Interview "Ballmer will das Gesicht eines netteren, sanfteren Microsoft werden"
SPIEGEL ONLINE:
Warum ist Bill Gates zurückgetreten? Nur aus den Gründen, die er angab?
Joshua Quittner: Nein. Ich glaube, er ist abgetreten, um sein Haus in guten Zustand zu bringen, bevor das Justizministerium die Fenster ("windows") rausnimmt. Und nichts anderes werden sie tun; es gibt einfach keine andere Lösung. Wenn sie Windows an andere Firmen lizenzierten, gäbe das einen Salat rivalisierender, inkompatibler Betriebssysteme - das Letzte, was die Welt braucht. Also muss Gates sich auf das Unvermeidliche vorbereiten. Und es sieht so aus, als glaube er, dass das Betriebssystem von den Anwendungen getrennt wird. Offensichtlich will er bei der Firma mit dem Betriebssystem bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte, dass der Rücktritt mit dem Prozess zusammenhängt?
Joshua Quittner: Die Zeitungen am Tag vorher waren voll von Gerüchten, dass Microsoft geteilt werden soll. Warum hat Microsoft ausgerechnet diesen Zeitpunkt gewählt, um die Umstrukturierung bekannt zu geben?
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Führungswechsel für das Unternehmen? Ist die Zukunft dadurch heller oder dunkler geworden?
Joshua Quittner: Ich glaube, es macht nicht den geringsten Unterschied. Es sind dieselben Leute in leicht verschiedenen Funktionen. Gates und Ballmer liegen auf einer Wellenlänge. Zwei Leute, ein Gedanke - das war immer so, das wird immer so sein.
SPIEGEL ONLINE: Was ändert sich innerhalb von Microsoft, wenn Sie die beiden Persönlichkeiten vergleichen?
Joshua Quittner: Ballmer ist ein leidenschaftlicher Verkäufer. Er hat wunderbare Energie und Charisma. Er wird versuchen, das "Neue Gesicht" von Microsoft zu werden, das Gesicht eines sanfteren, netteren Microsoft, das sich als Underdog verkaufen wird.
SPIEGEL ONLINE: Wie viel Einfluss wird Bill Gates noch auf Entscheidungen haben?
Joshua Quittner: Microsoft ist das Baby von Bill Gates. So lange er lebt und dort arbeitet, wird es seine Firma sein. Ich erwarte aber, dass er sich etwas aus der Öffentlichkeit zurückzieht und Ballmer das "Gesicht" der Firma werden lässt.
SPIEGEL ONLINE: Bill Gates will wieder programmieren. Ist er nach so vielen Jahren im Management auf der Höhe des technischen Fortschritts? Ist er die erste Wahl für den Posten des Chef-Entwicklers?
Joshua Quittner: Hier kann ich mir eine US-zentrische Sportmetapher nicht verkneifen. Bill Gates ist für das Programmieren, was Bill Parcells für American Football ist: Er muss es nicht wirklich können, um ein Team zum Sieg zu führen. Ich bezweifle, dass Gates alle Feinheiten der Programmiersprache C++ kennt, aber ich habe keinen Zweifel, dass er ein Stück Code ansehen kann und sofort weiß, wo das Problem liegt.
Das Interview führte Carsten Volkery