", sagte der für das weltweite Lkw-Geschäft zuständige Daimler-Vorstand Andreas Renschler. Die Lkw-Traditionsmarke Sterling soll im Zuge des 440 Millionen Euro teuren Sparprogramms ganz von der Bildfläche verschwinden.
Damit tritt Daimler nach ersten, noch zaghaften Einsparversuchen voll auf die Bremse und will mit dem Befreiungsschlag die Kosten für Produktion, Material, Löhne und Logistik massiv drücken. Vom Jahr 2011 an sollen durch die Schließung der Werke in St. Thomas in Kanada (2009) und Portland im US-Bundesstaat Oregon (2010) rund 900 Millionen Dollar gespart werden. Insgesamt soll die Produktion durch die Werksschließungen im kommenden und übernächsten Jahr um ein Fünftel gekürzt werden, um die Kapazitäten mit der flauen Nachfrage in Einklang zu bringen. In Europa brummt das Lkw-Geschäft zwar noch, eine Abkühlung ist jedoch absehbar.
Die zeitweilige Schließung in nahezu allen europäischen Fabriken hatte vor kurzem auch die deutsche General Motors-Tochter Opel bekannt gegeben. In Deutschland stehen an den Standorten in Bochum mit 5000 Mitarbeitern und Eisenach mit 1800 Beschäftigten die Bänder für zwei bis drei Wochen still. Damit will Opel die Produktion bis zum Jahresende um rund 40.000 Fahrzeuge drosseln.
Aber nicht nur die Autoindustrie bereitet sich auf die wirtschaftliche Abkühlung vor, auch die Flugzeugbauer sind zu Plankorrekturen gezwungen. So rückt Airbus erstmals von seinen Ankündigungen zum Ausbau der Produktion ab. "Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage auf den Finanzmärkten überprüfen wir natürlich unsere Produktion und die Märkte und werden eine Entscheidung treffen, wenn sie nötig ist", sagte ein Sprecher der EADS-Tochter der "Financial Times Deutschland". Während Airbus bisher immer betont hatte, das Unternehmen halte trotz der Turbulenzen in der Luftfahrtbranche am geplanten Hochfahren der Produktion fest, fehlt dieser Zusatz jetzt. Der Airbus-Sprecher sagte, dass eine Entscheidung über Anpassungen noch nicht getroffen sei.
Airbus schiebt Produktionserweiterung auf
Nach bisheriger Planung wollte Airbus die Produktion seiner kleineren A320-Flugzeugfamilie von zuletzt monatlich 36 Maschinen auf mindestens 40 im Jahr 2010 steigern. Auch bei den Großraumflugzeugen einschließlich des Riesen-Airbus A380 war ein Ausbau der Produktion vorgesehen.
Direkter bekommt die fränkische Schaeffler-Gruppe die Finanzkrise zu spüren. Einem Bericht des "Handelsblatts" zufolge haben die beteiligten Banken Probleme, das Risiko für den 16-Milliarden-Euro-Deal weiterzureichen. Es sei immer Ziel gewesen, dass die beteiligten Banken Teile der Finanzierungszusage am Markt weitergeben. Dies sei wegen der Finanzmarktkrise nun aber schwieriger geworden, heißt es in dem Blatt unter Berufung auf Kreise der HypoVereinsbank. Die Kredite sollen nun nachverhandelt werden. Darauf wolle sich Schaeffler einem Sprecher zufolge jedoch nicht einlassen.
Gleichwohl sieht BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf noch keinen Grund zu echter Sorge. Die Unternehmen im Land seien trotz der Risiken durch die Finanzkrise gut aufgestellt, sagte Schnappauf am Mittwoch im RBB-Inforadio. Dennoch werde die Wirtschaft mit den Folgen der Krise zu kämpfen haben. Daher sei es notwendig, "Wachstumsbremsen" zu lösen und zum Beispiel Bürokratie abzubauen.
mik/dpa-AFX/Reuters