Insolvenz-Szenarien Was Opel im Pleitefall droht
Hamburg - Die erlösende Nachricht für Opel lässt auf sich warten. Ein Krisentreffen folgt dem anderen, im Kanzleramt, in Brüssel, in der Opel-Zentrale, auch nachts - doch noch ist keine Rettung in Sicht. Politik, Management von Opel sowie Mitarbeiter und Gewerkschaften sind sich einig, dass die Traditionsmarke gerettet werden soll, wenn der Mutterkonzern General Motors (GM) Insolvenz anmeldet.
Opel-Modelle im Werk Bochum: Wohin geht die Reise?
Foto: DPAAber hier endet auch schon die Einigkeit, denn die Interessen der Beteiligten sind unterschiedlich gelagert. Es geht um Jobs, Werke, Steuermilliarden, den Autostandort Deutschland: Wie viel darf die Rettung wen kosten? Und was darf wofür geopfert werden? Die Ministerpräsidenten der betroffenen Bundesländer haben andere Prioritäten als Regierungschefs, in deren Machtbereich kein Opel vom Band rollt, bundespolitische Retter wiederum andere als potentielle Investoren.
Seitdem Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) erklärt hat, eine Opel-Insolvenz nicht ausschließen zu wollen, ist der Streit vollends entbrannt: Darf man das Wort Insolvenz überhaupt in den Mund nehmen, wenn doch Opel gerettet werden soll? Oder schließen sich Insolvenz und ein Fortbestehen von Opel gar nicht aus?
SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick, was auf Opel im Falle einer Insolvenz zukommt.
Welche Zukunft hat Opel?
Insolvenz, Treuhandmodell oder Übernahme durch einen Investor - das sind die Optionen für Opel. Als potentielle Retter, die den Autohersteller übernehmen könnten, werden vier genannt: der italienische Autokonzern Fiat, der österreichisch-kanadische Zulieferer Magna, der US-Finanzinvestor RHJ International und der chinesische Autohersteller Bejing Automotive Industry (BAIC). Ihre Chancen werden unterschiedlich bewertet, ebenso ihre Pläne für Opel.
Nach Aussage von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sind nur noch Fiat und Magna im Rennen. RHJ International sei "abgewählt" worden, sagte er. Wirtschaftsminister Guttenberg erklärte, von BAIC liege eine Interessenbekundung vor, deren Substanz "ausbaufähig" sei.
Guttenberg, bis vor kurzem noch als Opel-Retter gefeiert, ist plötzlich der Buhmann, seitdem er sich weigert, sich auf ein Lösungsmodell festzulegen. Mitte Mai schlug er vor, Opel befristet einem Treuhänder zu übergeben, um das Unternehmen vor einer drohenden Insolvenz von GM zu schützen. Eine weitere Option sei eine Insolvenz, sagte er. "Bliebe es bei diesen Defiziten, wäre eine geordnete Insolvenz die klar bessere Lösung."
Experten weisen darauf hin, dass eine Insolvenz keineswegs das Aus für das betroffene Unternehmen bedeuten würde. Ein solches Verfahren sei vielmehr eine Möglichkeit, die Firma zu sanieren. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sagte dagegen: "Eine Insolvenz ist praktisch eine Liquidation."
Was hat es mit einer "geordneten Insolvenz" auf sich?
Die Formulierung "geordnete Insolvenz" ist eine Erfindung derer, die ein solches Verfahren befürworten. Sie soll suggerieren, dass eine Insolvenz keineswegs ein Chaos bei Opel zur Folge habe - es soll eben "geordnet" zugehen. Tatsächlich jedoch gilt bei jeder Insolvenz das Insolvenzrecht, somit ist dieses Verfahren immer "geordnet" - und kann zum Ergebnis haben, dass das Unternehmen saniert und fortgeführt oder, wenn wirtschaftlich nicht tragfähig, liquidiert wird.
Vor Beginn eines Insolvenzverfahrens lässt sich das Ergebnis nicht voraussagen, Ziel ist jedoch immer, das Unternehmen zu erhalten. Ein Vorteil der Insolvenz wäre, dass Opel von Altlasten befreit und damit attraktiver für Investoren werden könnte.
Autoexperten warnen dennoch vor einer Opel-Insolvenz: Nach Ansicht von Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sei diese Lösung "ein hochriskantes Vorgehen für das Unternehmen und die Arbeitsplätze". Die Beispiele Saab und Chrysler zeigten, dass eine Insolvenz mit einem Rückgang der Verkaufszahlen um 30 bis 40 Prozent verbunden seien. Zusätzlich müssten bei den Neuwagen drastische Preisabschläge hingenommen werden.
