Interview "Börse ist echt geil"
SPIEGEL ONLINE:
Sie haben mit 16 Ihr Taschengeld in Aktien gesteckt. Haben Sie bisher mehr gewonnen oder mehr verloren?
Bastian Timm: Unterm Strich habe ich mehr gewonnen. Das aber nur, weil ich rechtzeitig verkauft und Gewinne mitgenommen habe.
SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie sich schon etwas von ihren Gewinnen kaufen?
Timm: Ja, einen antiken Flipperautomaten der Marke "Williams" und zwei gute Anzüge zum Beispiel. Das meiste Geld habe ich aber wieder in Aktien investiert.
SPIEGEL ONLINE: Was war bisher Ihr größter Treffer?
Timm: Einmal habe ich in zehn Minuten knapp 600 Mark verdient, und zwar mit Commerce One. Ein anderes Mal haben sich meine SER-Aktien innerhalb von drei Wochen verdoppelt. Die habe ich dann mit sattem Gewinn verkauft.
SPIEGEL ONLINE: Und was war Ihr größter Fehler?
Timm: Irgendwann habe ich einmal Abit-Aktien gekauft, als ich meinen Freund am Nachmittag vom Flughafen abholen sollte. Nach dem Motto: "Kurz Geld verdienen, um am Abend was trinken zu gehen." Das ist voll in die Hose gegangen.
SPIEGEL ONLINE: Sie beraten bereits Ihre Eltern und andere Erwachsene bei deren Anlagen. Was raten Sie denen momentan?
Timm: Wenn wir überhaupt etwas unternehmen, dann spekulieren wir an der Eurex auf fallende Kurse. Ansonsten halte ich mich da momentan raus. Am Neuen Markt oder bei Technologietiteln warte ich die Korrekturphase ab. Charttechnisch sehen die meisten Titel ja auch noch ziemlich übel aus. Da muss sich erst noch ein neuer Boden herauskristallisieren. Momentan ist eine abwartende Position gar nicht so schlecht.
SPIEGEL ONLINE: Welche persönlichen Qualitäten braucht jemand, der an der Börse gewinnen will?
Timm: Zuerst einmal muss er genau wissen, was er an der Börse will, und darf sich nicht von jedem verrückt machen lassen. Man muss an sich selbst und seine eigenen Ideen glauben, dann hat man damit auch langfristig Erfolg. Außerdem sollte man an der Börse nicht zu gierig sein. Die Leute, die am Neuen Markt nicht genug kriegen konnten, haben wahrscheinlich Haus und Hof verzockt.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie da Mitleid?
Timm: Im Prinzip nicht. Ich würden den Anlegern allerdings zugute halten, dass sie nicht richtig informiert waren. Wie das in den Medien aber hochgekocht wurde: "Jeder kann spielend reich werden", das hat viele unerfahrene Leute an die Börse getrieben, was sicher nicht gut war.
SPIEGEL ONLINE: Sie sagen aber selbst in ihrem Buchtitel: "Börse ist echt geil".
Timm: Das Buch habe ich ja für junge Menschen geschrieben. Da könnte ich nicht sagen: "Börse ist wirklich faszinierend". Was ich meine, ist einfach der Kick, den man bekommt, wenn sich an der Börse die eigenen Entscheidungen bestätigen. Man sucht nach Informationen, analysiert, macht sich seine Gedanken über Branchen und ihre Zukunft. Wenn das dann so eintrifft, wie man es sich gedacht hat, dann ist das einfach ein geiles Gefühl.
SPIEGEL ONLINE: Ist es Ihr wichtigstes Ziel, schnell viel Geld zu verdienen?
Timm: Nein, gar nicht. Sicherlich ist Geld an der Börse wichtig. Wenn ich mich jeden Tag fünf oder sechs Stunden hinsetze, dann will ich nicht nur zehn Mark verdienen. Aber es ist nicht mein Lebensinhalt, möglichst schnell möglichst viel Geld anzuhäufen. Das wäre sehr traurig.
SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie denn zu solchen Vorwürfen?
Timm: Freunde sind mir tausendmal wichtiger als meine Karriere und mein Geld. Sobald ein Freund mich braucht, ist der Computer hier in zehn Sekunden aus und die Börse kann mich mal. Das wird auch, hoffe ich, weiter so bleiben. Meine Freunde halten mich mit beiden Beinen auf der Erde, und da bin ich auch sehr dankbar.
SPIEGEL ONLINE: Sie machen gerade ihr Abitur und wollen dann gleich in einem Brokerhaus anfangen. Warum so schnell?
Timm: Hier in Deutschland einfach Betriebswirtschaft oder Volkwirtschaft zu studieren, ist aus meiner Sicht Murks. Da lernt man nur verstaubte Theorien, mit denen man in der Praxis nichts anfangen kann. Das ärgert mich jetzt schon. In Mathematik soll ich irgendwelche Tabular-Ebenen mit Kreisen und Kugeln schneiden. Da frage ich mich jedes Mal: "Wozu brauchst Du das später?" In den vier Jahren, in denen andere studieren, kann ich wesentlich mehr erreichen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre "Börsenphilosophie"?
Timm: Keinen Trends hinterherzulaufen. Ich investiere jetzt in Branchen, von denen ich glaube, dass sie nächstes Jahr "in" sind. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel in Modewerte wie Donna Karan oder Hugo Boss investiert, und die sind jetzt gut gelaufen. Außerdem nehme ich Gewinne von über 20 Prozent immer mit und lasse das nur selten weiter laufen.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, Sie wissen schon alles?
Timm: Natürlich will ich noch viel lernen. Ich sage jetzt nicht: "Ich kann schon alles, ich bin der Guru." So eine Einstellung wäre fatal für meine Börsengeschäfte, denn wer sich an der Börse selber überschätzt, wird schnell auf den harten Boden der Realität aufschlagen.
Das Interview führte Carsten Matthäus