Interview "Bisher hat Nokia uns nicht enttäuscht"
SPIEGEL ONLINE:
Was hat Sie an Nokia am meisten fasziniert?
Jean-Marc Göttert: Die finnische Unternehmensphilosophie. Ollila und sein Team haben es geschafft, in diesem riesigen Konzern einen kooperativen Führungsstil mit wenigen Hierarchien zu etablieren. In Helsinki habe ich eine viel "modernere" Firmenkultur erlebt als beispielsweise bei Siemens, Motorola oder Bertelsmann. Ich glaube, dass das der Weg der Zukunft ist.
SPIEGEL ONLINE: Wie stark ist das Schicksal von Nokia mit dem Erfolg von UMTS verwoben?
Göttert: Bei UMTS muss man sehen, dass die Hersteller neben den Handys und dem Aufbau der Netzwerke auch an den Diensten verdienen, die sie Netzbetreibern zur Verfügung stellen. Und da sind die Finnen schon heute sehr stark.
SPIEGEL ONLINE: Warum glauben Sie das?
Göttert: Nokia-Chef Jorma Ollila hat 1998 - wieder einmal sehr früh - das Internet als drittes Standbein des Konzerns begriffen und in diesen Bereich stark investiert. Davon sieht man zwar heute nicht besonders viel, aber das wird sich in den kommenden Jahren auszahlen.
SPIEGEL ONLINE: Könnten nicht die Netzbetreiber den Zulieferern sämtliche Gewinne aus UMTS abpressen?
Göttert: Das wird immer wieder gesagt, ist aber in der Praxis schwierig. Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass Nokia längst zum Global Player avanciert ist und sich besonders in den USA und Asien engagiert. Ein Unternehmen mit so vielen Standbeinen wird vermutlich nicht gleich einbrechen, wenn es in Europa mit UMTS Probleme gibt.
SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich sind die asiatischen Konkurrenten?
Göttert: Die sind nicht zu unterschätzen. Japanischen Elektronikmultis wie Sony, Panasonic und Toshiba sind bei Know-how und Fertigungstechnik auf einem sehr hohen Stand, konnten dies aber bisher wegen unterschiedlicher Mobilfunkstandards nur schwer nach Europa exportieren. Mit der Einführung des UMTS-Standards fällt dieses Hindernis weg.
Ich würde die japanischen Hersteller allerdings eher als Konkurrenz für Motorola oder Siemens sehen, die noch keine globale Handymarke wie Nokia aufbauen konnten. Bei aller Euphorie für fernöstliche Ingenieurskunst darf man die Finnen nicht unterschätzen: Sie haben längst die nächsten Modelle in der Schublade. Von den Entwicklungszeiten her müssen die Designer und Ingenieure in Helsinki den Trends etwa zwei Jahre voraus sein - und bisher hat Nokia uns nicht enttäuscht.
SPIEGEL ONLINE: Sie nennen in Ihrem Buch als ein mögliches Risiko eine feindliche Übernahme von Nokia. Wer könnte solch einen Angriff starten?
Göttert: Wir haben ja bei Vodafone gesehen, wie Corporate-Raiders zuschlagen können. Dass dies einer der Handy-Konkurrenten sein könnte, glaube ich bei dem heutigen Marktwert von Nokia nicht. Aber das ist ja nicht unbedingt auf den Mobilfunkbereich beschränkt. Bereits heute drängen die großen Computer und Handheld-Produzenten auf diesen Markt, allen voran Microsoft.
SPIEGEL ONLINE: Könnten die großen Technologiefirmen Nokia das Wasser abgraben?
Göttert: Microsoft darf man natürlich nie unterschätzen, man hat deren Gefährlichkeit ja an vielen Fronten gesehen. Aber fast alle US-Firmen haben sich bisher kaum mit Mobilfunk aus Europa auseinander gesetzt. Bei dem Mobilfunkstandard GSM haben sie so ziemlich alles verschlafen, was es da an Entwicklung gegeben hat. Jetzt nähert man sich dem europäischen Standard langsam an. Es wird meines Erachtens noch einige Jahre dauern, bis hier eine echte Konkurrenz heranwächst.
SPIEGEL ONLINE: Was sind die größten Risiken für Nokia?
Göttert: Das Hauptrisiko sehe ich in der richtigen oder falschen Einschätzung des Marktes. Wir haben das ja im letzten Jahr bei Ollila gesehen, als die Zahl der weltweit verkauften Handys einbrach und Nokia seine Absatz- und Umsatzzahlen korrigieren musste. Innerhalb kürzester Zeit brach die Nokia-Aktie ein und verlor rund ein Fünftel ihres Wertes. Für Nokia ist es also extrem wichtig, die Marktpotenziale in den USA und China richtig einzuschätzen und das Timing samt Logistik - also time-to-market - richtig hinzubekommen. Ansonsten droht eine Schieflage.
Eine weitere Gefahr kommt auf den Konzern zu, wenn sich Ollila aus dem aktiven Konzerngeschäft zurückzieht. Es ist zwar mit Pekka Ala-Pietilä bereits ein fähiger Kronprinz bestellt, der ist aber in der Öffentlichkeit eigentlich so gut wie unbekannt. Beim Weggang des charismatischen Ollila könnte die Erfolgsgeschichte einen Knick bekommen.
Das Interview führte Carsten Matthäus