Eine Insolvenz, so Dudenhöffer, brächte Opel "in eine Abwärtsspirale, die nur sehr schwer zu bremsen ist und zusätzliche Kosten in der Höhe von mehreren Milliarden Euro verursacht". Dies gelte selbst in einer Art "schnellen" Insolvenz, die nach sechs Monaten beendet wäre. Je länger die Insolvenzphase dauere, umso höher seien aber die Verluste und umso schwieriger sei es, die Marke und ihre Verkäufe wieder auf "Normalniveau" zu bringen.
Nach Ansicht des Autoexperten Stefan Bratzel ist Opel zu klein, um alleine zu überleben - somit hätte ein nach einer Insolvenz geschrumpftes Unternehmen Opel erst recht keine Chance, ohne Partner im Wettbewerb zu bestehen. VW verkauft weltweit rund sechs Millionen Fahrzeuge im Jahr, Opel derzeit nur 1,5 Millionen. Die Autobranche sei sehr sensibel und Käufer könnten durch das schlechte Image der Insolvenz abgeschreckt werden, sagt auch Bratzel. Konsequenz: Es drohe ein starker Absatzeinbruch.
Was geschieht mit den Opel-Mitarbeitern?
Eine Insolvenz hat nicht zwangsläufig Massenentlassungen zur Folge. Die Bezahlung der Mitarbeiter wäre nach Insolvenzrecht in den ersten drei Monaten nach Eröffnung des Verfahrens gesichert. Ob und in welchem Ausmaß es zu einem Stellenabbau kommt oder ob gar alle Mitarbeiter ihren Job verlieren, weil das Unternehmen geschlossen wird, stellt sich erst im Laufe des Verfahrens heraus.
Die Bundesregierung verlangt von den Interessenten jedoch eine Garantie für alle vier Opel-Standorte in Deutschland. Einem Bericht des "Handelsblatts" zufolge erwartet die Regierung, dass "mittelfristig alle Standorte und so weit wie möglich auch die Arbeitsplätze in Deutschland erhalten bleiben".
Autoexperte Willi Diez von der Universität Geislingen warnte die Beteiligten vor unhaltbaren Arbeitsplatzversprechen. "Job- und Standortgarantien abzugeben ist in der aktuellen Lage schlicht unmöglich", sagte er der "Bild"-Zeitung. "Egal, wer den Zuschlag bei Opel erhält - man muss deutlichen Jobabbau in Kauf nehmen." Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer bezifferte den Stellenüberhang bei Opel Europa auf 10.000 der insgesamt 50.000 Jobs. Es sei daher "unseriös, die Bieter zu Job-Versprechungen zu zwingen, die in Kürze schon wieder Makulatur sind".
Wer sind die Leidtragenden?
Wie auch immer die Lösung für Opel aussieht - den Staat wird es eine Menge Geld kosten. Aus Sicht der Steuerzahler wäre eine Insolvenz dabei die günstigste Variante. Denn für den Staat kommt diese Lösung wohl deutlich preiswerter als eine Übernahme durch einen Investor - die bisherigen Interessenten verlangen milliardenschwere staatliche Unterstützung für ihre Rettungsarbeit.
Im Falle einer Insolvenz wird etwa das Ausfallgeld in den ersten drei Monaten durch ein Umlageverfahren der Bundesagentur für Arbeit finanziert und über die Berufsgenossenschaft eingezogen.
Wer profitiert von einer Opel-Insolvenz?
Natürlich gäbe es auch Profiteure einer Opel-Insolvenz - das wären in erster Linie die Konkurrenten Volkswagen, Ford oder auch die französischen Kleinwagenhersteller Peugeot/Citroën und Renault. Denn einerseits würden sich die Kunden von Opel abwenden, wie Autoexperte Dudenhöffer es befürchtet, andererseits dürfte ein Insolvenzverfahren auch auf eine drastische Kürzung der Produktion hinauslaufen.
Ein Konkurrent in der Autobranche wäre damit wirksam geschwächt oder - im schlimmsten Fall - sogar vom Markt verschwunden. Angesichts der weltweiten Überkapazitäten von schätzungsweise 20 bis 30 Prozent würde das den Druck auf die Opel-Konkurrenten, die eigene Produktion zu reduzieren, spürbar mindern.
Aber noch in anderer Hinsicht würden die Konkurrenten profitieren: Ihnen böten sich ganz neue Möglichkeiten, hochqualifiziertes Personal zu rekrutieren. Speziell Ingenieure werden auch in Krisenzeiten gesucht - egal ob es sich um Motorenspezialisten, Computerfachleute oder Elektrotechniker handelt.