Infineon-Aktie Totalabsturz nach Gewinnwarnung
München - Viele treue Kleinanleger des einstigen Börsenstars Infineon wurden am Mittwoch ihrer letzten Illusionen beraubt. Noch vor gut einem Jahr hatten sie sich im Börsenboom um die Aktien derSiemens-Tochter geradezu geprügelt. Nun übertraf Konzernchef Ulrich Schumacher mit der Hiobsbotschaft von immensen Verlusten im drittenQuartal des laufenden Geschäftsjahres die schlimmsten Befürchtungen. Der Aktienkurs brach um zeitweise 16 Prozent ein und ist von einstigen Höchstständen bei über 90 Euro meilenweit entfernt.
Siemens hatte seine Halbleitersparte nach Milliardenverlusten ausgegliedert und zum günstigsten Zeitpunkt an die Börse gebracht. Die Zyklik des Chipgeschäfts, die Siemens zum Ausstieg bewog, offenbarte sich nun in den vergangenen Monaten. Im dritten Quartal brechen die Umsätze laut Schumacher verglichen mit dem Vorquartal um 30 Prozent ein, weil Bestellungen aus der Mobilfunk- und PC-Branche ausbleiben und die Preise insbesondere bei Speicherchips ins Bodenlose fallen.
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Schon beim Börsengang hatten einzelne Analysten auf den so genannten Schweinezyklus in der Halbleiterbranche hingewiesen. Selbst Schumacher wies stets auf die Risiken des Geschäfts hin, um die Euphorie zu bremsen. So warnte denn die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre vor einer "Milchmädchen-Hausse". Doch zum Höhepunkt des Börsenbooms im März 2000 waren kritische Stimmen kaum gefragt.
Infineon galt als neue Volksaktie. "Das ist eine echte Goldgräberstimmung", sagte ein Sprecher der Münchner Stadtsparkasse damals; allein dort stürmten an den ersten beiden Zeichnungstagen 20.000 Kunden an die Bankschalter. Der Massenansturm vor allem auch privater Anleger führte zu einer 30fachen Überzeichnung der Emission.
Inzwischen hat sich die Stimmung deutlich abgekühlt. Zwar zierte sich Schumacher lange Zeit. Man habe für das Gesamtjahr keine Prognose abgegeben, also müsse auch nichts korrigiert werden, argumentierte der erfolgsverwöhnte Konzernlenker, der zum Börsenstart in New York an der Wall Street im Rennwagen vorfuhr.
Doch bereits im März dieses Jahres steuerte die Konzernmutter Siemens gegen. Die Gewinnziele für dieses Jahr könnten entgegen ursprünglichen Angaben nur ohne Einberechnung von Infineon erreicht werden, warnte Siemens-Chef Heinrich von Pierer in New York. In der Branche wurde über schlechte Stimmung zwischen Pierer und Schumacher spekuliert, da Infineon gleichzeitig keine Gewinnwarnung abgab.
Diese Planungen sind nun Makulatur. Vor allem die Höhe des Verlusts im dritten Quartal überrasche, sagte Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. Er habe vor Steuern und Zinsen mit einem Minus von höchsten 200 Millionen Euro gerechnet. Tatsächlich soll der Verlust dreimal so hoch ausfallen. Auch für die kommenden Monate sieht Schumacher noch kein Licht am Ende des Tunnels. "Die Zahl derer, die eine Erholung noch in diesem Jahr sehen, geht rasant gegen Null", stellte er fest.
Axel Höpner, dpa